Neue Broschüre: Das proletarische 1968

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Inhalt

Einleitung

„1968“ in Westeuropa

1. Frankreich
2. Italien
3. Dänemark

Der proletarische Klassenkampf in der BRD (September 1969 bis 1973)

1. Die Septemberstreiks 1969
2. Die frühen 1970er Jahre
3. Die wilde Streikwelle von 1973
4. Der IG-Metallstreik für den Lohnrahmentarifvertrag II von 1973

Die bundesdeutsche Lehrlingsbewegung

1. Die soziale Situation der Lehrlinge
2. Die Lehrlingsbewegung zwischen proletarischem Klassenkampf und
kleinbürgerlich-radikaler Straßenbewegung
3. Die Essener Lehrlingsbewegung
4. Die Hamburger Lehrlingsbewegung
5. Lehrlingsbewegung und institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung

Die Septemberstreiks 1969(Auszug)

Eine Welle von wilden Streiks überflutete vom 2. bis 19. September 1969 das Land. Sie breitete sich von der Hoesch AG in Dortmund über nicht wenige Betriebe vor allem in der Montanindustrie in Nordrhein-Westfalen und im Saarland bis nach Bremen und der Oberpfalz aus. 140 000 ArbeiterInnen legten selbstorganisiert die Arbeit nieder. Die IG Metall und die IG Bergbau und Energie reagierten auf den proletarischen Druck, indem sie ihn durch vorgezogene Tarifverhandlungen in geordnete bürokratische Bahnen zu lenken versuchten.
Im Gegensatz zur 1973er Streikwelle waren die Septemberstreiks 1969 noch stärker von deutschen, männlichen, mehrheitlich sozialdemokratisch orientierten Facharbeitern geprägt, wie auch Peter Birke beschrieb. In nicht wenigen Streiks während des Septembers 1969 kam die Tradition der betrieblichen „Zweiten Lohnrunde“ zum Ausdruck, bei der durch wilde Streiks übertarifliche Lohnerhöhungen durchgesetzt wurden. Die in den Streiks oft erhoben Festgeldforderungen waren ein – wenn auch noch nicht voll bewusster – Angriff auf das Lohnsystem, welcher eben auch auf Lohnunterschiede beruht.
Peter Birke bringt das Engagement des deutschen männlichen und mehrheitlich sozialdemokratisch eingestellten FacharbeiterInnen auf den Punkt: „1969 waren die traditionellen Kerne, die den aktivistischen Flügel der bundesdeutschen Arbeiterbewegung nach 1949 geprägt hatten, noch einmal die dynamische Kraft der Streikwelle. Im Mittelpunkt nicht alleine des öffentlichen Interesses, sondern auch der faktischen Bewegung, standen die Belegschaften in den montanmitbestimmten Betrieben des Ruhrgebietes, in denen auf Grundlage der Arbeitsteilung, die sich in der Tarifpolitik der IGM in den 1960er Jahren entwickelt, die ,zweite Lohnrunde‘ ihre stärkste Ausprägung erfuhr. Die ,Veröffentlichung‘ dieser zuvor allgemein nur sehr selten wahrgenommene Tradition kehrte die Politik der ,individuellen‘ Lohnforderungen einzelner ,starker‘ (und gewerkschaftlich organisierter sowie sozialdemokratisch dominierter) Belegschaften nach außen. Damit konnte sich zumindest potenziell eine Art ,solidarische Lohnpolitik von unten‘ entwickeln, die zugleich Ansatzpunkte für eine Kritik des tayloristischen Fabrikregimes mit seiner Orientierung an ,Leistungslöhnen‘ und an der Umsetzung dieses Regimes in Form der Tarifverträge insgesamt enthielt. ,Das Brot ist für alle teurer geworden, also müssen auch die Löhne gleich steigen‘ – diese Mentalität der Streikenden bezog ihre Inspiration aus den Feldern der Reproduktion und einer Gebrauchswertorientierung, die der Idee der ,leistungsgerechten Bezahlung‘ diametral entgegenstand.“ (Peter Birke, Der Eigen-Sinn der Arbeitskämpfe. Wilde Streiks und Gewerkschaften in der Bundesrepublik vor und nach 1969, in: Bernd Gehrke/Gerd-Rainer Horn (Hrsg.), 1968 und die Arbeiter, a.a.O., S. 66.)
Der letzte Satz enthält einen theoretischen Fehler: Die Forderung nach größerer Lohngleichheit wird von Birke als „gebrauchswertorientiert“ bezeichnet. In diesem Begriff der „Gebrauchswertorientierung“ zeigt Birke theoretische Unklarheit über den Charakter der Warenproduktion. Er benutzt ihn wahrscheinlich als Gegenbegriff zu einer gewissen „Orientierung auf den Tauschwert“. Aber eine solche Gegenüberstellung ist unsinnig. Denn der Tauschwert ist nichts ohne Gebrauchswert. Ein Ding ohne bestimmte gewisse nützliche Eigenschaften ist in der Regel unverkäuflich. Außerdem gelangt mensch in der Warenproduktion an den Gebrauchswert der meisten Dinge nur über den Austausch, also über die Zahlung ihres Tauschwertes. Bei jedem Tausch geht es dem Käufer direkt und dem Verkäufer indirekt um den Gebrauchswert. Die Forderungen nach höheren Löhnen bzw. nach größerer Gleichheit zwischen ihnen sind also genauso tauschwert- wie gebrauchswertorientiert. Denn auch in den Septemberstreiks kämpften die beteiligten ArbeiterInnen vor allen Dingen um einen höheren Tauschwert bei der Vermietung ihrer Arbeitskraft, aber natürlich um damit mehr Lebensmittel einzutauschen, um deren Gebrauchswerte genießen zu können. Die Birkesche Behauptung von der gebrauchswertorientiertheit der Streikenden ist also inhaltlich unsinnig.
Aber er wollte wohl irgendwie zum Ausdruck bringen, dass in den Septemberstreiks eine gewisse praktische Kritik an der kapitalistischen Warenproduktion zum tragen gekommen sei. Dass war objektiv teilweise wirklich so, wenn auch nicht in der Art und Weise, wie es Birke meint. In jedem Streik wird die Produktion von Waren unterbrochen – also auch in den Septemberstreiks. Aber diese waren keine bewusste Sabotage um die Warenproduktion durch eine andere gesellschaftliche Produktionsweise zu ersetzen. Die Produktion von kapitalistischen Waren wurde unterbrochen, um für die Vermietung der Arbeitskraft einen höheren Tauschwert zu erzielen, um dann wieder Waren für das Kapital zu produzieren. Natürlich kommen in jedem größeren, selbstorganisierten Streik auch kritische Töne gegenüber der Warenproduktion als solcher zum tragen, aber diese Tendenzen waren in den Septemberstreiks nur als Minderheitenpositionen zu spüren. Die Forderung nach größerer Lohngleichheit bringt in der Tat ein gewisses Unbehagen an der Konkurrenz und Ungleichheit, ohne die eine kapitalistische Warenproduktion nicht zu haben ist, zum Ausdruck. Und Revolutionäre sollen diese Tendenzen auch durchaus schätzen, aber sie dürfen sie eben nicht mit einer bewussten Kritik am Warencharakter der Arbeitskraft, also des Lohnsystems, verwechseln. Denn eine klare Orientierung für eine Gesellschaft, in der direkt für die menschlichen Bedürfnisse produziert wird, und dies nicht nur als Mittel um die Tauschwerte, also das Geld, zu vermehren, kann nur in längeren, heftigeren und bewussteren Klassenkämpfen entstehen, als es die Septemberstreiks waren. Denn es ist eine gewaltige Radikalisierung der proletarischen Mehrheit nötig, bevor diese bewusst die Warenproduktion und damit auch die eigene elende Existenz in Frage stellt. Zu behaupten, die beachtenswerte und auf gar keinen Fall zu ignorierenden Tendenz zur größeren Lohngleichheit durch die ArbeiterInnen in den 1969er Septemberstreiks wären bereits eine ausgeprägte Kritik an der kapitalistischen Warenproduktion gewesen, bedeutet das damalige Klassenbewusstsein zu überschätzen und das Problem der Herausbildung eines revolutionären Massenbewusstseins zu verharmlosen. Denn nur der bewusste Kampf gegen die Lohnarbeit kann einer gegen die kapitalistische Warenproduktion sein. Die Forderung nach mehr Gleichheit innerhalb des Lohnsystems ist eine Forderung nach einer „gerechteren“ Warenproduktion und Lohnarbeit. Doch der Inhalt des Lohnsystems, der extremste Ausdruck der kapitalistischen Warenproduktion, in der die Proletarisierten als scheinbare Naturnotwendigkeit ihre eigene Arbeitskraft vermieten müssen und die Geldform des Lohnes als verselbständigter Ausdruck des Tauschwertes der vermieteten Arbeitskraft, wurde mehrheitlich von den streikenden ArbeiterInnen im September 1969 nicht in Frage gestellt.
Trotz unserer Kritik an Birke stimmen wir seiner grundsätzlichen Einschätzung der Aktivitäten der deutschen, männlichen und sozialdemokratisch orientierten FacharbeiterInnen im September 1969 zu. Aber auch die ArbeitsmigrantInnen und proletarischen Frauen kämpften in dieser Streikwelle für ihre materiellen und sozialpsychologischen Bedürfnisse, wie Birke ebenfalls beschreibt und betont, dass es bei migrantisch und weiblich geprägten Klassenkämpfen eher zur Radikalisierung der Proletarisierten und zur staatlichen Repression kam als bei den Arbeitskämpfen, bei denen deutsche Facharbeiter dominierten.
Birke schrieb über die migrantisch und weiblich geprägten wilden Streiks im September 1969:
„Während es in Bezug auf die Forderungen durchaus Ähnlichkeiten gab, unterschieden sich die migrantisch geprägten Streiks in ihren Ausdrucksformen von allen anderen Aktionen der Streikwelle. Zunächst muss bemerkt werden, dass solche Aktionen im September 1969 randständig blieben: Nur zwei derartige Streiks sind bekannt geworden. Die beiden betroffenen Metall verarbeitenden Betriebe unterschieden sich bereits in institutioneller Hinsicht stark von den sonst typischen Streikbetrieben: Es gab keine paritätische Mitbestimmung wie in der Montanindustrie, und der Organisationsgrad in den Gewerkschaften lag unter dem Durchschnitt. Die Ausgrenzung der ,Gastarbeiter‘ aus Gewerkschaften und betrieblicher Repräsentation hatte dazu beigetragen, dass die IG Metall hier im Wesentlichen die schmale Schicht der bundesdeutschen Arbeiter vertrat.
Am 10. September 1969 begann bei dem Autoteilehersteller Ehrenreich A. & Cie. in Oberkassel bei Düsseldorf ein wilder Streik. 40-45 Prozent der Arbeiter dieses Betriebes waren migrantischer Herkunft, die meisten davon mit griechischem Pass. Der Organisationsgrad der Beschäftigten in der IG Metall lag bei etwa 35 Prozent. Der Streik begann, nachdem die Kollegen, die in Schichtarbeit an den Fließbändern beschäftigt waren, feststellten, dass eine Akkordumstellung erhebliche Lohneinbußen bewirkt hatte. Am ersten Tag des Streikes beteiligten sich die wenigen deutschen Kollegen der Rohrabteilung, in der der Ausstand begann. Insgesamt nahmen von ungefähr 2.000 Beschäftigten des Werkes etwa 250 bis 300 ,Gastarbeiter‘ und zehn deutsche Arbeiter teil. Aus der Gruppe der Streikenden heraus wurden fünf Sprecher gewählt, darunter ein Deutscher. Kurz nach Beginn der Arbeitsniederlegung entließ die Geschäftsleitung zwei griechische Arbeiter und den deutschen ,Streiksprecher‘. Um eine weitere Solidarisierung zu vermeiden, versetzte sie am Tag nach Streikbeginn die deutschen Arbeiter der Rohrabteilung, woraufhin die griechischen Beschäftigten isoliert weiterstreikten. Während des Arbeitskampfes kam es zu einer Mobilisierung von Ressentiments: Die Streikenden wurden als ,Hetzer‘ bezeichnet, und deutsche Beschäftigte machten während des Streiks Überstunden, um ,den Griechen zu zeigen, dass es auch ohne sie geht.‘ (Institut für marxistische Studien und Forschung (IMSF), Die Septemberstreiks 1969, Frankfurt/M, S. 125f.) Der Arbeitskampf fand zudem keine Unterstützung der örtlichen IG Metall, die das Lohnsystem akzeptiert hatte und lediglich die Informationen darüber für unzureichend hielt. Er endete schließlich am 15. September weitgehend ohne Resultat: Das neue Lohnsystem wurde beibehalten, aber im Einzelfall einer Revision unterzogen. Forderungen nach einer Bezahlung der Streikzeit wurden nicht erfüllt. Immerhin wurden die Entlassungen zurückgenommen. Verglichen mit den migrantischen Streiks der ersten Hälfte der 1960er Jahre, in denen regelmäßig die Polizei gerufen wurde und Entlassungen beziehungsweise Abschiebungen üblich waren, hatte der Ehrenreich-Streik somit ein glimpfliches Ende gefunden.
Am 16. September begann dann in der ,Westfälischen Metallindustrie Hueck und Co.‘ in Lippstadt eine Arbeitsniederlegung. Im Hella-Nordwerk, dem Zentrum des Streiks, besaßen von 2.400 Beschäftigten nur 400 einen deutschen Bass. Die Streikenden forderten ein Ende der Ungleichbehandlung bei den Löhnen, deren niedrigsten Stufen auch der örtliche IG-Metall-Sekretär als ,schamlose Ausbeutung‘ bezeichnete. Die migrantischen Frauen wurden nach der ,Leichtlohngruppe‘ der Metallverarbeitung bezahlt. Auch die männlichen Migranten erhielten noch rund 1 DM weniger Stundenlohn als ihre deutschen Kollegen. Neben ,gleichen Lohn für gleiche Arbeit‘ forderten die Streikenden auch den ,Wegfall von Abzügen vom Weihnachtsgeld infolge von Fehlzeiten‘. Diese Forderung weist darauf hin, dass die Arbeiterinnen oft mit einer Doppelbelastung durch die Kindererziehung konfrontiert waren, wodurch sie größere Fehlzeiten hatten als die Männer. Für alle Migranten war es zudem schwierig, den vierwöchigen Urlaub für die Reise in ihre Heimatländer nicht zu überziehen.
Als die 2.400 Arbeiterinnen und Arbeiter am 16. September vom ,Hella-Nordwerk zum Hauptwerk gezogen waren, fanden sie nicht nur verschlossene Türen vor, sondern auch eine Geschäftsleitung, die sich weigerte, mit ihnen zu verhandeln. Daraufhin wurden die Tore überklettert und gewaltsam geöffnet. Der Betriebsrat berief eine Versammlung ein, um die Forderungen besprechen zu können. Gleichzeitig wählten die Streikenden eine eigene Verhandlungskommisssion. Im Laufe des Tages präzisierte sich die Forderung: Die Beschäftigten verlangten nun 1 DM mehr für alle. Um 14 Uhr brannte der Dachstuhl des Lagerhauses im Hauptwerk aus, worauf der Streik zunächst abgebrochen, dann aber am folgenden Tag fortgesetzt wurde. Am Donnerstag, den 17. September, streikten noch 1.500 Kolleginnen und Kollegen. Betriebsrat und IG Metall forderten zur Wiederaufnahme der Arbeit auf, was am Freitag, den 18. September 1969 auch geschah. Die deutschen Kollegen hatten sich anfangs mit den Streikforderungen identifiziert, der Dachstuhlbrand änderte diese Einstellung jedoch. Obwohl keine Brandstiftung vorlag, riegelte die Polizei das Hauptwerk ,zum Schutz der Gebäude‘ ab, was den Arbeiterinnen und Arbeitern eindeutig die Absicht der Brandstiftung unterstellte. Die Nachrichtenagentur dpa kommentierte die Ereignisse am 17. September: ,(Die) Gefährlichkeit südländischen Temperamentes scheint offenbar, nachdem am Dienstagmittag während des Streiks ein Lager urplötzlich in Brand geraten war.‘ (Zitiert nach IMSF, Die Septemberstreiks, a.a.O., S. 128.) Als Resultat des Streiks sagte die Geschäftsleitung lediglich die ,Überprüfungen der Einstufungen‘ zu. Von den Forderungen der Streikenden wurde nur die nach der Bezahlung der Streikzeit erfüllt.
Der Streik bei Hella war der Beginn einer ganzen Reihe von Arbeitskämpfen, in denen die Abschaffung der Lohnhierarchien und der geschlechtsspezifisch ungleichen Arbeitsbedingungen gefordert wurde. Noch am 22. September beteiligten sich die Erzieherinnen in 19 Kindertagesstätten in Berlin-Kreuzberg an einem kurzen wilden Streik, um gegen die Überbelegungen der Einrichtungen und die niedrige Entlohnung zu protestieren. Es war einer der ersten Arbeitskämpfe im öffentlichen Dienst, der, gegen den Willen der ÖTV (Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) geführt, die Unzufriedenheit von Frauen mit den Arbeitsbedingungen in diesem Sektor zum Ausdruck brachte. Das runde halbe Dutzend wilder Streiks, die im September und November 1969 in der Textilindustrie und der Bekleidungsindustrie stattfanden, hatte ebenfalls den Protest gegen die Niedriglöhne zum Gegenstand. Sie setzten in diesem Sektor eine Tradition fort, die bis in die 1950er Jahre zurückreichte. Bis heute bleibt die Wahrnehmung der Septemberstreiks häufig auf die Aktionen der Kernbelegschaften in der Montanindustrie beschränkt.“ (Peter Birke, Wilde Streiks im Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 235-139.)
Wenden wir uns jetzt den von Birke im letzten Satz erwähnten Klassenkämpfen der männlichen, deutschen Facharbeiter zu. Bei den wilden Streiks dieser sozialen Schicht des Proletariats gelang es den Betriebsräten und in deren Schlepptau den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten meistens die betrieblichen Auseinandersetzungen zu entschärfen und in geordnete Bahnen zu lenken, um sie nach Kompromissen mit der Bourgeoisie friedlich zu beenden.
Als typisch für die Septemberstreiks können die Klassenauseinandersetzungen im Mannesmann Hüttenwerk Huckingen gelten, über die das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) berichtete: „In Huckingen sind spontane Arbeitsniederlegungen nichts außergewöhnliches. In der Zeit von 1964 bis zum September 1969 wurde 17mal die Arbeit niedergelegt. Meist handelte es sich um Kurzstreiks, die sich um Lohnfragen drehten. Die Beteiligung war allerdings in der Regel gering. Am häufigsten streikten Arbeiter des Profilwalzwerkes, der Hauptwerkstatt und der Verkehrsbetriebe. Vor dem Streik im September wurde zuletzt am 10. 6. 1969 für 2 Stunden von 400 Arbeitern des Profilwalzwerkes und der Verkehrsbetriebe die Arbeit niedergelegt: Sie erlangten – erfolgreich – die Erhöhung einer Jahresdividende sowie einen veränderten Berechnungsmodus für diese Sonderzulage. Die Nachrichten vom Streik bei Hoesch erreichten also ein Werk, in dem schon seit Monaten eine gewisse Unruhe herrschte.
Am Donnerstag den 4. 9. wird nachmittags im Profilwalzwerk und Elektrostahlwerk von der Belegschaft für einige Zeit die Arbeit niedergelegt. Um 17.00 Uhr versammeln sich etwa 300 Belegschaftsmitglieder vor dem Betriebsratsgebäude und verlangen vom Betriebsrat die Aufnahme von Verhandlungen mit dem Werksvorstand. Daraufhin findet ein Gespräch zwischen Betriebsrat und Werksvorstand statt. Während der Betriebsrat eine der Hoesch-Regelung (30 Pfennig Lohnerhöhung, nicht anrechenbar auf tarifvertragliche Lohnerhöhungen) entsprechende Vereinbarung für das Hüttenwerk Huckingen verlangt, kann der Werksvorstand dem Betriebsrat nichts Verbindliches sagen, da er den Konzernvorstand in dieser Frage konsultieren muss. Nachdem der Betriebsratsvorsitzende die vor dem Betriebsratsgebäude Versammelten über das Gespräch informiert hat, kehren diese in ihre Betriebe zurück. Am Donnerstagabend teilte der Konzernvorstand dem Werksvorstand mit, dass für Mannesmann keine besondere Vereinbarung getroffen werden soll. Vielmehr wird auf die Einschaltung des Arbeitgeberverbandes Eisen und Stahl verwiesen. (Anmerkung des SOFI: Inzwischen ist die Unruhe in mehrere Betriebe der Stahlbranche manifest geworden. So haben am Donnerstag die Arbeiter im nahegelegenen Rheinstahlwerk Meiderich die Arbeit niedergelegt. Deshalb liegt für die Konzernleitung die Einschaltung des Arbeitgeberverbandes nahe, da es sich um ein branchenspezifisches Problem zu handeln scheint.)
Am Freitagmorgen um 8.30 Uhr begeben sich die Arbeiter in Gruppen zum Betriebsratsgebäude. Um 9.00 Uhr haben sich etwa 400 vor dem Gebäude versammelt. (Anmerkung des SOFI: Hauptsächlich waren es Arbeiter aus dem Profilwalzwerk, dem Elektrostahlwerk und dem Hochofenbereich.) Gegen 9.30 Uhr sind es schon 600. Die Streikenden beginnen die Werkstore zu versperren, um auf diese Weise das Werk unter Kontrolle zu haben und die nachfolgenden Schichten zur Streikteilnahme zu veranlassen. Die Mittagsschicht schließt sich dem Streik weitgehend an. Nach und nach kommt im Laufe des Tages die Produktion in nahezu allen Werksbereichen zum Erliegen. Die Spätschicht nimmt im gesamten Werk die Arbeit nicht mehr auf. Darauf verfügt die Werksleitung die Einstellung der Produktion und fordert alle Belegschaftsmitglieder, mit Ausnahme der Notbelegschaft, auf, das Werksgelände zu verlassen. Die Streikenden reagieren darauf, indem sie die Tore von außen versperrten.
Die Belegschaft vertritt anfangs unterschiedliche Forderungen: Es werden von 30 bis zu 80 Pfennig Lohnerhöhung verlangt. (Anmerkung des SOFI: Nach der Westdeutschen Allgemeinen vom 6. 9. 1969 wurde auch die die volle Bezahlung der Streikzeit und die Klärung von Unstimmigkeiten bei den Lohnregulierungen gefordert. Letztere Forderung weist auf die (…) betriebsspezifische Streikursache hin. Die Forderung nach voller Bezahlung der Streikzeit wurde auf jeden Fall im Verlauf des Streiks erhoben, ob davon gleich zu Beginn die Rede war, konnte nicht ermittelt werden.) Der Betriebsrat entschließt sich jedoch, bei seinen Forderungen vom Vortag zu bleiben: 30 Pfennig, die nicht auf zukünftige Tariflohnerhöhungen angerechnet werden. Der Werksvorstand vertritt demgegenüber in den Gesprächen mit dem Betriebsrat, die ihm vom Konzernvorstand aufgetragene Linie und weist besonders auf die am Freitag beginnenden Gespräche zwischen den Tarifpartnern hin. (Anmerkung des SOFI: Nach Bekanntwerden dieser Ergebnisse fragt der Betriebsratsvorsitzende, vom Werksvorstand dazu aufgefordert, die vor dem Betriebsratsgebäude Versammelten, ob es nicht sinnvoll sei, den Streik abzubrechen. Die Streikenden lehnen dies jedoch ab. (…))
Freitagnachmittag geben die Tarifpartner in einer Verlautbarung bekannt, dass sie umgehend Tarifverhandlungen aufnehmen wollen, deren Ergebnisse rückwirkend ab 1. September wirksam werden sollen. Aus diesem Grunde will am nächsten Tag die große Tarifkommission der IG Metall für Nordrhein-Westfalen in Gelsenkirchen zusammentreten. In einer Sitzung von Betriebsräten und Vertrauensleuten wird am Freitagnachmittag diskutiert, ob eine Fortsetzung des Streiks noch sinnvoll sei, da Tarifverhandlungen anstünden. Um Druck auf die Tarifpartner und die Sitzung der Großen Tarifkommission auszuüben, entschließt man sich jedoch für eine Fortsetzung. (Anmerkung des SOFI: Einer der befragten Experten, der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, war der Ansicht, dass auf dieser Sitzung schon die Mehrheit für den Abbruch des Streiks war. Durch eine Falschinterpretation des Betriebsratsvorsitzenden sei jedoch ein Abbruch verhindert wurden.) Um ihren Unmut über die zu keiner Konzession bereite Firmenleitung zu zeigen, planen ungefähr 300 Arbeiter am Sonnabendvormittag einen Marsch zur Villa des Vorstandsvorsitzenden der Mannesmann AG. Da der Betriebsrat jedoch militante Aktionen befürchtet, funktioniert er nach Rücksprache mit der Werksleitung diese Demonstration um, indem er stattdessen zu einer Demonstration aufruft. (Anmerkung des SOFI zu der Angst des Betriebsrates vor militanten proletarischen Aktionen: Die Berechtigung einer solchen Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen: Am Freitag waren die nichtstreikenden Angestellten daran gehindert worden, das Werksgelände zu verlassen. Am Freitagabend wollten einige Arbeiter in das Hauptverwaltungsgebäude eindringen. Dies wurde u. a. von den Vertrauensleuten verhindert. Vom Werksvorstand war – nach einer Meldung von der Rheinischen Post vom 8. 9. 1969 – Polizeischutz bestellt worden; zu einem Polizeieinsatz kam es aber nicht.)
Während zur gleichen Zeit die große Tarifkommission in Gelsenkirchen tagt, findet ein Marsch von ca. 3000 Arbeitern aus Huckingen in Richtung Duisburger Innenstadt statt. Sie verlangen Lohnerhöhungen und volle Mitbestimmung. Am Nachmittag wird der Betriebsrat sofort über die Ergebnisse der großen Tarifkommission – zentrales Ergebnis ist die Forderung nach 14 % Lohnerhöhung unterrichtet. Daraufhin beschließen die anwesenden Mitglieder des Betriebsrates in einer ad-hoc-Sitzung , die in der Nacht zum Sonntag stattfindet, den Streikabbruch und akzeptieren das Angebot des Werksvorstandes, einen in fünf Monatsraten zurückzuzahlenden Vorschuss in Höhe von 50 DM auf die zu erwartenden Lohn- und Gehaltserhöhungen zu zahlen. Eine Bezahlung der Streikzeit schloss das Angebot nicht ein. (Anmerkung des SOFI zur Betriebsratssitzung: Auf dieser Sitzung waren weniger als die Hälfte der Betriebsratsmitglieder anwesend. Ein großer Teil war vorher übermüdet nach Hause gegangen. Es scheint so gewesen zu sein, dass dies ins besonders dem linken Flügel des Betriebsrates zuzurechnende Betriebsratsmitglieder (linke SPDlerInnen und DKPlerInnen, Anmerkung von Nelke) waren, so dass das politische Spektrum dieser entscheidenden Betriebsratssitzung wohl nicht als repräsentativ für den gesamten Betriebsrat angesehen werden kann.) In der anschließend stattfindenden Verhandlung mit dem Werksvorstand unterzeichnet der Betriebsrat eine vom Werksvorstand vorgelegte Bekanntmachung für die Belegschaft. In dieser heißt es u. a.: ,Der Werksvorstand der Mannesmann AG Hüttenwerke und der Betriebsrat des Werkes Huckingen sind sich darüber einig, dass die anstehenden Lohnprobleme ausschließlich durch die Tarifvertragsparteien –Industriegewerkschaft Metall und Arbeitgeberverband Eisen und Stahl – zu regeln sind.‘ Die Belegschaft wird im übrigen aufgefordert, am Sonntag um 6.00 Uhr die Arbeit wieder aufzunehmen.
Die Frühschicht folgt am Sonntag der Aufforderung zur Arbeitsaufnahme nahezu geschlossen. Damit ist der Streik in Huckingen beendet. Wegen der Ungewissheit über eine Bezahlung der Streikzeit bleibt aber anfänglich eine gewisse Unruhe in der Belegschaft.
Auf einer Sitzung der Vertrauensleute am Sonntagvormittag wird scharfe Kritik an dem Verhalten des Betriebsrates geübt, insbesondere weil eine Bezahlung der Streikzeit nicht vereinbart worden war. Schließlich billigt die Mehrheit der Vertrauensleute die vom Betriebsrat getroffene Entscheidung. Gleichzeitig wird der Betriebsrat aufgefordert, vom Werksvorstand, die Bezahlung der Streikzeit zu verlangen. (Anmerkung des SOFI: Bezüglich der Bezahlung der Streikzeit wurde später folgende Einigung erzielt: Der weitaus größte Teil der Belegschaft erhielt die Streikzeit bezahlt. Nur der Frühschicht, die am Freitag den Streik initiiert hatte, wurde kein Lohnausgleich zuerkannt.)“ (Studienreihe des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI), Am Beispiel der Septemberstreiks – Anfang der Rekonstruktionsperiode der Arbeiterklasse? Eine empirische Untersuchung von Michael Schumann, Frank Gerlach, Albert Gschlössl und Petra Milhoffer, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1971, S. 82-86.)
Das SOFI versuchte auch das „Verhalten einzelner Gruppen bzw. Institutionen während des Streiks“ etwas genauer zu analysieren:
„- Der Werksvorstand bzw. der Konzernvorstand lehnte von Anfang an eine besondere Lohnvereinbarung für Mannesmann ab und war auch im Verlaufe des Streiks zu keinerlei Konzessionen in dieser Hinsicht bereit. An diese Verhandlungslinie hielt sich auch der Arbeitsdirektor. Erst als sicher war, dass es zu vorzeitigen Tarifverhandlungen kommen würde (um den proletarischen Druck in ordentliche gewerkschaftsbürokratische Kanäle zu lenken, Anmerkung von Nelke), und als die Tariflohnforderung der IG Metall bekannt waren, bot er 50 DM Vorschuss an. Damit sollte in erster Linie dem Betriebsrat geholfen werden, sein Gesicht zu wahren. (Beim Streikabbruch!, Anmerkung von Nelke) Auch in dem direkten Verhalten gegenüber der Belegschaft zeigte sich diese Unnachgiebigkeit der Unternehmensleitung, wie die Aussperrung in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend beweist.
- Der Betriebsrat spielte eine wichtige Rolle bei der Initiierung des Streiks, war de facto Leiter der Streikbewegung, traf die wichtigsten Entscheidungen und hatte fast durchweg die Kontrolle über die Streikbewegung. (Anmerkung von Nelke: Die Behauptung der bürgerlichen SoziologInnen, dass der Betriebsrat den Streik initiiert hätte, ist eine grobe Übertreibung! Aus der von ihnen selbst erstellten Streik-Chronologie geht eindeutig hervor, dass die ArbeiterInnen von selbst zu streiken anfingen und der Betriebsrat erst auf diesen proletarischen Druck reagierte. Auch die Initiative zu einer Demonstration ging von den ArbeiterInnen aus, sie wollten sogar direkt vor der Villa des Vorstandsvorsitzenden der Mannesmann AG demonstrieren. Der Betriebsrat verhinderte diese direkte Konfrontation mit dem Klassenfeind, indem sie den proletarischen Druck durch eine gemäßigte Latschdemo nach Duisburg entschärfte. Dass es dem Betriebsrat allerdings ziemlich gut gelang, die Kontrolle über den Streik zu behalten, ist eine nicht zu leugnende Tatsache.) Die zentrale Bedeutung des Betriebsrates ist schon daraus ersichtlich, dass er allein den Streikabbruch beschloss und dass diese Entscheidung von der Belegschaft befolgt wurde. (Anmerkung von Nelke: Wie aus der SOFI-Streikchronologie ebenfalls hervorgeht, versuchte der Betriebsratsvorsitzende schon am Freitag, den Streik zu beenden. Diese Intervention, welche ganz klar die Rolle des Betriebsrates als Co-Management des Kapitals unter Beweis stellte, war jedoch noch nicht erfolgreich. Die ArbeiterInnen beschlossen weiter zu streiken. Dass das SOFI diese erfolglose Intervention ein paar Seiten weiter einfach unterschlägt und ihre eigene, von ihnen selbst erstellte Streikchronologie so mangelhaft auswertet, hat durchaus Methode, wie wir auch weiter unten noch sehen werden: Die Herabsetzung bzw. Leugnung der proletarischen Selbstorganisation bei Huckingen im September 1969.)
Die im Betriebsrat vertretenden unterschiedlichen politischen Einstellungen könnten in Bezug auf die Frage, ob Streikabbruch oder Streikfortsetzung eine Rolle gespielt haben: Die dem linken Flügel zuzurechnenden Betriebsratsmitglieder (d.h. linke SPD-Mitglieder und Kommunisten (DKP)) tendierten wohl eher dahin, den Streik fortzusetzen, um noch eine Bezahlung der Streikzeit zu erreichen; den anderen Betriebsratsmitgliedern erschien der Streikabbruch in dem Augenblick sinnvoll, als es sicher war, dass vorzeitige Tarifverhandlungen stattfinden würden, und als die Höhe der Lohnforderungen der Gewerkschaft bekannt war. Damit war ihrer Meinung das Streikziel – Lohnerhöhung – erreicht worden, die Nichterfüllung der Forderung nach Bezahlung der Streikzeit – ein wichtiger Grund für die die Befürworter einer Streikfortsetzung – fiel für sie, nicht zuletzt wegen der vergleichsweise kurzen Streikzeit nicht ins Gewicht.
- Die Vertrauensleute hatten bei der Initiierung des Streiks in einzelnen Werksteilen (z. B. Profilwalzwerk) eine wichtige Funktion als Katalysatoren der Unruhe in der Belegschaft. Während des Streiks vermochten sie keine eigenständige, von den Betriebsratsaktivitäten unabhängige Rolle zu spielen. (Anmerkung des SOFI: Ein Indiz hierfür ist die personelle Verflechtung von Betriebsrat und Vertrauensleutekörperleitung: Der Betriebsratsvorsitzende war damals gleichzeitig Leiter des Vertrauensleutekörpers.) Sie fungierten weitgehend als verlängerter Arm des Betriebsrates.
- Der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Duisburg stand während des Streiks in ständigem Kontakt zum Betriebsrat. Nach der Sitzung der großen Tarifkommission setzte er sich beim Betriebsrat und bei den Vertrauensleuten entschieden für die Wiederaufnahme der Arbeit ein. (Anmerkung des SOFI: Nach seiner eigenen Darstellung war er zu Beginn für den Streik; nach der Darstellung der IMSF (Die Septemberstreiks 1969, Frankfurt/Main 1969) lehnte er den Streik von Anfang an ab.) (…)
- Wie die zahlreichen verschiedenen spontanen Arbeitsniederlegungen in Huckingen zeigen, scheint bei vielen Arbeitern im Huckinger Hüttenwerk eine latente Streikbereitschaft vorhanden zu sein. Unterschiede bestehen hierbei allerdings zwischen den Arbeitergruppen in den verschiedenen Werksteilen. (Anmerkung des SOFI: So tritt z. B. die Mittagsschicht am Freitag im Blassstahlwerk I noch vollständig zur Arbeit an, während dieselbe Schicht im Elektrostahlwerk nicht die Arbeit aufnimmt.) Während des Streiks gab es in Huckingen keine Formen der Selbstorganisation; vielmehr verließen sich die Arbeiter ausschließlich auf den Betriebsrat als die von ihnen gewählte innerbetriebliche Interessenvertretung.“ (Ebenda, S. 87-89.)