Streiks und ArbeiterInnenaufstände in der Sowjetunion


Streikende ArbeiterInnen im Juni 1962 in Nowotscherkassk

Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus der Broschüre „Der sowjetische Staatskapitalismus und Imperialismus (1917-1991)“ über die Streiks und ArbeiterInnenaufstände in der UdSSR. Die Broschüre könnt Ihr für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Wir widmen uns jetzt den radikalsten Ausläufern des proletarischen Klassenkampfes in der Sowjetunion, den Streiks und ArbeiterInnenaufständen. Dabei stützen wir uns auf folgende Quellen: Tony Cliff, Staatskapitalismus in Russland, SAG, Frankfurt/Main 1975, das sozialdemokratisch-antikommunistische Werk von Arnold Schwendtke (Hg.), Arbeiteropposition in der Sowjetunion. Die Anfänge autonomer Gewerkschaften. Dokumente und Analysen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1980 und auf Siegfried Jenkner, „Der Bazillus der Freiheit wandert über den Archipel GULAG“ –Streiks und Aufstände in sowjetischen Zwangsarbeitslagern, überarbeitete Fassung eines Vortrages beim Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta im Mai 2004 in Hirschberg/Weinstraße, http: //www.gulag.memorial.de.//pdf/jenkner_streiks.pdf. Diese kleine Chronik ist selbstverständlich nicht vollständig.
In den ersten Jahren nach der Russischen Revolution (1917-1921) und vor der forcierten ursprünglichen staatskapitalistischen Industrialisierung streikten die ArbeiterInnen noch. Im Jahre 1922 streikten 192 000 Lohnabhängige in staatseigenen Betrieben, 1923: 165 000, 1924: 43 000, 1925: 34 000, 1926: 32 900, 1927: 20 000 und in der ersten Jahreshälfte von 1928: 8900. Die abnehmenden Zahlen zeigen die wachsende Demoralisierung des sowjetischen Proletariats angesichts der triumphierenden staatskapitalistischen Sozialreaktion. Über Streiks der „freien“ ArbeiterInnen außerhalb der Zwangsarbeitslager in den 1930er und 1940er Jahren ist uns nichts bekannt. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Allerdings ist davon auszugehen, dass der aktive und offensichtliche Widerstand zur Zeit des großen Terrors der forcierten ursprünglichen staatskapitalistischen Industrialisierung relativ gering war.
Widmen wir uns also den Streiks und ArbeiterInnenaufständen im GULAG-System. Ende Oktober 1936 organisierten trotzkistische Gefangene einen Hungerstreik in Workuta, der auch von anderen Gefangenen unterstützt wurde. Sie aßen und arbeiteten nicht. Die Hungerstreikenden verlangten die Trennung der „politischen“ von den „kriminellen“ Gefangenen, die Einführung des gesetzlichen Achtstundentages auch in den Arbeitslagern, eine einheitliche Verpflegung unabhängig von der Arbeitsleistung, die Bezahlung der Arbeit und Einkaufsmöglichkeit sowie den Bezug sowjetischer Zeitungen im Lager. Nach etwa einer Woche reagierten die sowjetischen Repressivorgane darauf, indem sie die einzelnen Streikenden voneinander in Krankenlager isolierten und von Ärzten zwangsweise ernähren ließen. Die Streikenden leisteten gegen diese Repressivmaßnahmen keinen aktiven Widerstand, setzten ihren Ausstand aber fort. Einige starben in diesem Kampf, während andere den Hungerstreik abbrachen. Der Streik wurde schließlich von den letzten 40 AktivistInnen im Februar 1937 beendet als ein Telegramm aus Moskau die Erfüllung der Forderungen versprach. Doch das Stalin-Regime brach selbstverständlich seine Versprechungen.
Im Januar 1942 ereignete sich in einem kleinen Lager an der Ussa, etwa 350 Kilometer südwestlich von Workuta gelegen, ein bewaffneter Massenausbruch. In diesem Lager schufteten ungefähr 200 vorwiegend politische Gefangene auf einem Holzumschlagplatz am Fluss. Der Leiter des Lagers, früher selbst ein Inhaftierter, hatte erfahren, das eine neue Verhaftungs- und Hinrichtungswelle drohte. Er leitete diese Information an „seine“ Gefangenen weiter. Die Lagerinsassen beschlossen kollektiv lieber im Kampf zu sterben als kampflos hingerichtet zu werden. Sie überwältigten in einer gut durchdachten Aktion am 24. Januar 1942 die kleine Wachmannschaft und eigneten sich ihre Waffen an.
Einige Gefangene nutzten den Aufstand zur Flucht, doch 82 Menschen leisteten aktiven Widerstand. Die letzteren besetzten das Telegrafenamt und befreiten aus dem örtlichen Gefängnis 12 Häftlinge, welche sich dem Aufstand anschlossen. Widerstand wurde gewaltsam gebrochen. Doch es gelang den Aufständischen nicht, den Flughafen einzunehmen. Die staatlichen Repressivorgane eilten herbei und lieferten sich mit dem aufständischen Lagerproletariat bewaffnete Gefechte. Der Übermacht des Staates nicht gewachsen, zerstreuten sich die Rebellen in kleinen Gruppen in die umgebenden Wald- und Tundragebiete. Dort wurden sie von den staatlichen Repressivorganen nach und nach aufgespürt – und einige an Ort und Stelle liquidiert. Die meisten Aufständischen wurden jedoch „ordentlich“ hingerichtet. Einige wählten vor der Hinrichtung den Freitod.
In den frühen 1950er Jahren erschütterte eine Reihe von Aufständen das sowjetische Zwangsarbeitslagersystem. Auch diesen Aufständen war es zu verdanken, dass die herrschende Partei/Staatsbürokratie nach Stalins Tod schließlich auf dieses Mittel der Massenrepression verzichtete.
Den Anfang der permanenten Kette der Lageraufstände machte die Rebellion in Ekibastus 1951. Es folgten 1952 die Aufstände in Pestschani, Wochruschewo, Oserlag, Gorlag und in Norilsk. Schließlich ereignete sich im Juni 1953 der bedeutende Aufstand in Retschlag-Wotkuta. Die Aufstände in Kengir und in Kasachstan –dieser wurde besonders blutig niedergeschlagen – Anfang 1954 beendeten den Kampfzyklus des Lagerproletariats.
Der KGB ging gegen diese Aufstände mit Versprechungen – die dann nicht eingehalten worden – und schließlich mit brutaler Gewalt vor. Nachdem durch staatliche Repression die Aufstände und Streiks unterdrückt waren, wurden diese Lager aufgelöst und die Inhaftierten auf andere Lager verteilt, „RädelsführerInnen“ besonders bestraft und zur Beruhigung gab es ein paar Erleichterungen.
Chruschtschow löste schließlich das GULAG auf. Dies war Teil seiner so genannten „Entstalinisierung“, welche materialistisch betrachtet nichts anderes war als die Transformation der sowjetischen Gesellschaft vom Staatskapitalismus zum Staatskapitalismus (siehe dazu das Kapitel Stagnation und Todeskrise des sowjetischen Staatskapitalismus im Text Der sowjetische Staatskapitalismus als Übergangsgesellschaft).
Nachdem das GULAG-System aufgelöst wurde, entwickelte sich der Klassenkampf der zunehmend doppelt freien LohnarbeiterInnen in der Sowjetunion. Wir wollen hier die bekanntesten Streiks und ArbeiterInnenaufstände der 1950er, 1960er und 1970er Jahre in der Sowjetunion benennen und kurz beschreiben.
Ein auch im Westen bekannt gewordener Streik ereignete sich Anfang 1959 im Thälmannwerk in Woronesch, welcher die mitfühlende Solidarität der StadteinwohnerInnen auf seiner Seite hatte. Doch die Geheimpolizei KGB konnte auch diesen proletarischen Klassenkampf in Repression ersticken. Im Werk wurden etliche AktivistInnen verhaftet.
Der nächste bedeutende ArbeiterInnenaufstand entwickelte sich 1960 in Temir-Tau, Gebiet Karaganda/Kasachstan. Dieser Aufstand wurde von der proletarischen Jugend getragen, die im „Kommunistischen“ Jugendverband Komsomol im Interesse des Staates desorganisiert war. Doch die proletarische Jugend nutzte diese verstaatlichte Organisation für eigene soziale Interessen. Die Jugendlichen sollten ein Kupferschmelzkombinat errichten, und mussten im Winter in Baracken und Zelten leben. Die Verpflegung bestand meist aus Suppe aus halbverfaultem, sauren Kohl.
Auch bulgarische ArbeiterInnen waren in Temir-Tau beschäftigt, die streng vom sowjetischen Proletariat getrennt wurden. Die sowjetischen ArbeiterInnen fühlten sich gegenüber ihren bulgarischen KollegInnen benachteiligt. Ob zu Recht oder zu Unrecht wollen wir hier nicht beurteilen. Wir können nur wieder mal feststellen, dass die nationalistische Spaltung des Proletariats auch 1960 in Temir-Tau funktioniert hatte.
Der Aufstand der sowjetischen JungarbeiterInnen begann während der Mittagspause in der Kantine. Ein Komsomolze kritisierte gegenüber dem Kantinenleiter das schlechte Essen. Der letztere ging auf diese Kritik nur mit groben Beschimpfungen ein. Der wütende Komsomolze goss daraufhin dem Kantinenleiter die Kohlsuppe über den Kopf. Der mit seinem eigenen Fraß Begossene begann den Komsomolzen zu verprügeln, was aber dessen KollegInnen handgreiflich unterbanden. Die JungarbeiterInnen schlugen die Kantine kurz und klein. Doch dann gingen sie auch handgreiflich gegen den Aufenthaltsraum der bulgarischen ArbeiterInnen vor, ihnen selbst sollen sie aber nichts getan haben. Doch schon allein die Zerstörung des Aufenthaltsraumes der bulgarischen ProletarierInnen stellte eine sozialreaktionär-nationalistische Tendenz dieses Klassenkampfes der sowjetischen JungarbeiterInnen dar. Im reproduktiven Klassenkampf reproduziert eben das Proletariat noch jede Menge bürgerliche Ideologie, unter anderem auch den Nationalismus. Aber grundsätzlich war der Klassenkampf des sowjetischen Jungproletariats in Tamir-Tau natürlich progressiv.
Die Führung des Streikes lag bei den LeiterInnen des Komsomol. Diese aufständischen Komsomolzen besetzten die Stadt Tamir-Tau. Ihnen gelang es auch die örtlichen Militäreinheiten zu entwaffnen. Die Soldaten weigerten sich auf die jungen ArbeiterInnen zu schießen und einige gaben sogar freiwillig den Aufständischen ihre Waffen. Doch die herrschende Nomenklatura ging sofort zur Repression über. Sie holte mit Flugzeugen KGB-Sondertruppen in das aufständische Gebiet. Die Schergen des Regimes schlugen auch diesen Aufstand wieder blutig nieder. Die Leichen wurden in Lastwagen fortgeschafft.
Der größte ArbeiterInnenaufstand der doppelt freien LohnarbeiterInnen in der Geschichte der UdSSR ereignete sich im Juni 1962 in Nowotscherkask/Gebiet Rostow. Der Anlass war die Erhöhung der Preise für Fleisch- und Milcherzeugnisse und die gleichzeitige Herabsetzungen der Leistungslohntarife für die zu erzeugenden Güter in vielen Betrieben. Dass war ein gewaltiger Angriff auf die soziale Reproduktion des sowjetischen Proletariats. Als dies in der Mittagspause am 1. Juni 1962 den ArbeiterInnen im Maschinenbauwerk von Nowotscherkask klar wurde, brach sich die Wut Bahn. Die Stahlgießereiabteilung entschloss sich dazu eine Delegation zur Direktion zu schicken. Doch das Management des Betriebes, bestehend aus dem Direktor, dem Chefingenieur und dem Sekretär des Parteikomitees, machte sich aus dem Staub.
Die Flucht des Betriebsmanagements machte die ArbeiterInnen noch wütender. Im Werk entwickelte sich der Streik. Die herrschende Partei/Staatsbürokratie schickte das Militär vor das Werk, dass die ArbeiterInnen zur Ruhe mahnte. Doch die Wirkung war eine gegenteilige. Das aufständische Proletariat verlangte vom Militär aktiv – einige Armeefahrzeuge wurden umgeworfen – das Werk zu verlassen. Das Militär kam dieser Aufforderung nach.
Als der Chefingenieur vorbeifuhr, wurde sein Fahrzeug angehalten und er musste den aufgebrachten ArbeiterInnen Rede und Antwort stehen. Er machte eine sehr schlechte Figur, was die grimmige Entschlossenheit der streikenden ArbeiterInnen noch weiter stärkte.
Schließlich rollten Panzerwagen der lokalen Garnison heran. Die Soldaten blieben in ihren Fahrzeugen, während die Offiziere hin und her liefen. Die ArbeiterInnen redeten auf die Soldaten ein, um ihre Solidarität zu gewinnen. Den Soldaten war auch sichtlich unwohl, aber sie fühlten sich an ihre Befehle gebunden. Die Offiziere forderten die ArbeiterInnen auf, auseinander zu gehen und das Militär auf das Werksgelände zu lassen. Doch die Streikenden dachten nicht daran. So fuhren die Militärfahrzeuge wieder ab – um auf der anderen Seite durch ein Ersatztor auf das Werksgelände zu gelangen. Außerdem trafen am Werk noch LKWs mit Milizen ein. Es entwickelte sich ein Handgemenge zwischen den Milizionären, die ihre Fahrzeuge verlassen hatten, und den ArbeiterInnen, bei denen die ersteren unterlegen waren. Die Miliz entschloss sich zur Flucht. Nach deren Flucht besetzte das Militär das aufständische Werk, wobei sich die Soldaten große Mühe gaben, die ArbeiterInnen nicht noch mehr zu provozieren. Allerdings reagierten sie auch nicht auf die Versuche der Streikenden mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Die Stimmung im Werk und in der Stadt wurde immer kämpferischer und richtete sich zunehmend feindlicher gegen das Chruschtschow-Regime. Als es dunkel wurde, rückten Panzer an und fuhren in den Hof. Jugendliche und sogar Schulkinder warfen sich auf Panzer und verstopften die Sehschlitze mit Gras oder Decken, damit die Fahrer ihre Panzer nicht weiter lenken konnten. Doch trotz aller Gegenwehr besetzten die Panzer das Werksgelände.
Am Morgen des 2. Juni begab sich das wütende Proletariat von Nowotscherkask zum städtischen Parteikomitee. Die Militärs gingen nicht gegen die aufständischen Menschen vor. Die Forderungen der Demonstration blieben vorwiegend sozialökonomisch. Der oberste „kommunistische“ Parteiboss von Nowotscherkask sprach zu den Menschen und spulte die übliche Propaganda ab, welche aber die aufgebrachten Menschen nicht mehr hören wollten und konnten. Sie verlangten von dem Parteibürokrat mit dem Geschwätz aufzuhören und bewarfen ihn mit frischer Erde.
Das war zu viel für das Regime. Die direkt vor dem Parteigebäude stehenden KGB-Truppen schossen mit Maschinenpistolen auf die aufgebrachten Menschen. Als das Gemetzel aufhörte und die Menschenmenge sich zerstreut hatte, war der gesamte Platz vor dem Stadtparteikomitee mit Verwundeten und Leichen bedeckt. Sanitäter und Milizionäre schafften die Toten fort und die Feuerwehr spülte das Blut vom Straßenpflaster.
Am dritten Tag schickte der Kreml die Parteibürokraten Mikojan und Poljanski nach Nowotscherkask, die mit vereinzelten ArbeiterInnen – nur kein Kontakt mit den ProletarierInnen als Kollektiv, als Klasse! – sprachen. So wurden die ArbeiterInnen von den hohen Bonzen verunsichert. Der Streik brach schließlich zusammen und die ProletarierInnen von Nowotscherkask gingen an die Arbeit zurück, während die Repression gegen die „DrahtzieherInnen“ des Streikes weiterging.
Die Leningrader TaxifaherInnen traten Ende Mai 1966 aus Protest gegen ihre Arbeitsbedingungen in den Streik. Besonders die Forderungen der staatlichen Betriebe, ihre Fahrzeuge auf eigene Rechnung zu reparieren, sorgten für Unmut. Ungefähr dreihundert FahrerInnen beteiligen sich an diesem Ausstand, bei der sie eine Kreuzung zwischen Litejni- und Newski-Prospekt mit ihren Autos besetzten. Nach dreißig Minuten brach der Leningrader Verkehr zusammen. Nach kurzer Zeit erschienen Milizeinheiten und KGB-Agenten in Zivil an der Kreuzung und zogen die TaxifahrerInnen mit Gewalt aus ihren Fahrzeugen. Die staatskapitalistische Repression beendete auf diese Weise den proletarischen Widerstand innerhalb von zehn Minuten. Fünf oder sechs TaxifahererInnen wurden vom Regime für die Organisation dieser Arbeitsniederlegung und Blockierung des Verkehrs verantwortlich gemacht und dafür in den Knast geworfen.
Ein weiterer Streik wurde im Februar 1973 von den ArbeiterInnen eines Großbetriebes der Stadt Witebsk organisiert. Der Anlass zur Arbeitsniederlegung war die Kürzung des Leistungslohntarifs. Der Reallohn lag in Witebsk weit unter dem sowjetischen Durchschnitt. Der höchste Lohn betrug 150 Rubel im Monat, welcher bei führenden FacharbeiterInnen durch die neuen Lohnleistungstarife noch um 20 Prozent gekürzt wurde. Der Streik begann nach Empfang des Lohnes nach dem neuen Tarif. Die ArbeiterInnen legten die Produktion für zwei Tage lahm. Der Streik wurde mit Zuckerbrot (die alten Lohntarife wurden wieder eingeführt) und Peitsche (KGB) beendet.