Vortrag bei der Literatrurmesse

Wir veröffentlichen hier den Vortrag, der auf der Literaturmesse im Rahmen der Vorstellung der Broschürenreihe „Schriften zum Klassenkampf“ in Nürnberg, den 31. Oktober 2015 gehalten wurde.

Sicherheitskräfte helfen Air-France-Vorstandsmitglied Pierre Plissonnier über den Zaun. 2.Dez. 2015. AFP

Schriften zum Klassenkampf ist eine unregelmäßig erscheinende Serie der Sozialen Befreiung mit Texten über die globalen Auseinandersetzungen des Proletariats mit Kapital, Staat und Patriarchat vom Ende des 18. bis ins 21. Jahrhundert. Bisher sind vier Ausgaben erschienen.
Der Klassenkampf im Kapitalismus wird zwischen den EigentümerInnen der Produktionsmittel und dem eigentumslosen Proletariat geführt. Beim kapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln kann zwischen Privateigentum und institutionellem Eigentum (z. B. das von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Staaten) unterschieden werden. Es ist innerhalb der kleinbürgerlichen politischen Linken weit verbreitet, den Kapitalismus auf Privatunternehmen zu reduzieren. Aber auch wenn der Staat die Mehrheit der Produktionsmittel besaß, wie in der Sowjetunion, in der DDR, in China bis 1978 oder auf dem heutigen Kuba bis heute besitzt, reden wir von Kapitalismus, von Staatskapitalismus. Wir reden also Klartext gegenüber dem Parteichinesisch aller Schattierungen, das die staatskapitalistischen Regimes als Sozialismus beziehungsweise als „bürokratisch deformierte ArbeiterInnenstaaten“ verklärt. Im Staatskapitalismus war und ist der Staat der Eigentümer der wichtigsten Produktionsmittel, das eigentumslose Proletariat vermietet die Arbeitskraft ähnlich wie im Privatkapitalismus an den staatlichen Produktionsmittelbesitzer. Den Klassenkämpfen im staatskapitalistischen Osteuropa und den in von der BRD friedlich annektierten Ostdeutschland, beschreiben wir ausführlicher in Schriften zum Klassenkampf II.
Wenn die proletarischen Einzelmenschen jeder für sich ihre Arbeitskraft erfolgreich an KleinbürgerInnen, PrivatkapitalistInnen, Aktiengesellschaften oder Institutionen vermietet haben, treten sie in den Produktionsprozess ein und der Klassenkampf von oben beginnt. Denn der kapitalistische Produktionsprozess ist die Einheit aus Arbeits- und Ausbeutungsprozess. Der kapitalistische Produktionsapparat saugt durch die Anmietung der Arbeitskräfte die einzige Kraft in sich auf, die aus Geld mehr Geld produzieren kann. Das Proletariat produziert für das Kapital mehr Geld, als deren Anmietung kostet. Die Arbeitszeit des Proletariats wird durch eine unsichtbare Grenze zerteilt. In der selbstreproduktiven Arbeitszeit produziert das Proletariat so viel Produkt oder Dienstleistungen, deren Preis dem Lohn entsprechen, während es in der Mehrarbeitszeit den Profit produziert, den das Kapital sich aneignet. Dieses Herauspressen des Profites aus der lebendigen Arbeitskraft ist das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung und des Klassenkampfes von oben im Produktionsprozess.
Das Proletariat ist im kapitalistischen Produktionsprozess nicht nur ein ausgebeutetes, sondern auch ein entfremdetes Wesen. Es ist entfremdet von der eigenen Arbeitskraft, die es an das Kapital vermietet hat, jetzt menschliches produktives Kapital darstellt, das Profit für andere, für die BesitzerInnen der Produktionsmittel, produziert. Von diesen Produktionsmitteln ist das Proletariat als Kapitaleigentum, also als sachliches produktives Kapital von Anfang an entfremdet. Auch das Produkt, was das Proletariat herstellt, ist fremdes Eigentum, eine Ware oder eine warenförmige Dienstleistung. Das Proletariat ist entfremdet vom gesamten kapitalistischen Produktionsprozess.
Deshalb ist dieser auch mehr oder weniger autoritär-hierarchisch organisiert, mit den Chefs und Bossen als Offizieren und Unteroffizieren des Kapitals. Auch wenn der Arbeitsprozess mit so genannten flachen Hierarchien und „Selbstverantwortung“ der MitarbeiterInnen geprägt sein soll – ist das erstens mehr kapitalistische Propaganda als Realität und zweitens ändert das gar nichts an der Ausbeutung der Lohnabhängigen durch das Kapital. Selbstverantwortlich fremdes Eigentum vermehren – das ist der Widerspruch zwischen Ideologie und Wirklichkeit des bürgerlichen Ideals der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit. Auch wenn sich Chefs und MitarbeiterInnen auf Arbeit noch so locker alle Duzen, bei nachlassender Leistung des Einzelnen oder in Krisensituationen heißt es dann doch: Du, ich muss Dich leider entlassen.
Die Produktionsmittel sind im Kapitalismus die Waffen des Kapitals gegen die lohnarbeitenden Menschen. Kapitalistische Produktionsmittel sind also auch immer Zerstörungsmittel gegen Mensch und Natur. Unzählige Arbeitsunfälle, die nichts anderes als Mord durch Arbeit darstellen, vergiftete Flüsse und verseuchte Luft sowie der kapitalistisch-industrielle Klimawandel zeugen davon. Im imperialistischen Krieg wird die massenmörderische Potenz der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung besonders deutlich. Auschwitz und Hiroshima waren keine Zivilisationsbrüche, sondern die bisher extremsten Ausdrücke der kapitalistischen Zivilisationsbarbarei.
Viele linke KleinbürgerInnen haben die Atomkraftwerke lange Zeit als angebliche friedliche Alternative zur Atombombe verteidigt. Gab es doch damals angeblich „sichere“ Atomkraftwerke in angeblich „sozialistischen“ Ländern. Nun, das hat sich seit Tschernobyl als Mythos erwiesen, aber noch heute feiern die Idole großer Teile der politischen Linken, wie zum Beispiel Evo Morales in Bolivien Atomkraftwerke und hetzen reaktionär gegen dessen GegnerInnen. Aber zumindest für die BRD ist es Konsens innerhalb der kleinbürgerlichen politischen Linken für den Ausstieg aus der Atomkraft zu sein. Aber die meisten verbinden das nicht mit einer revolutionären Kritik an der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung überhaupt, die grundsätzlich sozialreaktionär und absolut schädlich bis tödlich für die Hauptproduktivkraft Mensch ist.
Wir schrieben in Schriften zum Klassenkampf III über die Atomkraft: „Atomkraft ist das Symbol dafür, das der technologische Fortschritt im Kapitalismus gleichzeitig sozialreaktionär ist. Mensch und Natur werden immer unerbittlicher ausgebeutet, vergiftet und verstrahlt. Die Hauptproduktivkraft des Kapitalismus, der proletarische lohnabhängige Mensch, wird durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu einem Wesen, was von den Produktionsmitteln, der eigenen Arbeitskraft und den Produkten seiner Arbeit entfremdet ist. Produktive Tätigkeit ist für die Menschen lebensnotwendig, doch Lohnarbeit in Atomkraftwerken ist (selbst)mörderisch (…). Die Hauptproduktivkraft, der proletarische lohnabhängige Mensch, wird zur Selbstzerstörungskraft. Lohnarbeit heißt Selbstzerstörung. Revolution ist die Rebellion der menschlichen Hauptproduktivkraft – des lohnabhängigen Proletariats – gegen die zerstörende Macht der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.“
Die soziale Revolution auch als Rebellion gegen die zerstörerische Kraft der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Der heutige Klassenkampf wird noch weitgehend im Rahmen des Kapitalismus geführt, deshalb nennen wir ihn reproduktiven Klassenkampf. Dieser ist sehr widersprüchlich. Es gibt in ihm sowohl revolutionäre als auch konservative bis reaktionäre Tendenzen. Mit dieser Widersprüchlichkeit haben wir uns in Schriften zum Klassenkampf IV ausführlich auseinandergesetzt. Die revolutionärste Tendenz des reproduktiven Klassenkampfes ist, dass er überhaupt existiert. Die proletarisierten Menschen zeigen durch ihn, dass sie mehr sind als menschliches produktives Kapital, welches für die Bourgeoisie den Profit produziert. Sie sind Menschen mit Bedürfnissen und diese Bedürfnisse stellen sie individuell und kollektiv den Bedürfnissen der Kapitalvermehrung gegenüber.
Das Ringen für die eigenen Bedürfnisse beginnt mit dem konspirativ-illegalen Alltagsklassenkampf. In diesem eignet sich das Proletariat zum Beispiel kleinere Produktionsmittel und Produkte an, wodurch das kapitalistische Privateigentum in der Praxis angegriffen und der Lohn etwas aufgebessert wird. Wo es der konkrete Produktionsprozess zulässt, stellen ArbeiterInnen mit den Produktionsmitteln auch Dinge für den Eigenbedarf her, wenn der Chef mal nicht richtig hinsieht. Dies geht zum Beispiel in handwerklichen Berufen und an einem Computerarbeitsplatz. Durch diese produktive Aneignung der Produktionsmittel hören diese für den Moment der Aktion faktisch auf sachliches produktives Kapital zu sein, so wie die wirkende Arbeitskraft kein menschliches produktives Kapital mehr ist, dass für andere Profit produziert. Zu diesen Angriffen auf das kapitalistische Privateigentum gehört auch die Sabotage, bei der die Lohnabhängigen phantasievoll die Produktionsmittel für eine gewisse Zeit außer Gefecht setzen, um auf diese Weise einen technischen Defekt vorzutäuschen. Dadurch erkämpfen sie sich ein wenig Ruhe Diese Angriffe auf das kapitalistische Privateigentum gehören mit zu den revolutionärsten Tendenzen des reproduktiven Klassenkampfes. Außerdem pfeifen die ProletarierInnen in solchen Aktionen auf das bürgerliche Recht, das nur der juristische Ausdruck der Bedürfnisse der Kapitalvermehrung ist. Allerdings sind den meisten ProletarierInnen die revolutionären Tendenzen ihres Klassenkampfes nicht bewusst. Es ist die Aufgabe von proletarischen RevolutionärInnen, die un- beziehungsweise vorbewussten revolutionären Tendenzen des Klassenkampfes bewusst zu machen und nicht abstrakt wie eine rote Ausgabe der Zeugen Jehovas die Revolution zu predigen.
Eine weitere revolutionäre Tendenz des reproduktiven Klassenkampfes ist die proletarische Militanz gegen Bosse, StreikbrecherInnen, Bullen und andere Repressivorgane. Einen Eindruck dieser proletarischen Militanz gaben uns erst vor kurzem die Lohnabhängigen bei Air France. Bei einem Treffen des Konzernmanagements mit dem Betriebsrat, bei dem die Wirtschaftsbosse den Abbau von 2.900 Arbeitsplätzen ankündigten, mussten diese Charaktermasken des Kapitals ihre Beine in die Hand nehmen. Die wütenden ArbeiterInnen rissen ihnen die Klamotten vom Leib. Die Politschranzen und Medien schrien sich heißer über Gewalt. Nun müssen sich einige AktivistInnen vor Gericht verantworten. Wer redet von der strukturellen Gewalt des Kapitals, die das Proletariat zu Scheißjobs und Arbeitslosigkeit zwingt? Nein, wir rufen wirklich nicht dazu auf, die Wut an den Charaktermasken des Kapitals abzureagieren, aber militante ProletarierInnen brauchen die Solidarität von uns allen gegen die kapitalistische Klassenjustiz!
Der militante Klassenkampf, bei dem das Proletariat Gewalt und Zwang gegen Bosse, Bullen und Streikbrecher ausübt, ist die wirkliche Diktatur des Proletariats. Der Marxismus-Leninismus behauptete, dass auch seine ausgeübten Parteidiktaturen proletarische Diktaturen verkörpert hätten. Das ist Demagogie, die Parteidiktaturen waren staatskapitalistische Regimes gegen das Proletariat. Die wirkliche proletarische Diktatur ist der militante Klassenkampf gegen Kapital und Staat, die bereits ansatzweise im reproduktiven Klassenkampf ausgeübt wird.
Die konservative Tendenz des reproduktiven Klassenkampfes ist, dass er faktisch im Rahmen des Kapitalismus geführt wird, auch wenn dessen revolutionären Tendenzen eindeutig über diesen Rahmen hinaus weisen. Der reproduktive Klassenkampf war historisch und auch ist heute noch in vielen Ländern sowie im Niedriglohnsektor eine Notwendigkeit, um das nackte Überleben zu sichern. Das Kapital ist in seinem Streben nach Maximalprofit maßlos. Wer zählt die Millionen Menschen, die es in Form von Hungerlöhnen, überlangen Arbeitszeiten und regelrecht tödlichen Arbeitsbedingungen hingemordet hat? Ja, der reproduktive Klassenkampf des Proletariats ist eine Lebensnotwendigkeit, mit dem es die eigene biosoziale Reproduktion durchsetzt, die der massenmörderische Kapitalismus gefährdet. Doch indem das Kapital bei der konkurrenzförmigen Jagt nach Maximalprofit die biosoziale Reproduktion des Proletariats gefährdet, vergiftet es seine eigene Quelle. Das Kapital kann ohne das Proletariat nicht existieren. Indem das Proletariat gegen Hungerlöhne, mörderisch lange Arbeitszeiten und eine in den Wahnsinn treibende Arbeitsintensität ankämpft, kämpft es paradoxerweise objektiv auch für die Erhaltung des Kapitalismus, der durch die Überausbeutung des Proletariats seine eigene Existenz gefährdet.
Der reproduktive Klassenkampf war auch für die Bourgeoisie und deren politisches Personal ein sozialer Lernprozess. Am Anfang war Streik grundsätzlich verboten und Gewerkschaften wurden illegalisiert und kriminalisiert. Doch das Kapital lernte, dass in einer Klassengesellschaft der Klassenkampf nicht grundsätzlich effektiv zu verbieten ist. So legalisierte es den Streik und die Gewerkschaften im eigenen Interesse. Deutschland ist das beste Beispiel dafür, dass ein demokratisches Streikrecht viel effektiver den Klassenkampf eindämmen kann, als es ein absolutes Streikverbot je vermocht hätte. Das bundesdeutsche Streikrecht ist sehr repressiv. So sind so genannte politische Streiks gegen die Maßnahmen der Regierung verboten. Streiks sind nur legal im Rahmen der Tarifautonomie. Gerade in Deutschland erzog das demokratische Streikrecht die ProletarierInnen im Geist eines abtötenden Legalismus. Viele ProletarierInnen in Deutschland fragen sich mehr was sie dürfen, als was sie wollen. In China gibt es kein demokratisches Streikrecht, aber der Klassenkampf wird dort viel härter, konsequenter und militanter geführt als in Deutschland. Das demokratische Streikrecht in der BRD hat sich also bewährt – für Kapital und Staat.
Durch das Tarifvertragssystem entwickeln sich die bürgerlich-bürokratischen Gewerkschaftsapparate, die eindeutig nicht zum Proletariat gehören, zu Co-Managern von Kapital und Staat. Zu gut erzogenen Untertanen, die der Bourgeoisie schon in den Hintern kriechen, noch bevor diese ihn hinhält. Gerade in imperialistischen Auseinandersetzungen stehen deutsche GewerkschaftsbürokratInnen fest zur herrschenden Klasse. So trugen deutsche Gewerkschaftsbonzen den Ersten Weltkrieg mit, krochen vergeblich vor Hitler bevor dieser die Gewerkschaften zerschlug und waren auch im Kalten Krieg dem bundesdeutschen Staat durch Ausschlüsse von Linken behilflich. In der letzten Zeit sind besonders die IG-Metall-Bonzen durch standortnationalistische reaktionäre Sprüche aufgefallen. Sie stellten sich grundsätzlich auf die Seite der bundesdeutschen Außenpolitik, die ganz Europa einen Sparkurs gegen das Proletariat aufzwang.
Im Tarifvertragssystem sind die Lohnabhängigen nicht mehr als Statisten im Schacher zwischen Kapital, Staat und Gewerkschaftsbürokratie. Erst wenn sich die Bosse und Bonzen am Verhandlungstisch nicht einigen, werden sie zu Streiks aufgefordert – von der Gewerkschaftsbürokratie. Damit liegt das Streikmonopol in den Händen von bürgerlich-bürokratischen Gewerkschaftsapparaten – und damit eindeutig nicht in der Hand des streikenden Proletariats. Das wurde beim Poststreik im Sommer dieses Jahres besonders deutlich. Die ver.di-Bürokratie begann den Streik ohne Urabstimmung der lohnabhängigen Basis, um ihn auch ohne Urabstimmung wieder beenden zu können. Der Streik endete mit einer totalen Niederlage und einer demoralisierten Basis. Die Gewerkschaftsbürokratie ist der verlogenste und heimtückischste Klassenfeind des Proletariats.
Durch das Tarifvertragssystem ist die Bourgeoisie vor Überraschungen hinsichtlich des Klassenkampfes weitgehend geschützt. Denn während der Laufzeit von Tarifverträgen herrscht für die den Tarifvertrag unterzeichnende Gewerkschaft die Friedenspflicht. In der letzten Zeit bekamen die DGB-Gewerkschaften durch Berufsgewerkschaften einige Konkurrenz. Das gefiel weder Staat und Kapital, noch großen Teilen des DGB-Apparates. Deshalb beschloss der Staat das so genannte Gesetz zur Tarifeinheit. Jetzt soll nur noch der Tarifvertrag jener Gewerkschaft gelten, welche die meisten Mitglieder im Betrieb hat. Der DGB und einige Einzelgewerkschaften – unter ihnen auch die IG Metall – haben diese repressive Verschärfung des Streikrechtes unterstützt. Um nicht missverstanden zu werden: Auch die bürgerlich-bürokratischen Apparate der Berufsgewerkschaften gehören objektiv zu den Klassenfeinden des Proletariats. Indem zum Beispiel die GDL die besonders durchsetzungsfähigen LokführerInnen von den anderen Bahnbeschäftigten tarifvertrags- und klassenkampfmäßig trennt, trägt sie zur Spaltung des Proletariats bei. Denn es ist gerade das Hauptprinzip innerproletarischer Solidarität, dass die durchsetzungsfähigsten Teile der ArbeiterInnenklasse diesen Vorteil nicht nur für sich, sondern für alle nutzen.
Die Gewerkschaften stellen also als institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung den bürokratisch entfremdeten Ausdruck des reproduktiven Klassenkampfes dar. Doch gegen diese Gewerkschaftsbürokratie regt sich schon im reproduktiven Klassenkampf der proletarische Widerstand. So sind gerade längere gewerkschaftsgeführte Streiks von der Doppelherrschaft aus Gewerkschaftsbürokratie einerseits und der proletarischen Selbstorganisation andererseits geprägt. Wir haben diese Doppelherrschaft in unserem Text Gewerkschaftsbürokratie und proletarische Selbstorganisation ausführlich analysiert. Dabei beziehen wir uns besonders auf den halbjährlichen Streik bei Gate Gourmet Düsseldorf 2005/2006. In wilden Streiks ohne und gar gegen den Willen der Gewerkschaftsbürokratie wird das gewerkschaftliche Streikmonopol schon ansatzweise im reproduktiven Klassenkampf in Frage gestellt. Die Gewerkschaftsapparate sind nicht im Sinne des Proletariats reformierbar, sondern sie müssen in der möglichen sozialen Revolution wie Kapital und Staat zerschlagen werden.
Auch der politische Arm der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung, die so genannten sozialdemokratischen und sich „kommunistisch“ nennenden „ArbeiterInnenparteien“ sind objektiv strukturell sozialreaktionär. Parteien sind Organisationsformen der bürgerlichen Politik, die untereinander um die Regierungsmacht konkurrieren. Sie sind klassengespalten zwischen einer bürgerlich-bürokratischen Führung auf der einen Seite und einer kleinbürgerlichen und proletarischen Basis auf der anderen. In sozialdemokratischen und sich „kommunistisch“ nennenden Parteien war und ist das nicht anders. Kapitalistische Produktionsweise und bürgerliche Politik reproduzieren sich gegenseitig. Sozialdemokratie und der Partei-„Kommunismus“ reproduzierten und reproduzieren in entwickelten bürgerlichen Staaten den Privatkapitalismus, während leninistische Parteien in Osteuropa und in einigen Ländern des Trikont, also in Asien, Afrika und Lateinamerika, die schwache Bourgeoisie enteigneten und staatskapitalistische Regimes errichteten. Doch die ultrazentralistischen und überbürokratischen staatskapitalistischen Produktionsverhältnisse taugen nur zu einer ursprünglichen beschleunigten Industrialisierung. Nach dieser ist der Staatskapitalismus nicht in der Lage mit dem Privatkapitalismus in der globalen Konkurrenz weiter mit zu halten. Deshalb entstehen in den marxistisch-leninistischen Parteien nach der ursprünglichen Industrialisierung proprivatkapitalistische Fraktionen, die schließlich siegen und langsam oder schnell das Kapital privatisieren. In Osteuropa – besonders in Ostdeutschland – führte die Privatisierung zu Produktionsrückgang, Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit. In China, Vietnam und auf Kuba organisierten und organisieren die marxistisch-leninistischen Parteien diese Transformation zum Privatkapitalismus. In China ist der Prozess so gut wie abgeschlossen, aber auch auf Kuba, was das Paradies vieler linker KleinbürgerInnen darstellt, hat er längst begonnen.
Auch politisch linke Parteien und Regierungen gehören also zu den strukturellen Klassenfeinden des Proletariats. Die kleinbürgerliche politische Linke produziert unaufhörlich Illusion, ihre Tagträume entwickeln sich nicht selten zum blutigen Alptraum für das Proletariat. Die kleinbürgerliche politische Linke schürte Illusionen in das ANC-Regime in Südafrika, doch der schwarze Bulle geht nicht weniger mörderisch gegen das Proletariat vor wie der weiße Bulle. Die kleinbürgerliche Linke schürte Illusionen in Syriza, die jetzt genau wie ihre Vorgänger im Interesse des ausländischen Imperialismus und der einheimischen Bourgeoisie die massenhafte Verelendung des Proletariats organisiert. Wir proletarischen RevolutionärInnen warnten bereits vor Syriza, als diese noch die Oppositionsbank drückte. So schrieben wir im Jahre 2013: „Sollte Syriza in ,Regierungsverantwortung´ gelangen, hätte die globale und griechische Bourgeoisie es wahrscheinlich nicht allzu schwer, diese Partei zu disziplinieren.“ Heute unterstützt die große Mehrzahl der linken KleinbürgerInnen in Nordsyrien kurdische Politbonzen, die unterstaatliche Strukturen aufbauen und Verbündete des US-Imperialismus sind. Die politische Linke sorgt sich rührend sogar für die Bewaffnung der syrisch-kurdischen NationalistInnen. Heute mögen diese Waffen gegen den IS eingesetzt werden – und morgen vielleicht gegen das Proletariat. So werden Konterrevolutionen vorbereitet. Die kleinbürgerliche Linke ist hier in ihrer Mehrheit Teil des imperialistischen Bündnisses gegen den IS, nichts anderes als die linke Fraktion des Kapitals. Als solche ist sie objektiv ein struktureller Klassenfeind des Proletariats.
Deshalb müssen proletarische RevolutionärInnen mit dem linken KleinbürgerInnentum konsequent brechen. Sie müssen sich mit den wenigen revolutionären Intellektuellen zu sozialrevolutionären Gruppen zusammenschließen, die bereits heute eine Alternative zu den Parteien und Gewerkschaften darstellen. Proletarische RevolutionärInnen haben keine Angst vor so genannter „Isolation“ gegenüber den Gewerkschaftsapparaten und den armseligen sozialdemokratischen Wahlvereinen, um die die linken KleinbürgerInnen herumschlawenzeln wie die Katze um den heißen Brei. Klar, Partei- und Gewerkschaftsapparate bedeuten sichere Jobs für linke Intellektuelle – aber für das Proletariat die Verewigung der kapitalistischen Ausbeutung. Also müssen sich SozialrevolutionärInnen von der linken Fraktion des Kapitals trennen. Sie konzentrieren sich ganz auf den real existierenden Klassenkampf und die bereits weiter oben genannten revolutionären Tendenzen.
In außergewöhnlichen Situationen kann sich der reproduktive Klassenkampf zur sozialen Revolution zuspitzen. Einen Ansatz dazu erlebten wir während der europäischen revolutionären Nachkriegskrise von 1917 bis 1923, besonders in Russland und in Deutschland. In und mit der Revolution entwickelten sich die Organe der proletarischen Selbstorganisation, die ArbeiterInnenräte, die in Deutschland und in Sowjetrussland mit Demagogie und Gewalt zerschlagen wurden. In Deutschland höhlten die sozialdemokratischen Politbonzen von innen die Räte aus, so dass diese sich zu Gunsten des bürgerlichen Parlamentarismus selbst auflösten. Doch hunderttausende revolutionäre ArbeiterInnen und Intellektuelle kämpften konsequent gegen die Konterrevolution, ein großer Teil spaltete sich auch von der moskauhörigen „K“PD ab. Diese RevolutionärInnen werden noch heute von SozialdemokratInnen und LeninistInnen als „SektiererInnen“ und „Ultralinke“ diffamiert. In Russland eroberte die bolschewistische Partei im Namen der ArbeiterInnenräte die Macht, um eine Parteidiktatur zu errichten und die Räte zu entmachten. Als die Kronstädter Matrosen 1921 für die Rätemacht und gegen die Parteidiktatur kämpften, wurden sie von den Bolschewiki konterrevolutionär niedergemetzelt. Alles schon unter Lenin und Trotzki, und nicht erst unter Stalin!
Es gibt kein Zurück in die Zukunft. Die ArbeiterInnenräte waren eine konkrete Form der proletarischen Selbstorganisation in einer bestimmten Periode. Doch in außergewöhnlichen Situationen ist eine Zuspitzung des Klassenkampfes zu einer sozialen Revolution weiterhin möglich. Auch da werden sich Organe der proletarischen Selbstorganisation bilden müssen, dessen konkrete Formen heute noch nicht vorherzusagen sind. Diese Organe der proletarischen Selbstorganisation werden entweder von der Konterrevolution zerschlagen wie damals die ArbeiterInnenräte, oder sie heben die Warenproduktion auf und zerschlagen den Staat. Dass ist dann die mögliche revolutionäre Diktatur des Proletariats, die die kapitalistische Diktatur zerschlägt und dann prozesshaft in die klassen- und staatenlose Gesellschaft übergehen muss.