Neue Broschüre: Der sowjetische Staatskapitalismus und Imperialismus (1917-1991)

Unsere neue Broschüre: „Der sowjetische Staatskapitalismus und Imperialismus (1917-1991)“ (ca. 109 Seiten) von Soziale Befreiung (Hg.) ist da. Die Broschüre könnt Ihr für 5-€ (inkl. Porto) hier über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Inhalt
Eineleitung
Der sowjetische Staatskapitalismus als Übergangsgesellschaft
1. Der sowjetische Staatskapitalismus
2. Von der NEP zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft
3. Die ursprüngliche staatskapitalistische Industrialisierung
4. Stagnation und Todeskrise des sowjetischen Staatskapitalismus
5. Die Privatisierung des Kapitals

Proletarischer Klassenkampf in der Sowjetunion
1. Legaler Klassenkampf
2. Konspirativ-illegaler Alltagsklassenkampf
3. Streiks und ArbeiterInnenaufstände
4. Reproduktives Klassenbewusstsein, die „unabhängige Gewerkschaftsbewegung“
und die Privatisierung des Kapitals

Frauenunterdrückung in der UdSSR
1. Die staatskapitalistische Reproduktion der weiblichen Hausarbeit
2. Die sowjetische Frau als Gebärmaschine
3. Repressive Sexualmoral
4. Institutionalisierte Frauenbewegung

Sowjetischer Imperialismus
1. Der sowjetische Imperialismus
2. Der sowjetische Imperialismus bis zu Beginn des Kalten Krieges
3. Die UdSSR und die osteuropäischen Staatskapitalismen
4. Der sowjetische Imperialismus und der Trikont
5. Die sowjetische Kapitulation im Kalten Krieg
6. Der Zerfall der UdSSR

Der sowjetische Staatskapitalismus

Russland war vor der Revolution von 1917 im Wesentlichen noch eine Agrargesellschaft, die kapitalistische Industrialisierung hatte erst begonnen. Auch herrschte in der russischen Landwirtschaft bis 1917 ein von kapitalistischen Erscheinungen durchsetzter Feudalismus. Über die russische Gesellschaft erhob sich der russische Staat. Dieser stellte eine Mischform aus asiatischer Despotie und europäischen Absolutismus dar und stützte sich auf die beiden besitzenden Klassen, Adel und Bourgeoisie. Wirtschaftlich stützte er sich auf die zahlenmäßig schwache und politisch unselbständige Bourgeoisie und politisch auf den landbesitzenden Feudaladel. Die russische Bourgeoisie und ihr politisches Personal standen zwar zum Zarismus in politischer Opposition, gleichzeitig lebte sie wirtschaftlich von ihm und seinen Staatsaufträgen.
Auch kam der Klassengegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit schon in der russischen Gesellschaft zum tragen. Die russische ArbeiterInnenklasse hatte schon in der Revolution von 1905 eine große Rolle gespielt. In dieser Revolution bildeten sich auch zum ersten Mal spontan die Sowjets, die ArbeiterInnenräte, heraus. Die russischen KapitalistInnen hatten mehr Furcht vor der jungen russischen ArbeiterInnenklasse als vor dem Zaren.
Diese russische ArbeiterInnenklasse bestand 1917 ungefähr aus dreieinhalb Millionen IndustriearbeiterInnen und fünf Millionen LandproletarierInnen – bei einer Gesamtbevölkerung von 159 Millionen (1913). Auch die IndustriearbeiterInnen hatten sich sozial noch nicht vom Land gelöst – ein Großteil der IndustriearbeiterInnen waren bäuerliche SaisonarbeiterInnen. Doch die kombinierte Entwicklung Russlands brachte es mit sich, dass die kapitalistische Industrieproduktion hier sofort als Großproduktion in Erscheinung trat. Die riesigen Fabriken, die größtenteils dem Staat oder dem ausländischen Kapital gehörten, brachten eine hoch konzentrierte ArbeiterInnenklasse – besonders in St. Petersburg und Moskau – hervor, was ihren kollektiven Klassenkampf enorm begünstigte.
1914 marschierte das zaristische Russland an der Seite Großbritanniens und Frankreichs in den imperialistischen Weltkrieg. Die russische Bourgeoisie unterstützte diesen blutigen Alptraum aus ganzem Herzen, schließlich brachte er ansehnlichen Profit ein. Bezahlen mussten diesen Krieg die russischen ArbeiterInnen und BäuerInnen. Die ArbeiterInnenklasse wurde in der Kriegsproduktion gnadenlos ausgebeutet, während die russischen BäuerInnen in die Armee gepresst wurden um für Zar, GrundbesitzerInnen und Bourgeoisie zu töten und zu sterben. Den Anforderungen der modernen Barbarei war das technisch und politisch rückständige Russland nicht gewachsen. Der Zarismus zerbrach am Ersten Weltkrieg. Die Februarrevolution brachte der kranken Monarchie den tödlichen Stoß.
Die russische Revolution durchbrach nicht die Schranke der bürgerlichen Klassengesellschaft, trotz ihrer gewaltigen sozialen Dynamik. Die Februarrevolution von 1917, die wesentlich vom Proletariat und den meuternden Soldaten Petrograds getragen wurde, fegte die alte Zarenherrschaft hinweg und schuf eine Doppelherrschaft. Auf der einen Seite die ArbeiterInnenräte und Fabrikkomitees, die instinktiv nach der kollektiven und selbstorganisierten Übernahme der Fabriken durch die ArbeiterInnen strebten. Dieses instinktive Streben konnte nur zu einer genossenschaftlichen – genauer: kleinbürgerlich-kollektiven – Form der industriellen Warenproduktion führen. Die Aufhebung der kapitalistischen Warenproduktion und die Zerschlagung des Staates, also die revolutionäre Selbstaufhebung des Proletariats, war wegen dessen sozialer Schwäche objektiv nicht möglich und wurde wegen der subjektiven Schwäche der damaligen sozialrevolutionären Theoriebildung auch nicht von den bewusstesten ArbeiterInnen angestrebt. Auf dem Lande erhob sich die BäuerInnenbewegung. Sie war kleinbürgerlich, das heißt, sie strebte die Aufteilung des Großgrundbesitzes zu Gunsten vieler kleiner PrivateigentümerInnen an.
Die proletarische Selbstorganisation in Form der Sowjets und Fabrikkomitees wurde durch das kleinbürgerliche BerufspolitikerInnentum deformiert. Dieses BerufspolitikerInnentum hatte seine Basis in den sozialdemokratischen „ArbeiterInnenparteien“, der offen proprivatkapitalistischen Partei der Menschewiki und den kleinbürgerlich-radikalen Bolschewiki, und der bäuerlich geprägten und auch proprivatkapitalistisch eingestellten „SozialrevolutionärInnen“. Die offen proprivatkapitalistischen kleinbürgerlichen BerufspolitikerInnen der menschewistischen und „sozialrevolutionären“ Partei beherrschten nach der Februarrevolution die Sowjets. Sie forderten das traditionelle politische Personal der schwachen russischen Bourgeoisie – die Kadettenpartei und den Verband der ländlichen Selbstverwaltungskörperschaften – auf, die Staatsgewalt zu übernehmen, was dieses nach einigem Zögern auch tat und die Provisorische Regierung bildete. Diese Regierung war die Gegenmacht zu den Sowjets und den Fabrikkomitees.
Auch die bolschewistische Partei, der radikale Flügel der Sozialdemokratie, wurde von kleinbürgerlichen BerufspolitikerInnen beherrscht. Doch der führende Kopf dieser Partei, Lenin, orientierte sie ab April 1917 auf den Sturz der Provisorischen Regierung. Die soziale Dynamik der Klassenauseinandersetzungen in Sowjetrussland begünstigte die Bolschewiki. Der proletarische Klassenkampf und die Agrarbewegung stießen mit der liberalen Bourgeoisie, den GroßgrundbesitzerInnen und der Provisorischen Regierung immer härter zusammen. Diese Zusammenstöße konnten anfangs durch die „ArbeiterInnenpartei“ der Menschewiki und die „sozialrevolutionäre BäuerInnenpartei“ abgemildert werden. Beide Parteien beteiligten sich an der provisorischen Regierung und der „Sozialrevolutionär“ Kerenski wurde Regierungschef. Menschewiki und rechte „SozialrevolutionärInnen“ wurden durch ihre proprivatkapitalistische Politik in das politische Personal der Bourgeoisie aufgenommen. Sie wurden für kurze Zeit großbürgerliche politische Strömungen. Gleichzeitig beherrschten sie – noch – die Sowjets.
Die Bourgeoisie, GroßgrundbesitzerInnen, Menschewiki und rechten „SozialrevolutionärInnen“ führten den imperialistischen Ersten Weltkrieg weiter, bekämpften eine Agrarreform und gerieten in den Klassenkampf mit der ArbeiterInnenbasis der Sowjets und den Fabrikkomitees. Die Bolschewiki bündelten die Unzufriedenheit der Soldaten, BäuerInnen und ArbeiterInnen mit ihren Hauptforderungen nach Frieden, einer Bodenreform und „Alle Macht den Sowjets“. Allerdings besaßen die kleinbürgerlich-intellektuellen BürokratInnen des Bolschewismus nur ein taktisches Verhältnis sowohl zu den Forderungen bäuerlicher als auch zu denen proletarischer Bevölkerungsschichten. Wichtig waren für die Bolschewiki nur der Masseneinfluss und die wachsende Bedeutung ihrer Partei. Diese wurden tatsächlich immer stärker in den Sowjets. Dagegen half auch die Repression gegen die Bolschewiki – diese wurden faktisch im Juli 1917 in die Illegalität getrieben – durch die provisorische Kerenski-Regierung nichts. Ende August versuchte der General Kornilow und die hinter ihm stehende bürgerlich-feudale Reaktion einen erfolglosen Putsch gegen die provisorische Regierung und vor allem gegen die Sowjets. „SozialrevolutionärInnen“ und Menschewiki legalisierten vorsichtig und halbherzig die Bolschewiki, um Kornilow erfolgreich zu bekämpfen. Die Bolschewiki nutzen dies zur Verstärkung ihres eigenen Einflusses auf die bäuerlichen und proletarischen Massen zu Ungunsten ihrer groß- und kleinbürgerlichen GegnerInnen.
Die Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewiki im Oktober 1917 (nach altem russischen Kalender) stellte keine proletarische Revolution dar, sondern eine bürgerlich-bürokratische Machtübernahme mit anfänglicher proletarischer und kleinbäuerlicher Massensympathie sowie nachträglicher Billigung durch die Sowjets. An Hand der Oktoberrevolution kann mensch wunderbar studieren wie sich bürgerliche Politik und kapitalistische Produktionsweise gegenseitig bedingen und wechselseitig reproduzieren. Dieses Studium erfordert aber den ideologischen Nebelschleier zu durchdringen, welcher der Partei-„Kommunismus“ – von einigen Links-„KommunistInnen“ über die TrotzkistInnen bis zu den StalinistInnen – noch immer über die bolschewistische Machtübernahme im Oktober 1917 produziert.
Nach der marxistischen Ideologieproduktion beginnt die soziale Revolution mit der politischen Machtübernahme des Proletariats, der Errichtung der Diktatur des Proletariats in Form eines „ArbeiterInnenstaates“. Dieser „ArbeiterInnenstaat“ soll dann alle Produktionsmittel unter seine Kontrolle nehmen und die bürgerliche Konterrevolution zerschlagen. Sind diese Aufgaben dann erledigt, soll er friedlich absterben und einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft Platz machen. Das kann mensch schon im Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels nachlesen. Der nachmarxistische und nachanarchistische Kommunismus kritisiert diese marxistische Ideologieproduktion auch auf Grund der Erfahrungen der Russischen Revolution als konterrevolutionär.
In der Praxis kann es keinen „ArbeiterInnenstaat“ geben. Der Staat beherrscht die ArbeiterInnenklasse und nicht anders herum, so wie es die marxistische Ideologieproduktion will. Die ArbeiterInnenklasse kann auch in der sozialen Revolution nicht die Staatsmacht erobern, sondern nur den Staat zerschlagen und die kapitalistische Warenproduktion und damit auch sich selbst aufheben. Die Diktatur des Proletariats ist die Zerschlagung des Staates durch das Proletariat, aber nicht die Errichtung eines „ArbeiterInnenstaates“
Auch in der Praxis übernahm nicht das russische Proletariat den Staat, sondern bolschewistische BerufspolitikerInnen. Diese Machtübernahme war also bürgerlich und nicht proletarisch. Und wie jeder bürgerliche Staat dachte auch der Sowjetstaat nicht daran abzusterben, sondern sich zu festigen und auszudehnen.
Auch der sozialdemokratische Marxismus der Menschewiki, der davon ausging, dass die Russische Revolution eine „bürgerliche“ war, und der Versuch der Durchführung einer „sozialistischen Revolution“ durch die Bolschewiki ein reines Abenteuer darstellen würde, da Russland noch nicht „reif“ für den Sozialismus sei, stellte eine ideologische Verschleierung der Wirklichkeit dar. Erstens müssen wir wiederholen, dass das, was Menschewiki und Bolschewiki unter „sozialistische Revolution“ verstanden aus heutiger kommunistischer Sicht lediglich eine bürgerliche Machtübernahme war. Und für die bürgerliche Machtübernahme der Bolschewiki war Russland reif. Für die revolutionäre Selbstaufhebung des Proletariats hingegen war Russland noch nicht reif, da das russische Proletariat nur eine Minderheit in einem Agrarstaat war. Dass das russische Proletariat trotzdem sozialrevolutionär war und etwas versuchte, was nur scheitern konnte, zeigt dessen subjektive Reife. Denn wer unter ungünstigen Bedingungen nicht kämpft, wird auch unter besseren Bedingungen nicht siegen. Nicht nur die Bolschewiki waren mit der Provisorischen Regierung aneinander geraten, sondern auch die BäuerInnen und das revolutionäre Proletariat, am besten verkörpert in den Matrosen von Kronstadt.
Die menschewistische Ideologieproduktion sollte nur davon ablenken, dass die internationale Sozialdemokratie längst Teil der privatkapitalistischen Konterrevolution geworden ist. Auch im Industriestaat Deutschland stellte sich die Sozialdemokratie auf die Seite der Bourgeoisie, sozialdemokratische BerufspolitikerInnen schlugen dort die revolutionären Anläufe des Proletariats (1918-1923) nieder.
Die Provisorische Regierung konnte von den Bolschewiki in einer zweiten bürgerlichen Machtübernahem hinweggefegt werden, weil die russische Bourgeoisie und ihr politisches Personal – einschließlich der Menschewiki – zu schwach waren, sowohl gegen die zaristische Sozialreaktion als auch mit dem sozialen Unmut des Proletariats und der BäuerInnen fertig zu werden. So taten die Bolschewiki das, was die Bourgeoisie und ihr politisches Personal nicht vermochten, sie beendeten die Russische Revolution als Massenaktion der ArbeiterInnen und BäuerInnen durch soziale Demagogie und Gewalt.
Die soziale Demagogie stellte die marxistische Ideologie der Bolschewiki dar, mit der sie sich selbst und das Weltproletariat betrogen. Auch wenn sie sich fortan nicht mehr SozialdemokratInnen, sondern „KommunistInnen“ nannten, blieben sie letztendlich doch radikale SozialdemokratInnen, kleinbürgerliche BerufspolitikerInnen, welche durch die Eroberung des Staates zu GroßbürokratInnen wurden, zu objektiven KlassenfeindInnen des Proletariats.
Diese Art von „Revolution“, in der kleinbürgerliche Radikale das politische Personal der Bourgeoisie entmachten, war in kapitalistischen Industriestaaten nicht möglich. Dort waren die beiden Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft, Bourgeoisie und Proletariat, schon voll entwickelt, es gab kein Machtvakuum für den kleinbürgerlichen Radikalismus. Im Westen konnte sich nur die wirkliche soziale Revolution entwickeln, die eigenständige politische Machtübernahme von kleinbürgerlichen „Kommunistischen“ Parteien war unmöglich. Doch das war das ideologisch gestellte Ziel der von Moskau gesteuerten „Kommunistischen“ Internationale und ihren Sektionen in den kapitalistischen Industriestaaten. An dieser Unmöglichkeit scheiterten auch alle Versuche der „K“PD während der revolutionären Nachkriegskrise (1918-1923) die politische Macht zu übernehmen. Sie schwankte hilflos zwischen Sozialreformismus und Putschismus.
Moskau und ihre Handlanger in den „Kommunistischen“ Parteien des Westens gingen auch gegen wirkliche proletarische RevolutionärInnen mit Parteiausschluss und Hetze vor. Die SozialrevolutionärInen wurden von Moskau und von westlichen „KommunistInnen“ als „Ultralinke“ beschimpft und bekämpft. So wurde die „Kommunistische“ Internationale schon vor Stalin zum Schwanz der kapitalistischen Konterrevolution gegen das revolutionäre Proletariat. Doch es entwickelte sich trotzdem eine von Moskau unabhängige kommunistische Bewegung, am radikalsten und am klarsten im Rätekommunismus verkörpert. Wir heutigen nachmarxistischen und nachanarchistischen KommunistInnen stehen ganz klar in dieser Tradition, aber auch nicht unkritisch.
Aus unserer Sicht war also die Oktoberrevolution die zweite bürgerliche Machtübernahme nach dem Sturz des Zarismus. Eine kleinbürgerliche Partei eroberte die Staatsmacht und wurde dadurch großbürokratisch. Die „kommunistische“ Parteibürokratie führte eine kleinbürgerliche Bodenreform durch, sie legalisierte die Agrarrevolte indem sie den Grundbesitz des Adels, der Krone, der Kirche und der Klöster entschädigungslos enteignete. Dadurch stand sie von Anfang an fester im Sattel als die Provisorische Regierung, welche die Agrarrevolte bekämpft hatte. Das bedeutet aber nicht, dass die Beziehungen zwischen dem bolschewistischen Staat und dem BäuerInnentum harmonisch gewesen wären. Der bolschewistische Staat requirierte von den BäuerInnen während des BürgerInnen- und imperialistischen Interventionskrieges zwischen 1918 und 1921 (siehe zu diesem imperialistischen Gemetzel das Kapitel Der sowjetische Imperialismus im Text Sowjetischer Imperialismus) gnadenlos das landwirtschaftliche Mehrprodukt, manchmal sogar mehr, so dass die sozialökonomische Reproduktion der BäuerInnen gefährdet wurde. Sie bekamen dafür vom Staat immer weniger Industrieprodukte, weil praktisch nur noch für den Krieg produziert wurde, sondern wertlose Kreditbillets. Das führte zu bäuerlichen Aufständen gegen den sowjetrussischen Staat, besonders an der mittleren Wolga, welche die Bolschewiki brutal und blutig niederschlugen.
Die Bolschewiki verstaatlichten nicht sofort die industriellen Produktionsmittel. Sie experimentierten nach ihrer politischen Machtübernahme bis zum Frühsommer 1918 erst einmal mit der „ArbeiterInnenkontrolle“. Das bedeutete nichts anderes, als dass sie den Status Quo des Klassenkampfes festschreiben wollten. Die Bourgeoisie sollte erst einmal die Fabriken behalten, aber die ArbeiterInnen sollten die Bourgeoisie kontrollieren, das heißt, dass sie große Einspruchsrechte in das betriebliche Management hatten.
Die „ArbeiterInnenkontrolle“ konnte das Chaos in der Wirtschaft nur vergrößern. Denn der Klassenkampf zwischen PrivatkapitalistInnen und ArbeiterInnen konnte nicht staatlich gelenkt und dadurch künstlich im Stadium der Doppelherrschaft belassen werden. Entweder hätte die Bourgeoisie die „ArbeiterInnenkontrolle“ über ihr Eigentum wieder gebrochen oder die ArbeiterInnen hätten die Produktionsmittel ganz übernommen, was im Kontext der sozialen Verhältnisse im damaligen Sowjetrussland nur genossenschaftliches Eigentum in der Industrie, also kleinbürgerlich-kollektive Warenproduktion bedeuten konnte. Denn für eine wirkliche soziale Revolution – welche auch die Zerschlagung des bolschewistischen Staates erfordert hätte – war das russische Proletariat zu schwach. Aber es drängte zur Übernahme der Produktionsmittel, weil die russische Bourgeoisie noch schwächer war. Doch der sowjetische Staat wollte weder der Bourgeoisie gegen das Proletariat helfen, noch genossenschaftliches Eigentum in der Industrie erlauben. Aber der Status Quo der „ArbeiterInnenkontrolle“ ließ sich unmöglich weiter aufrechterhalten.
Auch die Bolschewiki mussten das im Frühsommer 1918 einsehen und verstaatlichten die gesamte Großindustrie. Im Winter 1920/21 übernahm der bolschewistische Staat auch Klein- und Kleinstunternehmen. Doch Verstaatlichung der industriellen Produktionsmittel bedeutete für die ArbeiterInnenklasse die Verstaatlichung der kapitalistischen Ausbeutung – und nicht deren Aufhebung wie die marxistisch-leninistische Ideologieproduktion behauptete. Denn das Kapital ist ein soziales Verhältnis zwischen Mietern (Kapital) und Vermietern der Arbeitskraft (LohnarbeiterInnen) und nicht zwingend an das Privateigentum an industriellen Produktionsmitteln gebunden. Staatliches Eigentum an den industriellen Produktionsmitteln heißt nichts anderes, als dass die sowjetrussischen ArbeiterInnen ihre Arbeitskraft dem Staat vermieten mussten. Nach der marxistisch-leninistischen Ideologieproduktion war der sowjetische Staat natürlich ein „ArbeiterInnenstaat“. Doch der Staat wurde von bolschewistischen BerufspolitikerInnen regiert und nicht von ArbeiterInnen. Diese BerufspolitikerInnen waren die ManagerInnen des Staatskapitals, das personifizierte Kapital, die Charaktermasken des Staatskapitals.
In der Ideologieproduktion der bolschewistischen Partei/Staatsbürokratie sah natürlich alles ganz anders aus. Als während der enormen Inflation des BürgerInnenkrieges der sowjetische Staat dazu überging seine ArbeiterInnen in Naturalien zu entlohnen – wodurch der Reallohn weiter sank –, machte der „linke Kommunist“ Bucharin daraus eine Tugend und behauptete, dass Inflation und Naturallohn den Übergang in den Kommunismus bedeuten würde: „Im System der proletarischen Diktatur erhält der „Arbeiter“ einen gesellschaftlichen Anteil, aber keinen Arbeitslohn.“ (Nikolai Bucharin, Ökonomik der Transformationsperiode, Berlin 1990, S. 216.)
Das Geld ist in der kapitalistischen Warenzirkulation ein Vermittler im Kreislauf Ware-Geld-Ware, die auf proletarischer Seite auch bei der Vermietung der Arbeitskraft durchlaufen wird, nämlich: Vermietung der Arbeitskraft-Geldlohn-Konsumgüter. Wenn der Staat nun statt mit Geld direkt mit Lebensmitteln die Arbeitskraft der proletarisierten Menschen eintauschte, änderte das nicht das Geringste an der kapitalistischen Lohnarbeit. Nein, der Naturallohn war nur Ausdruck eines primitiven kapitalistischen Staates während einer Notsituation. Der sowjetische Staat war immer ein Teil des Weltkapitalismus, von 1917 bis 1991, aller antikommunistischer und partei-„kommunistischer“ Ideologieproduktion zum Trotz.
Die Bolschewiki schufen also staatskapitalistische Produktionsverhältnisse. Als kleinbürgerliche Partei reproduzierten sie die bürgerliche Politik und bürgerliche Politik kann nur die kapitalistische Produktionsweise reproduzieren. Doch da in Russland die Bourgeoisie und ihr politisches Personal zu schwach waren, verstaatlichten die Bolschewiki das Kapitalverhältnis und entmachteten die Bourgeoise sozial. Nein, die Oktoberrevolution war kein sozialromantisches Abenteuer, wie die Menschewiki behaupteten, sie stellte die einzig mögliche kapitalistische Lösung der Krise des russischen Staates dar. Die revolutionäre Lösung, die Zerschlagung des Staates durch das Proletariat, war objektiv nicht möglich.
Die bolschewistische Parteidiktatur zerschlug alle Ansätze der Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse. Das musste sie auch aus Gründen der sozialen Eigendynamik der „kommunistischen“ Partei/Staatsbürokratie, die neben sich keinen sozialen Spielraum duldete. Schon gar nicht in den staatskapitalistischen Betrieben. Seit dem Sommer 1918 orientierte Lenin auf die Einmannleitung durch DirektorInnen in den Betrieben, was auf die Entmachtung und Zerschlagung der Fabrikkomitees, die unmittelbarste Form der proletarischen Selbstorganisation, hinauslief. Begonnen hatte diese sozialreaktionäre Entwicklung lange vor dem BürgerInnen- und imperialistischen Interventionskrieg. Aber noch heute benutzen die IdeologInnen des Partei-„Kommunismus“ sozialdemagogisch das imperialistische Gemetzel in Sowjetrussland als Rechtfertigung für die staatskapitalistische Konterrevolution. Es ist aber wahr, dass die zentrale bolschewistische Partei- und Staatsbürokratie den BürgerInnen- und imperialistischen Interventionskrieg dafür nutzte, um auch jeden proletarischen Widerstand gegen den Staatskapitalismus in Blut und sozialer Demagogie zu ersticken.
Die Streiks in Petrograd und der Kronstädter Aufstand im März 1921 zeigten deutlich, dass der staatskapitalistische Bolschewismus und das Proletariat durch Klassenkampf getrennt waren. Während das streikende Petrograder Proletariat teilweise empfänglich für menschewistische Propaganda war, löste sich in Form des Kronstädter Aufstandes das revolutionäre Proletariat von der bolschewistischen Bevormundung – und wurde dafür in Blut erstickt. Die Kronstädter Matrosen standen eindeutig für die proletarische Selbstorganisation und gegen die bürgerliche Konterrevolution. Ihr Aufstand war das letzte Aufbäumen der ArbeiterInnenklasse in der russischen Revolution und der Versuch deren bürgerlichen Rahmen durch eine dritte Revolution zu durchbrechen. Dass der Kronstädter Aufstand auch einige wirtschaftliche Forderungen des (besonders bäuerlichen) KleinbürgerInnentums erhob – bei klarer Ablehnung der Lohnarbeit! – war Ausdruck der wirtschaftlichen Rückständigkeit Sowjetrusslands. Lenin und Trotzki ließen als Ebert und Noske der russischen Revolution diesen verzweifelten Kampf des Proletariats in Blut ersticken. Die Niederlage der russischen ArbeiterInnenklasse in der Revolution ergab sich aufgrund ihrer sozialen Schwäche, die wiederum durch den niedrigen Stand der russischen Produktivkräfte und den Niederlagen des Weltproletariats bestimmt war. Durch die Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes beendeten die Bolschewiki ihre eigene Umwandlung von einer kleinbürgerlich-radikalen Strömung zu einer staatskapitalistisch-reaktionären. Die Russische Revolution war konterrevolutionär beendet. Was folgte war schwärzeste Sozialreaktion. GULAG war die Folge von Kronstadt 1921.