Individualismus und Nationalismus

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Das kleinbürgerliche Subjekt flieht gewohnheitsmäßig aus der realen individuellen Einsamkeit ideologisch in die „nationale Gemeinschaft“. Doch diese individuelle Flucht in die „nationale Gemeinschaft“ kann nur eine illusorische sein, da die Nation nichts anderes als die über die Ware-Geld-Beziehung und den Staat hergestellte indirekte Vergesellschaftung von atomisierten Konkurrenzindividuen ist. So funktioniert der Nationalismus sozialpsychologisch wie eine Droge: als Flucht aus der Realität. Sehr „schön“ ist das bei internationalen Sportevents zu beobachten, wenn verdammt viele atomisierte Konkurrenzindividuen dem sportlichen Sieg „ihrer“ Nation entgegenfiebern. Fast die gesamte Nation badet im Meer von Nationalfahnen. Da wird auch schon mal das kleinfamiliäre Wohnzimmer verlassen, um gemeinschaftlich Sieg oder Niederlage der Nation zu erleben. Wildfremde Menschen, die sich sonst mit dem Arsch nicht angucken, fallen sich in die Arme… Ganz so spontan ist das Ganze nicht. Privatkapitalistische und staatliche Medien schüren aus Leibeskräften diese nationale Besoffenheit. Auch harmlos ist es nicht. Es ist nie harmlos, wenn bürgerliche Konkurrenzindividuen in die reale Scheingemeinschaft der Nation flüchten.
In der Realität bleiben die in die Scheinrealität und den realen Schein der Nation flüchtenden Individuen atomisierte Marktsubjekte. Viele „helfen“ sich dadurch, dass sie noch stärker zur Droge Nationalismus greifen. Da die Nation eine reale Scheingemeinschaft atomisierter Marktsubjekte ist, brauchen sowohl die Nationen als auch die über diese nur indirekt vergesellschafteten Konkurrenzindividuen dringend „Feinde“. Denn nichts schweißt so sehr zusammen wie gemeinsame Feinde. Auch reale Kampfgemeinschaften, wie zum Beispiel das klassenkämpferische Proletariat, werden durch reale Feinde – in diesem Fall der kapitalistische Klassenfeind –zusammengehalten. Wenn jedoch kleinbürgerliche und proletarische Individuen zur Droge Nationalismus greifen, um aus der Realität zu flüchten, haben sie es meistens nicht real mit wirklichen Feinden zu tun, sondern mit den „Feinden“ der „Nation“. Wenn bürgerliche Konkurrenzindividuen in die Scheingemeinschaft der Nation flüchten, tun sie das nicht gerade selten auf sadistische Weise. Sie lassen sich vom Staat und dem Chef auf der Arbeit verdammt viel gefallen. Da entsteht verdammt viel Frust. Dieser wird dann auf die „AusländerInnen“, „linke Chaoten“ und „Sozialschmarotzer“ kanalisiert. Dieses sadistische Abreagieren an den „Feinden der Nation“ erfolgt sowohl in Stammtischreden als auch in aktiver Form des neofaschistisch-rassistischen Straßenterrors.
Auch politisch linke Individuen flüchten in die Scheingemeinschaft der Nation. Dabei bleiben die linken KleinbürgerInnen natürlich immer politisch korrekt und antifaschistisch, aber auch der politisch-korrekte und antifaschistische Nationalismus ist als eine Durchsetzungsform des Kapitalismus sozialreaktionär. So konnten in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts bis 1989 westdeutsche Linksintellektuelle ihre Ideologie auf die staatskapitalistische und antifaschistische DDR projizieren und ideelle BürgerInnen des „besseren Deutschland“ werden. Jene LinksbürgerInnen, die die DDR und Sowjetunion nicht so toll fanden, flüchteten halt ideologisch in andere staatskapitalistische Nationen wie Jugoslawien, China oder Albanien. Auch die Flucht linksbürgerlicher Individuen in andere staatskapitalistische Nationen verlief nicht ohne sadistische Reflexe, die sich gegen die kleinbürgerlich-proletarische Bevölkerung der staatskapitalistischen Nationen richteten, die sich gegen diese Staaten wehrten. Als die kleinbürgerlich-proletarische Bevölkerung der DDR die Schnauze voll vom „Sozialismus“ hatten und ihn mehrheitlich – mit mehr oder weniger proprivatkapitalistischen Illusionen beladen – den Rücken zukehrten, entlud sich viel Verachtung der westdeutschen Linksintellektuellen auf die ostdeutsche Bevölkerung, die „für ein paar Bananen“ den „Sozialismus“ und Antifaschismus verrieten.
Der Anschluss der DDR an die BRD brachte auch das linke „Antideutschtum“ hervor. Diese Ideologie ist geradezu ein Paradebeispiel für nationalen Sadomasochismus. Die hochmoralischen „antideutschen“ Konkurrenzindividuen leiden ja so schrecklich-genussvoll an Deutschland. Doch auch sie sehnen sich nach nationaler Nestwärme, wie fast alle kleinbürgerlichen Marktsubjekte. Aber die deutsche Nation ist viel zu schmutzig für die „antideutschen“ Edelmenschen, also flüchten sie ideologisch in die zionistische Edelnation, nach Israel. So wie die ideologischen Absonderungen des Antijudaismus nichts über die Juden sagt, aber alles über den Antijudaismus, ist es auch mit dem „antideutschen“ Prozionismus. Die „Antideutschen“ projizieren ihren Sadismus auf den Staat Israel und die massenmörderische Verteidigung seines Existenzrechtes. „Israel, sei stark für mich erbärmlichen Kleinbürger. Töte für meine Sehnsucht nach Nation!“ Das ist die wahre Botschaft der „antideutschen“ Ideologie. So verteidigen die „Antideutschen“ fanatisch Israel – wenn es sein muss, bis der letzte Palästinenser tot am Boden liegt.
Auch ProletarierInnen flüchten als atomisierte Marktsubjekte in die nationale Scheingemeinschaft – mit all den oben beschriebenen sozialpsychologischen Folgen. Aber es gilt immer zu beachten, dass die proletarischen Individuen durch praktischen Klassenkampf auch in einer realen Solidargemeinschaft gegen die Bourgeoisie aufgehen können. Doch so tendenziell und potenziell revolutionär das Proletariat als kollektives Klassenkampfsubjekt auch ist, so latent reaktionär sind auch die proletarischen Individuen als Marktsubjekte. Auch ProletarierInnen sind als VermieterInnen ihrer Arbeitskraft und als KäuferInnen auf den Konsumgütermärkten kleinbürgerliche Konkurrenzindividuen, die ihren Konkurrenzkampf um Jobs weitverbreitet auch nationalistisch und rassistisch führen. Inländische Arbeitsplätze nur oder in erster Linie für InländerInnen! Für diese nationalistische und rassistische Propaganda sind ProletarInnen weltweit sehr empfänglich. Auch auf den Konsumgütermärkten führen die „inländischen“ ProletarierInnen nicht gerade selten einen nationalistischen/rassistischen Konkurrenzkampf gegen „die AusländerInnen“. Da sich viele „inländischen“ ProletarierInnen im Unterbewusstsein dazu entschieden haben, einen rassistischen Konkurrenzkampf zu führen, nehmen sie auch nur das wahr, was sie sehen und hören wollen. So sehen sie nur „AusländerInnen“, die „viel reicher“ sind als mensch selbst ist. Warum ist mensch als „Inländer/in“ also arm? Weil „die AusländerInnen“ reich sind und vom Staat das Geld in den Arsch geschoben bekommen! Hat ein/e Ausländer/in Arbeit, nimmt er/sie „InländerInnen“ den Job weg, hat er/sie keine Arbeit, lebt er/sie auf Kosten „der Nation“.
Wie wir weiter oben schon schrieben, führt die individuelle Marktsubjektivität der Lohnabhängigen nach der erfolgreichen Vermietung der Arbeitskraft zur kollektiven Ausbeutungsobjektivität des Proletariats im kapitalistischen Produktionsprozess. Doch die Kollektivität des Proletariats am Arbeitsplatz wird von einer fremden Klassenmacht organisiert, vom Kapital. Lohnarbeit ist grundsätzlich sozial fremdbestimmt. Was und wie produziert wird, entscheiden in der Regel nicht die LohnarbeiterInnen sondern die KapitalistInnen vermittelt über große und kleine Chefs. Bei moderneren Formen des Managements soll der Lohnabhängige zwar möglichst frei und eigenverantwortlich arbeiten, aber auch die flexibelste Form der kapitalistischen Arbeitsorganisation kann nichts am grundsätzlich fremdbestimmten Charakter der Lohnarbeit ändern. Selbstbestimmt den Reichtum einer fremden Klasse, der Bourgeoisie, vermehren – das ist der Widerspruch zwischen bürgerlicher Ideologie-Produktion und realem kapitalistischen Produktionsprozess. Im letzteren sind die LohnarbeiterInnen entfremdet von der eigenen Arbeitskraft, über die jetzt das Kapital für eine gewisse Zeit verfügt, von den Produktionsmitteln, die kapitalistisches Eigentum sind, und den Produkten der eigenen Arbeit, das als Warenkapital den kapitalistischen BesitzerInnen gehört. Auch als StaatsbürgerInnen sind die LohnarbeiterInnen von sich selbst und ihren Interessen und Bedürfnissen entfremdet. Als StaatsbürgerInnen haben sie vor allem die Aufgabe Steuern zu zahlen und als WählerInnen die regierenden Charaktermasken des Nationalkapitals zu ermächtigen. Dafür dürfen sie natürlich auch demonstrieren und auch unter bestimmten Bedingungen streiken gehen. Doch da kann es ihnen schon passieren, dass sie von einem Bullen mit einem Gummiknüppel geschlagen werden. Sowohl der Polizist als auch der Gummiknüppel werden übrigens aus den von den LohnarbeiterInnen produzierten Mehrwert bezahlt.
Die LohnarbeiterInnen sind also am Arbeitsplatz und in der Politik von sich selbst, ihrer Arbeit und den von ihnen selbst gewählten PolitikerInnen sozial entfremdete Wesen. Nicht wenige ArbeiterInnen nehmen diese reale soziale Entfremdung auch instinktiv bzw. vorbewusst in Form von relativ unbestimmten Gefühlen wahr. Doch diese vorbewusste Wahrnehmung der sozialen Entfremdung durch die ProletatarierInnen ist nicht nur die Quelle für ein mögliches materialistisch-sozialrevolutionäres Klassenbewusstsein, sondern auch ein Anknüpfungspunkt für die verschiedensten nationalistischen Ideologien, welche die reale soziale Entfremdung zur „nationalen Entfremdung“ uminterpretieren. Die ArbeiterInnen, die sich entfremdet fühlen, nehmen sich dann nationalistisch als „Fremde“ im „eigenen“ Land wahr.
Diese nationalistische Ideologisierung der realen sozialen Entfremdung funktioniert sowohl innerhalb imperialistischer Nationalstaaten wie BRD und USA als auch bei „unterdrückten nationalen Minderheiten“ wie zum Beispiel „den Basken“ in Spanien in der Gegenwart oder „den Kosovo-Albanern“ in der ehemaligen serbischen Provinz – bevor diese mit Hilfe des westlichen Menschenrechtsimperialismus die nationale Unabhängigkeit erkämpften. Nicht wenige proletarische NationalistInnen fühlen sich in der BRD und USA wegen „der vielen AusländerInnen“ beziehungsweise der „Kanaken“ und „Nigger“ als „Fremde“ im „eigenen“ Land. Dieser Nationalismus ist natürlich überwiegend politisch rechts besetzt, während der baskische Nationalismus, der oft ganz politisch korrekt und antirassistisch daherkommt, auch stark links besetzt ist. Aber auch er beruht auf der nationalistischen Uminterpretation der realen sozialen Entfremdung und ist damit eindeutig sozialreaktionär. Denn ein „unabhängiges Baskenland“, wie es der Linksnationalismus anstrebt, kann auch nur ein kapitalistischer Staat sein. Dass auch gerade in der „nationalen Frage“ politisch links dort ist, wo der Daumen politisch rechts ist, zeigt recht anschaulich die Geschichte der kosovo-albanischen Nationalbewegung. Während sie sich in der Zeit des albanischen Staatskapitalismus „marxistisch-leninistisch“ gab, um die Unterstützung des albanischen Vaterlandes zu bekommen, streifte sie nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Staatskapitalismus ihre „marxistisch-leninistische“ Hülle ab wie eine sich häutende Schlange. Der militaristische Arm des kosovo-albanischen Nationalismus, UCK, wurde schließlich im NATO-Krieg gegen Serbien/Restjugoslawien von 1999 zum bewaffneten Träger der universellen Menschenrechte des Westens. Vor, während und nach dem NATO-Krieg wurde allerdings auch deutlich, dass diese Menschenrechte für Serben, Juden und Roma nicht oder nur eingeschränkt im Kosovo galten.
Sowohl der Links- als auch der Rechtsnationalismus bedienen sich bei der nationalistischen Uminterpretation der realen sozialen Entfremdung auch einer sozialdemagogischen „antikapitalistischen“ und manchmal regelrecht arbeitertümelnden Rhetorik, mit der sich die Nationalismen selbst und das Proletariat betrügen. Doch es gibt keine soziale Befreiung im nationalen Rahmen. Der deutsche Rechtsnationalismus ist ebenso ein demagogischer Klassenfeind des Proletariats wie der baskische Linksnationalismus, auch wenn sich beide mitunter noch so gut hinter einer „proletarischen“ Maske verstecken. So rief die neofaschistische Partei „Die Rechte“ für den 1. Mai in Dortmund 2014 unter dem Motto „Gegen Kapitalismus und Ausbeutung – heraus zum Arbeiterkampftag“ zum Aufmarsch auf. Nicht weniger demagogisch ist die „antikapitalistische“ Rhetorik der linksnationalistischen baskischen Gewerkschaft mit dem bezeichnenden Namen Langile Abertzaleen Batzordeak (LAB, auf Deutsch: Ausschuss der patriotischen ArbeiterInnen). Nun, „patriotische ArbeiterInnen unterdrückter Nationen“ werden maximal Manövriermasse eines sich neu formierenden und sich staatliche Souveränität erkämpfenden Nationalkapitals, dabei Nation und Staat, Kapital und Lohnarbeit und Ware und Geld reproduzierend