Februarrevolution

Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil des Textes „Klassenkämpfe in Sowjetrussland (1917-1921)“ über die Februarrevolution 1917 im Russland. Die gesamte Broschüre „Schriften zur russischen Revolution (1917-1921)“ könnt Ihr hier für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Russische Revolution

2. Die Februarrevolution

Bei der Beschreibung der Februarrevolution haben wir uns stark von Leo Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution inspirieren lassen, natürlich haben wir dabei seinen kleinbürgerlichen Radikalismus einer proletarisch-revolutionären Kritik unterzogen.
Wie wir bereits im vorigen Kapitel beschrieben haben, spitzte sich in der damaligen russischen Hauptstadt von Oktober 1916 bis Februar 1917 der proletarische Klassenkampf permanent zu. Der 23. Februar in Russland war der globale 8. März, der internationale Frauentag, der damals noch kein totes Ritual, sondern in vielen Teilen der Welt ein Kampftag der proletarischen Frauen für ihre sozialen Bedürfnisse war – wenn auch unter Kontrolle der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung (Sozialdemokratie und Gewerkschaften). So war es auch im zaristischen Russland. Der Kampf der proletarischen Frauen wurde zum letzten Funken, der nötig war, um die russische Revolution zu entflammen. In sozialdemokratischen Kreisen –sowohl in menschewistischen wie in bolschewistischen – waren für den 23. Februar 1917, welcher nach dem globalen Kalender der 8. März 1917 war, Flugblätter, Reden und Versammlungen zu Ehren der proletarischen Frauen, aber keine Streiks und schon gar nicht der Beginn der Revolution geplant. Doch wie so oft in der Geschichte des globalen Klassenkampfes war die so genannte „politische Avantgarde des Proletariats“ nur dessen Nachhut und Bremse.
Den Petrograder Textilarbeiterinnen fehlte es am Morgen des 23. Februar 1917 an Parteidisziplin. Sie traten in den Streik. Die proletarischen Frauen entsandten Delegierte zu den MetallarbeiterInnen, um sie erfolgreich ebenfalls in den Kampf zu ziehen. Die Bolschewiki, die zuvor eine Arbeitsniederlegung abgelehnt hatten, gaben ihre bremsende Haltung auf und versuchten sich an die Spitze des Kampes zu stellen, um nicht ihre politische Kontrolle über den sozialen Kampf des Proletariats zu verlieren. So mündete der Streik der Textilarbeiterinnen in den nächsten Tagen in einem hauptstadtweiten Generalstreik.
Schon am 23. Februar legten ungefähr 90 000 ArbeiterInnen die Arbeit nieder. Der internationale Frauentag wurde in Petrograd klassenkämpferisch in Form von Demonstrationen, Versammlungen und blutigen Zusammenstößen mit der Polizei begangen. Das Zentrum der Bewegung war der proletarische Wyborger Bezirk mit seinen Großbetrieben. In den anderen Stadtteilen gab es nach Auskunft der zaristischen Geheimpolizei Ochrana an diesem Tag noch keine Streiks und noch keine Demonstrationen. Die Monarchie zog bereits vereinzelt Armeeabteilungen zur Unterstützung der Polizei heran, welche aber an diesem Tag noch nicht in die Klassenauseinandersetzungen eingriffen. Ein Höhepunkt der Bewegung an diesem Tag war eine Frauendemonstration zur Stadtduma, auf der lautstark nach „Brot!“ verlangt wurde. Doch das Regime konnte noch nicht mal mehr die elementarsten sozialen Bedürfnisse des Proletariats und großen Teilen der KleinbürgerInnen stillen, was der Bewegung diese gewaltige Wut und Entschlossenheit gab. Der Frauentag endete ohne Tote.
Am nächsten Tag, den 24. Februar 1917, entwickelte sich die revolutionäre Bewegung weiter. Etwa 50 Prozent des Petrograder Industrieproletariats legte an diesem Tag die Arbeit nieder. Die ArbeiterInnen erschienen zwar in „ihren“ Betrieben, begannen jedoch nicht mit der Arbeit, sondern veranstalteten Versammlungen und gingen auf die Straße, um ihre soziale Wut in einer machtvollen proletarischen Straßenbewegung zu demonstrieren. Hauptparolen waren „Brot!“, „Nieder mit dem Krieg!“ und „Nieder mit dem Selbstherrschertum!“ Gewaltige Menschenmassen strömten von einem Stadtteil in den anderen, zwar von den Bullen und einzelnen Armeeeinheiten auseinander getrieben, aber sich dennoch immer wieder neu sammelnd und ganze Plätze (Snamenski-Platz und Newski-Prospekt) ausfüllend. Durch diese Straßenbewegung wurden immer neue Stadtbezirke und neue soziale Gruppen in den Widerstand gegen die zaristische Reaktion hineingezogen.
An diesem Tag wurden auch die ersten zaghaften Kontakte zwischen dem streikenden und demonstrierenden Petrograder Proletariat und den in der Hauptstadt stationierten Armeetruppenteilen hergestellt. Kranke Soldaten winkten aus den Lazarettfenstern den Demonstrierenden freundlich zu. Doch letztere wurden von den Kosaken ununterbrochen attackiert. Aber diesen Attacken fehlte bereits die Konsequenz. Das für Russland erfolglose Kriegsgemetzel und die sich daraus ergebende allgemeine soziale Unzufriedenheit hatte auch bei den Kosaken Spuren hinterlassen. Es ergaben sich erste Gespräche zwischen ArbeiterInnen und Kosaken, welche für den weiteren Verlauf des revolutionären Prozesses so wichtig waren. Doch später bot die zaristische Reaktion halbbetrunkene Dragoner auf, welche in die Menge hineinritten und mit ihren Lanzen auf die Köpfe der ArbeiterInnen schlugen. Das kämpfende Proletariat verhielt sich taktisch sehr klug gegenüber den verschiedenen Repressionsorganen. Während es den Bullen unnachgiebigen Hass, Steine und Eisenstücke entgegenschleuderte, versuchte es die Soldaten als Verbündete zu gewinnen. Gerüchte tauchten auf, dass ein brutal auf eine Frau einschlagender Bulle von einer Gruppe Kosaken einen körperlichen Verweis bekam. Ob dieses Gerücht den Tatsachen entsprach, konnte auch nachträglich nicht von der Geschichtsschreibung festgestellt werden. Es diente aber der kollektiven Taktik des Proletariats, nämlich gegen die Polizei einen gnadenlosen Kampf zu führen, jedoch die Soldaten auf seine Seite zu ziehen.
Unter den Streikenden und Demonstrierenden des 24. Februar befand sich die gesamte Belegschaft von Erikson, einer der größten Betriebe des proletarischen Wyborger Bezirkes. Nach einer morgendlichen Versammlung zogen die 2500 ArbeiterInnen zum Sampsonjewski-Prospekt. Unterwegs stieß die Belegschaft auf eine Kosakenabteilung. Zuerst ritten die Offiziere in die Menschenmenge hinein, hinter ihnen die „einfachen“ Kosaken. Aber einige von ihnen lächelten den ArbeiterInnen freundlich zu und einer zwinkerte sogar. Die Kosaken verletzten nicht offen die Disziplin, aber sie trieben auch nicht wirklich die ArbeiterInnen auseinander. Nach einer Weile entspannte sich sogar eine Diskussion zwischen einzelnen Kosaken und ArbeiterInnen. Die Offiziere reagierten darauf, indem sie rasch ihre Einheit vom klassenkämpferischen Proletariat trennte, den Gedanken des Auseinandertreibens der ArbeiterInnen fallen lassend. Sie ließen die Kosaken quer auf die Straße aufstellen, um der Belegschaft von Erikson den Weg abzuschneiden. Doch die Kosaken verrichteten ihren Dienst nach Vorschrift, während die ArbeiterInnen unter den Bäuchen der Pferde ihren Weg fortsetzten. Das Proletariat erreichte am 24. Februar die ersten Risse in der soldatischen Disziplin.
Am 23. und 24. Februar bekamen auch achtundzwanzig Bullen vom Petrograder Proletariat handgreiflich das, was sie schon lange verdient hatten: eine ordentliche Abreibung. Der militante Kampf gegen die Bullen war eine unmittelbare Keimform einer Diktatur des Proletariats, deren Höhepunkt die Zerschlagung des bürgerlichen Staates ist. Wenn der Staat zertrümmert ist, kann und muss die proletarische Diktatur in die klassenlose Gesellschaft übergehen. Doch die Februarrevolution konnte nicht zum Höhepunkt der proletarischen Diktatur führen, aber deren Keimform erreichte in ihren ersten zwei Tagen schon einen großen Erfolg: die zaristische Reaktion wagte es nicht den Schießbefehl zu geben.
Am 25. Februar wurde der Streik noch mehr ausgeweitet. Nach Regierungsangaben legten an diesem Tag 240.000 ProletarierInnen die Arbeit nieder. Auch die rückständigeren LohnarbeiterInnen wurden jetzt von ihren kämpferischeren und bewussteren KollegInnen in die direkten Aktionen des Klassenkonfliktes hineingezogen. Die Belegschaften großer Betriebe bekamen Verstärkung durch die ArbeiterInnen, die sonst in Kleinbetrieben schufteten, aber diese Schufterei jetzt unterbrachen. Auch die SchülerInnen der höheren Lehranstalten schlossen sich dem Streik des Petrograder Proletariats an. Es wurden Versuche unternommen, Versammlungen im Freien abzuhalten. Konflikte zwischen den zaristischen Bullen und dem streikenden und demonstrierenden Proletariat wurden von beiden Seiten bewaffnet ausgetragen. Als am Denkmal von Alexander III. Redner auftraten, schoss die berittene Polizei auf die Demonstrierenden. Ein Redner wurde von den zaristischen Schergen verwundet. Doch das Petrograder Proletariat war nicht wehrlos. Im Kampf wurden ein Polizeimeister und einige „einfachen“ Bullen getötet. Als Waffen dienen den ArbeiterInnen Flaschen, Petarden und Handgranaten. In diesem Konflikt zwischen Proletariat und Bullen verhielten sich die Soldaten weitgehend passiv, Kosaken sollen nach den mündlichen Berichten Petrograder ArbeiterInnen sogar in den Konflikt auf Seiten der Revolution eingegriffen haben. Doch die Bullen verschwanden bald von der Bildfläche und operierten aus dem Hintergrund. In den Vordergrund traten Soldaten mit umgehängten Gewehren. Die ArbeiterInnen versuchten die Soldaten auf ihre Seite zu ziehen. Die gewaltsame Entwaffnung der zaristischen Bullen wird von immer mehr ArbeiterInnen als unausweichlicher Notwendigkeit des Klassenkampfes erkannt.
Im Wyborger Bezirk wurde die zaristische Macht bereits an diesem 25. Februar 1917 gebrochen. Die Polizeireviere wurden vom revolutionären Proletariat zerstört, einzelne Bullen niedergemacht, die Mehrzahl musste sich verstecken. Die Stadthauptmannschaft verlor die Verbindung mit einem großen Teil der Hauptstadt. Nach Wyborg wurde noch vor dem Morgen des 26. Februar der Stadtteil Peski weitgehend vom Proletariat eingenommen. Jedenfalls begannen die Bullen aus Peski zu flüchten. Doch den ArbeiterInnen dieses Stadtteiles war ihr großer Sieg wohl selbst noch nicht bewusst.
Der Zar Nikolaus, der sich nicht in Petrograd befand, gab am 25. Februar den Befehl das klassenkämpferische Proletariat am nächsten Tage blutig niederzuschlagen. Die zaristische Reaktion bereitete sich auf den entschiedenen Zusammenstoß am 26. Februar vor. Falls es dem Proletariat nicht gelingen würde, ein Großteil der Soldaten dazu zu bringen, die Gewehre umzudrehen und auf jene zu richten, die ihnen befahlen auf die ArbeiterInnen zu schießen, würde es schlecht um die begonnene Revolution stehen.
Das Regime ging zum konzentrierten Gegenangriff über. In der Nacht vom 25. zum 26. Februar verhafteten die Repressionsorgane in mehreren Stadtteilen von Petrograd etwa hundert Menschen, welche der menschewistischen, „sozialrevolutionären“ und bolschewistischen Partei angehörten. Durch diese Repression wird unter anderem die Petrograder Parteileitung der Bolschewiki enthauptet. Die politische Leitung des kleinbürgerlich-radikalen Bolschewismus ging auf den Wyborger Bezirk über, wo sie unter starkem proletarisch-revolutionärem Druck stand und weiter getrieben wurde, als sie ursprünglich stand. Denn auch die radikalste Kraft der kleinbürgerlichen Politik, die bolschewistische Partei, war hinter dem tatsächlichen Verlauf des Klassenkampfes stark zurück geblieben. So hatte das bolschewistische Zentralkomitee erst am Morgen des 25. Februar in einem Flugblatt zu einem allrussischen Generalstreik aufgerufen. Aber inzwischen entwickelte sich in Petrograd eine Revolution.
Der 26. Februar 1917 fiel auf einen Sonntag. Die ArbeiterInnen konnten sich also nicht wie in den vorangegangenen Tagen in den Betrieben treffen und für die Straßendemonstrationen sammeln, was die letzteren erschwerte. Denn der bisherige Weg der proletarischen Straßenbewegung –aus den Betrieben auf die Straße –gab ihr auch die gewaltige soziale Sprengkraft. So dauerte die Sammlung des Proletariats an diesem Tage etwas länger. Die Sozialreaktion gab sich schon teilweise dem Tagtraum hin, dass der proletarische Klassenkampf an Kraft verloren hätte. So telegrafierte die Zarin aus Petrograd ihren abwesenden Ehegatten: „In der Stadt herrscht Ruhe.“ Doch das Proletariat ließ der Reaktion nicht lange Zeit zum träumen. Die ArbeiterInnen begannen sich langsam zu sammeln und bewegten sich aus den Vorstädten in das Zentrum von Petrograd. Die zaristische Reaktion wollte das Proletariat nicht über die Brücken lassen. Doch die ArbeiterInnen gingen über das Eis, dass zu dieser Zeit noch die Newa bedeckte. Die polizeilichen Repressionsorgane schossen auf die ArbeiterInnen aus Fenstern, Balkontüren, von Dachböden und hinter Säulen versteckt. Immer mehr ProletarierInnen wurden erschossen oder verwundet. Auch die Armee schoss vereinzelt an diesem Tage. Nach offiziellen Meldungen starben am 26. Februar 40 Menschen, ebenso viele wurden verwundet, wobei jene nicht gezählt wurden, welche von der proletarischen Straßenbewegung weggeführt oder weggetragen wurden.
Doch das kampfbereite Proletariat ließ sich von der blutigen Repression des Zarismus nicht mehr aufhalten. Damit versetzte es auch das liberale Petrograd in Angst und Schrecken. Rodsjanko, der Vorsitzende der Reichsduma, forderte am 26. Februar die Sendung zuverlässiger Truppen von der Front, um die begonnene Revolution niederzuschlagen. Auch machte der Liberale den zaristischen Repressionsorganen den Vorschlag, die Massen nicht durch Blei sondern durch kaltes Wasser aus Feuerwehrschläuchen zurückzutreiben. Doch die Repressionsorgane sind der Meinung, dass kalte Duschen das Proletariat nur noch wütender machen würde. Auch andere liberale PolitikerInnen und Bourgeois biederten sich während der Februarrevolution der zaristischen Konterrevolution an. Doch diese nahm nicht viel Rücksicht auf den Liberalismus.
Und das Proletariat Petrograds wurde immer kühner. Es ließ sich auch von der Armee nicht mehr auseinander treiben. Auf die handgreifliche Aufforderung der Armee auseinander zu gehen, kam von den proletarisierten Menschen ein Hagel von Steinen und Eistücken als Antwort. Warnschüsse machten keinen Eindruck mehr, nur scharfe Schüsse in die Menge konnte sie für kurze Zeit zerstreuen – aber nur für kurze Zeit, dann sammelte sie sich wieder an einem anderen Ort. Doch gegen die Armee wendete das revolutionäre Proletariat nur Notwehrmaßnahmen an, da es Teil seines kollektiven Bewusstseins war, dass der Kampf gegen den Zarismus nur gewonnen werden konnte, wenn die vorwiegend bäuerlichen Soldaten die Fronten wechseln würden. So forderten die ArbeiterInnen die Soldaten mehrmals auf nicht auf sie zu schießen, sondern mit ihnen zusammen gegen Krieg, Armut und Monarchie zu kämpfen. Die Soldaten mussten sich entscheiden. In den Tagen vom 23. bis zum 25. Februar hatte noch passive Sympathie mit dem aufständischen Proletariat und ein nicht sehr aktiver Dienst nach Vorschrift gereicht, um nicht offen und direkt zum Werkzeug der zaristischen Konterrevolution zu werden. Doch am 26. Februar ging die zaristische Reaktion mit ihrem Schießbefehl gegen das revolutionäre Proletariat zur Gegenoffensive über. Jetzt gab es für die Soldaten kein Lavieren mehr. Entweder sie würden sich offen für das Proletariat oder für den Zarismus entscheiden.
Und die Soldaten entschieden sich am 27. Februar 1917 mehrheitlich für das Proletariat. Schon am Abend des 26. Februars meuterte die 4. Kompanie der Leibgarde des Pawlowski-Regiments und zwar aus Empörung darüber, dass das Lehrkommando des gleichen Regiments während seines Wachdienstes auf dem Newski auf ArbeiterInnen geschossen hatte. Über diese blutige Repression von Teilen des gleichen Regiments wurde den Soldaten der 4. Kompanie gegen 14 Uhr von einer Delegation von ArbeiterInnen berichtet. Diese Information ließ sie handeln. Gegen 18 Uhr verließ die 4. Kompanie eigenmächtig unter Führung eines Unteroffiziers die Kaserne und begab sich zum Newski, um das auf ArbeiterInnen schießende Lehrkommando von dort wegzuholen. Auf den Weg dorthin stießen die rebellierenden Soldaten auf eine berittene Polizeistreife. Die Soldaten schossen auf die Bullen. Ein Schutzmann und ein Pferd wurden von ihnen tödlich getroffen, während ein Bulle und ein Pferd verwundet wurden.
Nach einer Weile kehrte die 4. Kompanie in die Kaserne zurück und zog das ganze Pawlowski-Regiment auf die Seite der Revolution. Doch die zaristische Konterrevolution hatte inzwischen die Waffen beiseite geschafft. Die rebellierenden Soldaten gelangten schließlich in den Besitz von dreißig Gewehren. Doch das war für den Beginn der Soldatenrevolte noch zu wenig. Sie wurden schließlich von den Soldaten des Preobraschenski-Regiments umzingelt. Neunzehn rebellierende Soldaten wurden von den noch regierungstreuen Soldaten verhaftet und in eine Festung verschleppt, während sich der Rest des Pawlowski-Regiments ergab. Nach gewissen Quellen sollen am Abend beim Appell jedoch einundzwanzig Mann mit Gewehren gefehlt haben.
Am 27. Februar vertiefte sich die am Tag davor begonnene Soldatenrebellion und sicherte der vom klassenkämpferischen Proletariat ausgegangenen Februarrevolution den Sieg. Voraussetzung der Vertiefung der Soldatenrevolte war die Tatsache, dass sich das Proletariat auch von der schießenden Armee am 26. Februar nicht einschüchtern ließ und weiterkämpfte. Hätte das Proletariat am 27. Februar Schwäche gezeigt, wäre der entscheidende Impuls zur Soldatenrevolte ausgeblieben. Doch die ArbeiterInnen sammelten sich am Montagmorgen wieder in den Fabriken – aber nicht um wieder fleißig für das Kapital Mehrwert zu produzieren, sondern um den Klassenkampf fortzusetzen. Nachdem in den Vortagen der Generalstreik in eine gewaltige proletarische Straßenbewegung übergegangen war, welche auch der bewaffneten zaristischen Repression tollkühn die Stirn bot, konnte nach der sozialen Eigendynamik des Klassenkampfes dessen Fortsetzung nur der bewaffnete Aufstand sein. Hatte vorher keine politische Kraft zum Generalstreik in Petrograd aufgerufen, so erst recht keine zum bewaffneten Aufstand. Das Petrograder Proletariat ging auch den Weg des bewaffneten Aufstandes ohne politische Bevormundung, aber natürlich hatten subjektiv bewusst revolutionäre ArbeiterInnen, die bereits vor der Februarrevolution den objektiv kleinbürgerlichen parteimarxistischen, „sozialrevolutionären“ und anarchistischen Strömungen angehörten, einen großen Anteil an der Februarrevolution. Doch die Schicht sozialrevolutionärer ArbeiterInnen handelte selbständig ohne die politische Leitung der kleinbürgerlichen DemokratInnen und Radikalen, zog auch konservativere Kräfte des Proletariats in den Kampf hinein und organisierte gemeinsam mit ihnen den kommenden halben Sieg – den Sturz des Zarismus, bei Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, der GroßgrundbesitzerInnen und der BerufspolitikerInnen.
Das klassenkämpferische Proletariat erhöhte am 27. Februar den Druck auf die Soldaten, sich ihm gegen die zaristische Konterrevolution anzuschließen. Die Wyborger ArbeiterInnen veranstalten vor dem Moskauer Regiment ein Massenmeeting. Doch einige konterrevolutionären Offizieren und Unteroffizieren gelang es auf die ArbeiterInnen ein Maschinengewehr zu richten und sie durch tödliches Blei auseinanderzujagen. Das Proletariat strebte danach sich zu bewaffnen, um der Konterrevolution den Garaus zu machen. Die ArbeiterInnen verlangten auch von den Bolschewiki Waffen. Doch der politische kleinbürgerliche Radikalismus verfügte damals selbst noch nicht über solche. Nur die Soldatenrebellion konnte die Februarrevolution bewaffnen.
Am Morgen des 27. Februar meuterten die Reservegardebataillone. Als erstes erhoben sich die Soldaten des Wolynski-Regiments. Das Lehrkommando weigerte sich zur blutigen Repression gegen das Proletariat aus der Kaserne auszurücken und tötete ihren Kommandanten. Das Wolynski-Regiment war von Anfang an bestrebt die soziale Basis der Soldatenrebellion zu erweitern. Es zog von Kaserne zu Kaserne um die Soldaten des Litowski- und des Preobraschenski-Regiments raus auf die Straße zu holen. Diese schlossen sich auch massenhaft der Rebellion an. Das Moskauer Regiment schloss sich erst nach inneren Kämpfen der Februarrevolution an. Doch schließlich wurde die monarchistische Oberschicht auch dieses Regiments von der Soldatenmasse bezwungen. Nachdem sich das Moskauer Regiment dem Kampf gegen den Zaren angeschlossen hatte, begannen sich die ArbeiterInnen der Fabrik „Arsenal“ zu bewaffnen und gemeinsam mit den meuternden Soldaten revolutionäre Kampforgane zu bilden. Immer mehr Soldaten traten auf die Seite der Revolution über. Gegen Abend schloss sich den kämpfenden ArbeiterInnen und Soldaten auch das Semjonowski-Regiment an. Dieses hatte in der Revolution von 1905 den proletarischen Aufstand in Moskau niedergeschlagen. Nun, 11 ereignisreiche Jahre später, half dieses Regiment dabei den Zaren zu stürzen.
Das klassenkämpferische Proletariat und die meuternden – vorwiegend bäuerlichen – Soldaten zwangen im Verlauf des 27. Februars 1917 schließlich den Zaren in die Knie. Nikolaus II. dankte ab. Das proletarische und soldatische Petrograd hatte ganz Russland vom Zarismus befreit, das riesige Land schloss sich in den übrigen Tagen der Hauptstadt an. So undemokratisch pflegen Revolutionen zu sein!
Der armselige demokratische Parlamentarismus der liberalen Bourgeoisie, die Reichsduma, hing in diesem Kampf zwischen dem Petrograder Proletariat und den rebellierenden Soldaten auf der einen Seite und dem sterbenden zaristischen Regime auf der anderen ohnmächtig in der Luft. Der Zarismus war schon nicht mehr fähig das revolutionäre Proletariat auch durch scharfe Schüsse zum Schweigen zu bringen, aber er konnte immerhin noch vor seinem endgültigen Tod mit Ohrfeigen die liberale Bourgeoisie schrecken. So löste die zaristische Reaktion während der Februarrevolution die Reichsduma auf, was den Parlamentshelden aber erst am Morgen des 27. Februar bekannt wurde. Und selbst jetzt noch, wagte es die Duma nicht offen den Befehl des sterbenden Regimes zu missachten. Formal erkannte sie den Beschluss an. Die Abgeordneten der aufgelösten Duma trafen sich lediglich zu einer „Privatberatung“. Erst als sicher war, dass der Zar Nikolaus II. nicht mehr zu retten war, am 3. März 1917, gab sich die Privatberatung den Namen „Provisorisches Dumakomitee“. Und diese liberalen Helden sollten als Folge der Februarevolution, die sie nicht gewollt hatten, sondern leidenschaftlich hassten, das nachzaristische Russland für acht Monate „regieren“!

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Die Februarrevolution von 1917 war ein klassisches Beispiel von selbst organisiertem proletarischem Klassenkampf in höchster Potenz. Das Proletariat Petrograds trat selbständig in den Kampf und zertrümmerte das morsche zaristische Regime. Keine Partei und keine Gewerkschaft hatten zu diesem gewaltigen Massenkampf aufgerufen. Die proletarisierten Menschen der damaligen russischen Hauptstadt gaben ein Musterbeispiel von unmittelbarer sozialer Selbstorganisation, wo die direkte Tat und die Organisation dieser Tat zusammenfallen. Es wurden keine demokratischen Abstimmungen vor der Tat organisiert, die Tat war die praktische Abstimmung. Alle groß- und kleinbürgerlichen SpießerInnen – einschließlich der meisten ParteimarxistInnen – können hier nur „Spontaneität“, aber eben keine unmittelbare soziale Selbstorganisation des kämpfenden Proletariats sehen.
In dieser direkten Aktion des Petrograder Proletariats hat die zur Gesamtklasse relativ dünne Schicht der bewusst sozialrevolutionären ArbeiterInnen, welche zugleich die proletarischen Flügel von Marxismus und Anarchismus darstellten, eine sehr wichtige Rolle gespielt. Sie hat die Mehrheit der Klasse zur Tat inspiriert und dieser Tat Richtung und Orientierung geboten.
Selbstverständlich reicht die unmittelbare soziale Selbstorganisation als direkte Massenorganisation des Proletariats nicht zum Sieg der sozialen Revolution – der Aufhebung von Politik und Warenproduktion und damit der Selbstaufhebung des Proletariats – aus. Aufhebung der Warenproduktion heißt die Überführung der Produktionsmittel in gesamtgesellschaftliche Verfügungsgewalt und produktive Tätigkeit für den unmittelbaren individuellen und kollektiven Bedarf – und nicht für einen anonymen Markt, wo die Menschen die in voneinander getrennten Produktionsstätten geschaffenen Produkte gegen Geld und das Geld gegen Produktionsmittel und Konsumgüter tauschen. Gesamtgesellschaftliche Produktion heißt nicht staatliche Produktion, weil der Staat ein hierarchisch-bürokratischer Gewaltapparat ist und Staatseigentum an industriellen Produktionsmitteln nur die Verfügungsgewalt der Staatsbürokratie über diese bedeuten kann. Das Proletariat ist durch Verstaatlichungen als von den Produktionsmitteln getrennte Menschenmasse reproduziert, welches dessen kollektive Arbeitskraft – allerdings jeder individuell für sich – an den Staat vermieten muss.
Der Parteimarxismus mit seiner Verstaatlichung der Produktionsmittel reproduzierte als politische Strömung die Politik als staatliche Organisation der Gesellschaft und die Warenproduktion als staatskapitalistische. Aber auch nicht wenige sozialrevolutionäre ArbeiterInnen im damaligen Russland hatten staatskapitalistische Illusionen und folgte kleinbürgerlich-radikalen PolitikerInnen, zumal es damals noch keine praktischen proletarischen Erfahrungen mit einem totalen Staatskapitalismus gab, obwohl der Anarchismus teilweise recht hellsichtig diese sozialreaktionären Tendenzen des Marxismus herausgearbeitet hatte.
Gesamtgesellschaftliche Produktion kann aber auch niemals aus einer Assoziation von kleinen PrivateigentümerInnen bestehen. Die nachkapitalistische klassen- und staatenlose Gesellschaft kann sich also nicht auf der Basis von alten urwüchsigen vorkapitalistischen Dorfgemeinschaften, wie zum Beispiel der Allmende oder der Mir entwickeln – selbst wenn mensch vorübergehend das Geld „abschaffen“ und die Lohnarbeit „verbieten“ würde. Kleineigentum heißt immer kleinbürgerlicher Individualismus, Konkurrenz und soziale Differenzierung in Kapital auf der einen Seite, also in unserem Fall GroßbäuerInnen, und Lohnarbeit, Knechte und Mägde, auf der anderen. Die soziale Differenzierung der sowjetischen BäuerInnen während der NEP (1921-1928) und die Entwicklung einer bäuerlichen Warenproduktion und embryonaler Lohnarbeit belegten dies eindeutig.
Vergesellschaftung der landwirtschaftlichen Produktion heißt Kollektivierung des Bodens. Doch nur eine Minderheit der KleinbäuerInnen und des Landproletariats war während der russischen Revolution dazu bereit. Also war in Russland eine siegreiche soziale Revolution wegen den bäuerlichen PrivatproduzentInnen unmöglich. Die wenigen freiwilligen Genossenschaften waren vor der Verstaatlichung der Landwirtschaft ab 1929 ein deutliches Zeichen dafür. Genossenschaften können in diesem Falle nur eine kleinbürgerlich-kollektive Form der Warenproduktion bedeuten. Anarchistische und teilweise auch marxistische SozialromantikerInnen wollen einfach nicht begreifen, dass vorkapitalistische kleinbürgerliche Produktionsverhältnisse niemals zum Aufbau des nachkapitalistischen Kommunismus taugen! Der Marxismus hatte und hat hier in seiner Kritik an dieser kleinbürgerlichen Tendenz des Anarchismus Recht. Heute ist die anarchistische Selbstverwaltungsideologie auch als Verklärung von kleinbürgerlich-kollektiven Formen der Industrieproduktion eine gefährliche geistige Waffe gegen das Proletariat. Was interessiert die anarchistischen KleinbürgerInnen bei der „selbstverwalteten“ Produktion schon die Tatsache, dass weiterhin Waren für den Markt produziert werden und die Ware-Geld-Beziehung das menschliche Denken und Handeln bestimmen?!
Neben der bäuerlichen Agrarrevolte, welche die Verwandlung des Großgrundbesitzes in Kleineigentum anstrebte, konnte auch das instinktive Streben der ArbeiterInnenklasse nach Kollektivierung der Industrieproduktion nur zu einer kleinbürgerlich-kollektiven Warenproduktion führen. Denn kleinbürgerliche Produktionsverhältnisse in der Landwirtschaft heißt das Agrarprodukte nur Tauschobjekte sein können, die gegen Industriegüter ausgetauscht werden können – auch wenn mensch das Geld „abschaffen“ würde. Dann hätte es eben einen vorkapitalistischen Naturaltausch gegeben – für eine kurze Zeit, denn der Tausch der Produkte reproduziert notwendig das Geld als verselbständigten Ausdruck des Tauschwertes. Im Austausch mit dem Dorf wären also auch bei einer kleinbürgerlichen Kollektivierung der Industrieproduktion deren Produkte notwendigerweise Waren.
Das Proletariat konnte also objektiv nicht die kleinbürgerliche Warenproduktion – selbst bei Enteignung des Großkapitals – aufheben, weil die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit die Schaffung vom privaten Kleineigentum während ihrer Agrarrevolte als Teil der russischen Revolution anstrebte. Außerdem führt das instinktive Streben der ArbeiterInnen nach der kollektiven Übernahme der industriellen Produktionsmittel, wenn sie nicht durch die bewusste Initiative von in dieser Frage klaren proletarischen RevolutionärInnen in die theoretische und praktische Kritik der sozialökonomischen Kategorien von Tausch, Ware und Geld umschlägt, zwangsläufig in eine kleinbürgerlich-kollektive Form der Warenproduktion. Doch auch bei den damaligen russischen und internationalen proletarischen RevolutionärInnen war das theoretische Wissen über die Warenproduktion noch geringer ausgeprägt als heute. Aber ohne die theoretische Kritik der Warenproduktion schlägt das instinktive proletarische Streben nach Kollektivierung der Industrieproduktion zwangsläufig praktisch in eine mögliche kleinbürgerlich-kollektive Industrieproduktion und geistig in die Selbstverwaltungsideologie um. Während der russischen Revolution vermochte die privatkapitalistische und staatskapitalistische Konterrevolution eine kleinbürgerlich-kollektive Industrieproduktion weitgehend verhindern, aber die Selbstverwaltungsideologie als Folge der Februarrevolution wurde instinktiv von großen Teilen des Proletariats reproduziert, während die verschiedensten anarchistischen und linksbolschewistischen Strömungen ganze Theoriegebäude auf diesem kleinbürgerlichen Fundament errichteten.
Nur unverbesserliche kleinbürgerlich-anarchistische SozialromantikerInnen können heute nach all den praktischen Erfahrungen noch immer glauben, mensch könne auf der Basis von KleineigentümerInnen – seien es nun individuelle oder genossenschaftliche – und den notwendigen Gütertausch zwischen diesen das Geld „abschaffen“ und die Lohnarbeit „verbieten“. Gütertausch heißt kleinbürgerliche Warenproduktion und kleinbürgerliche Warenproduktion heißt keimhaft Kapital und Lohnarbeit. Naturaltausch konnte aber in der Praxis nur eine primitive Form der Warenproduktion und der Lohnarbeit sein (siehe dazu das Kapitel „Kriegskommunismus“ in der Schrift Der BürgerInnen- und imperialistische Interventionskrieg (1918-1921)). Stellen wir uns aber für einen kleinen Moment eine Gesellschaft mit individuellen und genossenschaftlichen KleineigentümerInnen vor, die das Geld „abgeschafft“ und die „Lohnarbeit“ verboten hat, ganz nach den sozialromantischen Vorstellungen unserer kleinbürgerlicher AnarchistInnen. Es wird dann irgendwann folgendes eintreten: Ein etwas erfolgreicherer Bauer schafft durch seine eigene individuelle Arbeit und die „seiner“ Familie nicht mehr sein Land zu bestellen. Was also tun? Doch halt, da gibt es ja zwei BäuerInnen in seiner Nachbarschaft, denen ihr Boden nicht wirklich ernährt. Also könnten sie doch bei ihm arbeiten, natürlich nicht für Geld, denn das ist ja „abgeschafft“. Also arbeiten die erfolglosen BäuerInnen ganz freiwillig bei den erfolgreicheren BäuerInnen für Naturalien. Doch das soll ja verboten werden! Verbote gegen die sozialökonomische Erscheinung der Lohnarbeit, die mit Elementargewalt aus der kleinbürgerlichen Warenproduktion emporwächst!
Genauso ist es mit dem Geld, als verselbständigter Form des Tauschwertes. Der Tausch von Gütern erzeugt auch das Bedürfnis nach dem verselbständigten Tauschwert. Der Tauschwert ist die durchschnittliche gesellschaftliche Herstellungszeit eines Produktes und der Preis ist der Geldausdruck des Tauschwertes. Stellen wir uns nun in der Stadt das kleinbürgerlich-anarchistische Paradies von individuellen und genossenschaftlichen KleinbürgerInnen vor, in denen das Geld „abgeschafft“ wurde. Es würde dann zu solchen Entwicklungen kommen: Der individuelle Wirt einer Gaststädte möchte sich mal wieder seine Haare frisieren lassen. Er begibt sich also zur Frisörkooperative. Er hat den FrisörInnen einen Kasten Bier mitgebracht. Für diesen soll ihn ein Mitglied der Frisörkooperative die Haare frisieren. Die Kooperative berät. Erst vor einer Stunde hatte ein anderer Kneipenwirt einen Kasten Bier gebracht. So viel Bier brauchen sie nicht… Das kann und muss auf der Basis von kleinbürgerlichem Eigentum und Naturaltausch passieren. Deshalb bezahlt in der Wirklichkeit der kleinbürgerlichen Warenproduktion als Nische der kapitalistischen Warenproduktion ja auch der individuelle Wirt seine Haarfrisur auch in einer Frisörkooperative mit Geld, mit denen dann die FrisörInnen alles eintauschen können, was sie brauchen. Die „Abschaffung“ des Geldes auf der Basis von Kleineigentum und Gütertausch ist also reinste Phantasterei!
Die Februarrevolution konnte aus objektiven und subjektiven Gründen eindeutig nicht zur Aufhebung der Warenproduktion führen. Doch Warenproduktion heißt Klassen- und Konkurrenzkämpfe. Damit eine solche Gesellschaft nicht in einen permanenten offenen BürgerInnenkrieg hinab gleitet, braucht sie einen scheinbar neutralen Schiedsrichter mit Regeln für die Konkurrenz- und Klassenkämpfe und ein Apparat, der diese Regeln auch durchsetzt. Dieser scheinbar neutrale Schiedsrichter – der in Wirklichkeit nur das Machtorgan der erfolgreichen kapitalistischen WarenproduzentInnen sein kann – ist der bürgerliche Staat. Warenproduktion heißt also immer auch bürgerliche Politik als soziale Organisation. Die Februarrevolution konnte also aus objektiven Gründen nicht zur Zerschlagung des Staates durch das Proletariat führen. Doch da eine siegreiche soziale Revolution ohne die Aufhebung der Politik unmöglich ist, konnte das damalige russische Proletariat objektiv im Februar 1917 nicht siegen, es musste notwendigerweise von der politischen Konterrevolution besiegt werden. Aber die Konterrevolution musste auch die politische Form wechseln, denn mit dem Zar ließ sich keine Politik mehr gegen das subjektiv revolutionäre Proletariat machen.
Doch die liberale Bourgeoisie brauchte eine Weile um zu begreifen, dass es mit der Monarchie in Russland vorbei war. Das ist verständlich, fürchtete sie sich doch so ganz ohne gekröntes Haupt vom Proletariat. Die großbürgerlichen PolitikerInnen waren durch die Februarrevolution in eine ganz schwierige Lage geraten. Weder die zaristische Reaktion noch das subjektiv revolutionäre Proletariat kümmerte sich groß um die Bedürfnisse der Bourgeoisie und ihr politisches Personal. Doch zum Glück für das russische Privatkapital und seine großbürgerlichen BerufspolitikerInnen, kümmerten sich die menschewistischen und „sozialrevolutionären“ BerufspolitikerInnen rührend um die sozialen und politischen Bedürfnisse der ersteren. Die Menschewiki konnten als scheinbare politische InteressenvertreterInnen der ArbeiterInnenklasse am Anfang auch noch auf die proletarischen Illusionen in sie stützen, während die „SozialrevolutionärInnen“ als scheinbare PolitikerInnen der Agrarreform die Illusionen der BäuerInnen und der überwiegend bäuerlichen Soldaten ausbeuten konnten. In ihrem eigenem Interesse und im Interesse der Bourgeoisie und ihres großbürgerlichen politischen Personals.
Die menschewistischen und „sozialrevolutionären“ PolitikerInnen gingen dann auch am 27. Februar 1917 objektiv zur offensiven Konterrevolution über. Dabei konnten sie den Glanz der ArbeiterInnenräte (Sowjets) der Revolution von 1905 nutzen. Wie wir bereits oben genauer beschrieben haben, war die Organisationsform des Petrograder Proletariats während der Februarrevolution die unmittelbare soziale Organisation, in der die Tat und die Organisation der Tat unvermittelt zusammen fielen. Die Februarrevolution bewies die soziale Sprengkraft der unmittelbaren proletarischen Selbstorganisation und ihrer militanten Form, der Diktatur des Proletariats. Doch die Februarrevolution stürzte „nur“ den Zaren, den Kapitalismus vermag die unmittelbare proletarische Selbstorganisation nicht aufzuheben. Dazu braucht das Proletariat ein Höchstmaß an Organisation und Bewusstsein. Der proletarische Klassenkampf beginnt sehr oft in der Form der unmittelbaren sozialen Selbstorganisation, aber ein länger andauernde Klassenkampf und erst recht der klassenüberwindende Kampf braucht offizielle Organe der proletarischen Selbstorganisation und Diktatur. Im Jahre 1905 waren das die ArbeiterInnenräte (Sowjets).
Während das subjektiv revolutionäre Proletariat in den Straßen Petrograds noch seinen Sieg über den Zarismus festigte, wurde am 27. Februar vorwiegend von kleinbürgerlichen Intellektuellen und von menschewistischen und „sozialrevolutionären“ PolitikerInnen im Taurischen Palais von Petrograd das Exekutivkomitee des Sowjets geschaffen – eine reine politische Kopfgeburt im Unterschied zu den Sowjets von 1905, die wirkliche Klassenkampforgane des Proletariats waren, wenn sie auch unter dem Einfluss des parteimarxistischen kleinbürgerlichen Radikalismus standen. Nach dieser Kopfgeburt wurden dann auch noch lokale Sowjets gebildet, welche stärker unter dem Einfluss des klassenkämpferischen Proletariats standen.
Allerdings war das gesamte Sowjetsystem von 1917 stark von kleinbürgerlich-demokratischen und kleinbürgerlich-radikalen BerufspolitikerInnen deformiert. Mit dieser Feststellung wollen wir ganz klar dem Rätefetischismus, welcher bei den damaligen SozialrevolutionärInnen teilweise doch recht stark auftrat und vom späteren radikalmarxistischen Rätekommunismus ideologisiert wurde, entgegentreten. Die damaligen russischen Sowjets von 1917 kamen den kleinbürgerlichen Vorstellungen von „ArbeiterInnendemokratie“ wesentlich näher als unseren Vorstellungen von Klassenkampforganen der proletarisch-revolutionären Selbstorganisation. Demokratie ist für uns kein schönes Ideal, sondern die real existierende Diktatur des Kapitals. „ArbeiterInnendemokratie“ ist schon ein begrifflicher Widerspruch. „ArbeiterInnenvolksherrschaft“! Bei der Volksherrschaft ohne Vorsilbe ist das Volk eine klassenmäßig unbestimmte Menschenmasse, die Demokratie also eine ideologische Volksherrschaft, hinter der sich die reale soziale Klassenherrschaft der Bourgeoise und ihres politischen Personals verbirgt. Bei dem begrifflichen Ungetüm „ArbeiterInnendemokratie“ wird also das klassenmäßig nicht weiter bestimmte Volk mit dem Begriff der ArbeiterInnenklasse verschmolzen und zum Subjekt einer Herrschaft bestimmt. Doch das Proletariat kann durch eine soziale Revolution keine neue Herrschaft begründen, sondern durch seine revolutionäre Diktatur „nur“ den bürgerlichen Staat zerschlagen um dann einer Assoziation freier ProduzentInnen Platz zu machen. Nach einer siegreichen Weltrevolution als einer permanenten Kette von Zerschlagungen kapitalistischer Nationalstaaten gibt es weder eine ArbeiterInnenklasse noch deren Herrschaft. Die soziale Weltrevolution verwirklicht also nicht kleinbürgerliche Demokratievorstellungen, sondern schaufelt ihnen endgültig die ewige Ruhestätte.
Denn die „ArbeiterInnendemokratie“ kann in der Wirklichkeit nur eine kleinbürgerliche Demokratie sein, in welcher die proletarische Basis das Stimmvieh von kleinbürgerlichen BerufspolitikerInnen ist. Nichts anderes stellten auch im Wesentlichen die russischen Sowjets von 1917 dar. In ihnen tummelten sich sozialdemokratische – sowohl Menschewiki als auch Bolschewiki – und „sozialrevolutionäre“ ParteipolitikerInnen als von ArbeiterInnen und bäuerlichen SoldatInnen gewählte Abgeordnete. Die Sowjets waren also die Verkörperung eines kleinbürgerlichen Parlamentarismus. Nun ja, die Sowjetdemokratie stand allerdings unter einem gewaltigen Druck, nämlich unter dem eines sehr klassenkämpferischen und subjektiv sozialrevolutionären Proletariats. So dass die Sowjets einen widersprüchlichen Mischmasch aus kleinbürgerlicher Demokratie und Keimformen der proletarischen Selbstorganisationen darstellten. Die kleinbürgerlich-demokratischen Tendenzen der Sowjets verkörperten die geistigen Schwächen des subjektiv revolutionären russischen Proletariats, während deren Stärken in der Sowjetdemokratie nur einen politisch und ideologisch entfremdeten Ausdruck annehmen konnten.
Noch mal in aller Deutlichkeit: Die Sowjets von 1917 waren praktisch keine sozialrevolutionären Organe des proletarischen Klassenkampfes. Heute treten SozialrevolutionärInnen dafür ein, dass in den klassenkämpferischen Organen der proletarischen Selbstorganisation BerufspolitikerInnen nichts zu suchen haben. Denn die soziale Revolution kann nur die Zerschlagung des bürgerlichen Staates bedeuten, während alle BerufspolitikerInnen nur den Staat reproduzieren können. Die Sowjetdemokratie von 1917 war nichts anderes als die Herrschaft kleinbürgerlicher DemokratInnen über das klassenkämpferische Proletariat. Aber diese Herrschaft der BerufspolitikerInnen in den Sowjets war nur möglich, weil das Proletariat in seiner Mehrheit damals noch nicht bewusst antipolitisch war. Heute sind sozialrevolutionäre Intellektuelle und ProletarierInnen entweder bewusst antipolitisch oder sie sind eindeutig objektiv nicht sozialrevolutionär. Das hat uns unter anderem die russische Revolution gelehrt.
Die kleinbürgerlichen DemokratInnen – Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ – hatten nach dem Sieg des proletarischen Klassenkampfes und der Soldatenrebellion nur eine Sorge, nämlich ganz schnell die politische Herrschaft der liberalen Bourgeoisie auszuhändigen. Diese liberale Bourgeoisie stand der Februarrevolution von Anfang an feindlich gegenüber. Die liberale Kadettenpartei war eine bewusste Klassenfeindin des subjektiv revolutionären Proletariats und strebte vor der Februarrevolution eine konstitutionelle Monarchie, also einen Zaren der unter parlamentarischer Kontrolle stand, an. Von den Sowjets und ihren FührerInnen erwartete die liberale Bourgeoisie und ihr politisches Personal alles mögliche Unheil –aber ganz bestimmt nicht die realsatirische Wirklichkeit, nämlich, dass sie von der kleinbürgerlich-demokratischen Sowjetführung aufgefordert wurden, die politische Macht zu übernehmen. Denn nach der marxistischen Ideologie der Menschewiki war ja die Russische Revolution eine bürgerliche, in welcher „logischerweise“ die liberale Bourgeoisie die politische Macht übernehmen musste. In Wirklichkeit konnte diese politische Machtergreifung der russischen liberalen Bourgeoisie nur die soziale Konterrevolution verkörpern, unabhängig davon, dass im damaligen Russland eine siegreiche soziale Revolution unmöglich war.
Die liberale Bourgeoisie und ihr politisches Personal erholten sich rasch von der Überraschung, als sie von der kleinbürgerlich-demokratischen Sowjetführung zur Machtübernahme aufgefordert wurden. Doch die Kadettenpartei unter Führung von Miljukow versuchte, wenn schon der alte Zar nicht mehr zu halten war, dann wenigstens den Zarismus mit einem neuen Zaren zu retten. Ein sehr schönes Schauspiel bürgerlicher Realpolitik! Während die russischen KleinbürgerInnen der liberalen Bourgeoisie in den Arsch krochen, hatte diese für die sozialdemokratischen und „sozialrevolutionären“ Arschkriecher nichts als Verachtung übrig und kroch lieber vor der feudalen Aristokratie in den Staub, die ihrerseits nur Geringschätzung gegenüber den liberalen Bourgeois zeigte. Doch mit der Reproduktion des Zarismus durch einen neuen Zaren ließ sich keine erfolgreiche konterrevolutionäre Politik mehr gegen das Proletariat machen. So legte die Kadettenpartei ihren Monarchismus erst mal auf Eis und es konnte dann während des Märzes 1917 aus dem Provisorischen Dumakomitee eine Provisorische Regierung, als Machtorgan der liberalen Bourgeoisie und der GroßgrundbesitzerInnen gebildet werden, die garniert wurde durch den „Sozialrevolutionär“ Kerenski als Justizminister. Doch die anderen menschewistischen und „sozialrevolutionären“ BerufspolitikerInnen zogen es vor, die Sowjets zu beherrschen und durch diese sowohl die Provisorische Regierung zu unterstützen als auch einen sanften Druck auf sie auszuüben.
Das Ergebnis der Februarrevolution war also eine Doppelherrschaft mit der Provisorischen Regierung auf der einen Seite und den politisch deformierten Organen der proletarischen Selbstorganisation auf der anderen. Die provisorische Regierung war eindeutig sozialreaktionär – sie führte den imperialistischen Krieg weiter und verschleppte eine Bodenreform –, während die Sowjets in den Händen kleinbürgerlicher BerufspolitikerInnen waren, aber auch unter Druck ihrer proletarischen und soldatischen (also bäuerlichen) Basis standen und so auch teilweise zu Organen des proletarischen Klassenkampfes wurden. In den Fabriken schufen sich die ArbeiterInnen ihre eigenen Organe in Form der Fabrikkomitees. Diese gerieten am schärfsten mit Bourgeoisie und Menschewiki/„SozialrevolutionärInnen“ in Konflikt, drückten sie doch am unmittelbarsten die Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse aus. Die Fabrikkomitees schufen auch die Roten Garden, eine bewaffnete ArbeiterInnenmiliz, welche ein militanter Ausdruck der proletarischen Selbstorganisation, also ein Organ einer keimhaften Diktatur des Proletariats, war.
Doch auch die Fabrikkomitees und Roten Garden standen leider unter dem Einfluss kleinbürgerlich-demokratischer (Menschewiki und rechte „SozialrevolutionärInnen) und später kleinbürgerlich-radikaler PolitikerInnen (Bolschewiki und „linke SozialrevolutionärInnen“). Weil diese Organe der keimhaften Diktatur des Proletariats nicht bewusst antipolitisch waren, konnten sie schließlich von bolschewistischen BerufspolitikerInnen bei der Schaffung einer staatskapitalistischen Parteidiktatur liquidiert werden. Wenn auch die revolutionäre Selbstaufhebung des Proletariats, also der Übergang von der proletarischen in die klassenlose Selbstorganisation, wegen der sozialen Schwäche der russischen ArbeiterInnenklasse objektiv unmöglich war, hätte das russische Proletariat bei noch größerer sozialrevolutionärer Klarheit noch heroischer gegen die kapitalistische Konterrevolution verlieren können. Und der mögliche Sieg des revolutionären Weltproletariats wird auch dort durch heroische Niederlagen vorbereitet, wo ein Sieg objektiv noch unmöglich ist. Das ist die Dialektik der objektiven und subjektiven Bedingungen des weltrevolutionären Prozesses, der eindeutig über den Verstand der marxistischen und anarchistischen Kleingeister geht.
Doch das globale Proletariat hatte bis 1917 noch keine Erfahrung mit einer offen konterrevolutionär auftretenden internationalen Sozialdemokratie – einschließlich großer Teile seines linken Flügels – sammeln können. Die zahlreichen praktischen Erfahrungen, die das globale Proletariat seitdem inzwischen mit sozialdemokratischen und „kommunistischen“ BerufspolitikerInnen machen konnte, hat der nachmarxistische und nachanarchistische Kommunismus theoretisch zu einem klaren antipolitischen Bewusstsein verallgemeinert und verdichtet. Wenn dieses antipolitische Bewusstsein in einer sozialen Weltrevolution zur materiellen Gewalt wird, dann wehe den PolitikerInnen des Kapitals!


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