Neue Broschüre: Klassenkämpfe in der BRD 1. Teil: 1945-1989

Unsere neue Broschüre: „Klassenkämpfe in der BRD 1. Teil: 1945-1989″ (ca. 120 Seiten) von Soziale Befreiung (Hg.) ist da. Die Broschüre könnt Ihr hier für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Inhalt

Einleitung

I. Klassenkämpfe vor der bundesdeutschen Staatsgründung

1. Die deutsche Bourgeoisie und die westlichen Besatzungsmächte
2. Die überwiegend prokapitalistische Ausrichtung der institutionalisierten
ArbeiterInnenbewegung
3. Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats
4. Klassenkämpfe

II. Klassenkämpfe während der beschleunigten Kapitalvermehrung
1. Beschleunigte Kapitalvermehrung und Kalter Krieg
2. Auf den Knochen und Nerven des Proletariats
3. Die Integration des DGB in das bundesdeutsche Nationalkapital
4. Wilde Streiks vor „1968“
5. Die wilden Septemberstreiks von 1969
6. Die wilde Streikwelle von 1973
7. Die Lehrlingsbewegung
8. Gewerkschaftlich kontrollierter ökonomischer Klassenkampf
9. „Politische“ Streiks (1958-1972)

III. Klassenkämpfe in der strukturellen Profitproduktionskrise
1. Die strukturelle Profitproduktionskrise
2. Klassenkämpfe gegen Stellenstreichungen und Betriebsschließungen,
Betriebsbesetzungen
3. Tarifstreiks
4. „Politische“ Streiks (1983-1986)

Die wilde Streikwelle von 1973

Im Jahre 1970 hatten die wilden Streiks einige lokale Schwerpunkte, wie zum Beispiel in Frankfurt/Main, wo in wenigen Tagen in einer Reihe von Metallbetrieben die Belegschaften die Arbeit niederlegten. Der selbstorganisierte Klassenkampf ohne und gegen die Gewerkschaftsbürokratie erreichte aber bei weitem nicht die Intensität der wilden Streikwelle vom September 1969. Außerhalb von Frankfurt/Main wurde unter anderem bei Hoesch in Dortmund, bei der Uerdinger Wagonfabrik, beim Schalker Verein und bei Hanomag in Hannover wild gestreikt. Auch das migrantische Proletariat blieb klassenkämpferisch. Zum Beispiel traten im Februar 1970 2.000 ArbeitsmigrantInnen aus Spanien in dem Unternehmen Karmann in Osnabrück in den Ausstand. Sie forderten die gleiche Bezahlung wie die „deutschen“ KollegInnen. Bei einer Reihe von selbstorganisierten Klassenkämpfen im März 1970 in Mannheim ging es um Arbeitsbedingungen wie Toilettengänge, Pausen, das Arbeitstempo und die Akkordlöhne. So legten in diesem Monat die AkkordarbeiterInnen der Landmaschinenfirma Deere-Lanz die Arbeit nieder. Inzwischen bestand die Belegschaft überwiegend aus migrantischen ProletarierInnen. Wie beim wilden Streik von 1960 in dieser Firma (siehe Kapitel II.4) ging es um den Akkordlohn. Die ArbeitsmigrantInnen erkämpften sich in Form der wilden Arbeitsniederlegung Lohnzuschläge. Das inspirierte ihre Klassengeschwister im Zweigwerk in Homburg/Saar eine Gleichbehandlung mit den Lohnabhängigen des Mannheimer Betriebes zu erstreiken. Gleichzeitig entwickelten sich in Mannheim bis in den Sommer 1970 hinein mehrere migrantisch geprägte kurze wilde Arbeitsniederlegungen.
Am 14. und 15. Mai 1970 streikten bei der Firma Pierburg in Neuss migrantische Arbeiterinnen wild und forderten die Angleichung ihrer Löhne, nachdem die überwiegend „deutschen“ männlichen FacharbeiterInnen eine Lohnerhöhung von 20 bis 30 Pfennig pro Stunde durchgesetzt hatten. Die Arbeitsniederlegung entwickelte sich rasch zu einem prinzipiellen Klassenkampf gegen die Leichtlohngruppen, die spezifische kapitalistisch-sexistische Ausbeutungsform von weiblichen Arbeitskräften. Die 1.600 proletarischen Frauen, von denen 1.400 ArbeitsmigrantInnen waren, forderten wie ihre Klassenschwestern bei Hella 1969 (siehe Kapitel II.5) die Abschaffung der untersten Lohngruppe. Die aktivste Gruppe und den Kern des Streikkomitees bildeten junge Frauen aus Jugoslawien. Diese protestierten gleichzeitig gegen ihre Kasernierung in einem Wohnheim auf dem Werksgelände. Der selbstorganisierte Streik endete mit der Abschaffung der untersten Lohngruppe. Die Frauen nutzten gut ihre strategisch günstige Situation aus. Pierburg kontrollierte rund zwei Drittel des bundesdeutschen Marktes für Autovergaser. Ein längerer Streik hätte schnell die Automobilproduktion in der BRD lahmlegen können. Deshalb war das Unternehmen auch so rasch zu Zugeständnissen bereit.
Außerdem legten in der ersten Hälfte des Jahres 1970 auch die Lehrlinge ihre Arbeit wild nieder. Diese klassenkämpferische Selbstorganisation der Auszubildenden in wilden Streiks war die wichtigste Ausdrucksform der Lehrlingsbewegung am Ende des kapitalistischen Nachkriegsaufschwunges (siehe zur Lehrlingsbewegung das Kapitel II.7). So traten in einer Kfz-Werkstatt in Gelsenkirchen die Lehrlinge – die sieben von fünfzehn Beschäftigten darstellten – in den Ausstand. Die örtliche IG Metall versuchte diesen Klassenkampf in ihre Gewerkschaftspolitik zu integrieren, der zuständige Funktionär trat in Verhandlungen und erreichte nach eigenen Angaben eine Verbesserung der Ausbildungsbedingungen: „Einhaltung des 8-Stunden-Tages, kein Kloputzen und Wagenwaschen mehr, Bereitstellung von Werkzeug, volle Auszahlung der vorgeschriebenen Ausbildungsvergütung.“ (AdsD/IGMA, T 796 a, Berichtsbogen Fa. Neuhaus/Gelsenkirchen.) Auch in Großbetrieben legten die Lehrlinge sowohl selbstbewusst die Arbeit für ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse nieder und nahmen als auch an den wilden Streiks von Gesamtbelegschaften teil.
1971 gingen die wilden Streiks im Vergleich mit dem September 1969 relativ stark zurück. Das lag unter anderem an einem leichten konjunkturellen Abschwung und eine etwas schlechtere Situation auf den Arbeitsmärkten. Beides reduzierte die Konzessionsbereitschaft der Bourgeoisie bei wilden Arbeitsniederlegungen. Der gewerkschaftliche Tarifschacher begann wieder zwischenzeitlich den proletarischen Klassenkampf zu beherrschen. 1972 traten mit sozialdemokratischen Illusionen behaftete ArbeiterInnen in den politischen Streik gegen die von den Unionsparteien angestrebte Amtsenthebung von Willy Brandt, was wir uns jedoch erst im Kapitel II.9 genauer ansehen wollen.
Die wilden Streiks von 1973 waren der Höhepunkt des proletarischen 1968 in der BRD. Die linksgewerkschaftliche Zeitung Express zählte zwischen Februar und November dieses Jahres 335 selbstorganisierte Arbeitsniederlegungen mit rund 370.000 Teilnehmenden. Auf dem Höhepunkt der wilden Streikwelle von 1973, im August, befanden sich über hundert Betriebe in einer Arbeitsniederlegung, weitaus mehr als im September 1969. Allerdings war die Zahl der Streikenden im August 1973 geringer als im September 1969. Das hing damit zusammen, dass 1973 mehr Belegschaften auch kleiner und mittlerer Betriebe in den selbstorganisierten Klassenkampf traten.
Zur Vorgeschichte der wilden Streikwelle von 1973 gehört der Tarifschacher der IG-Metall-Bonzen vom Winter 1972/73. Dieser bürgerlich-bürokratische Gewerkschaftsapparat organisierte zusammen mit der Bourgeoisie einen Reallohnverlust für die rund 4,5 Millionen Lohnabhängigen der Stahlindustrie und Metallverarbeitung. Die Bonzen verkauften „ihre“ proletarische Basis unter Wert, als sie mit der Bourgeoisie bei einer Laufzeit von einem Jahr eine Lohnerhöhung von ungefähr 8,5 Prozent aushandelten. Das erscheint heute relativ viel, aber damals war auch die Inflation viel höher. Sie lag zum Beispiel im Januar 1973 bei fast sieben Prozent. Die ProletarierInnen mussten also befürchten, dass die Inflation die tariflichen Lohnerhöhungen auffressen würden. Doch nach der tollen Gewerkschaftsdemokratie – die eine Diktatur des bürgerlich-bürokratischen Apparates über die proletarische Basis darstellt – galt ein Zustimmungswert in der Urabstimmung der Mitglieder von 26 Prozent als ausreichend. Wieder mal wurden die MetallarbeiterInnen von Bourgeoisie und Gewerkschaftsbürokratie über den Tisch gezogen. Doch das wollten und konnten sie nicht einfach so hinnehmen. Also wurde das klassenkämpferische Proletariat nicht nur in der Metallindustrie in Form von wilden Streiks selbst aktiv.
Wie wir schon weiter oben analysierten, ging die IG Metall mit dem selbstorganisierten Klassenkampf ihrer proletarischen Basis unabhängig vom Apparat sowohl mit der Peitsche als auch mit vergifteten Zuckerbroten vor. Wir haben auch geschrieben, dass die prozentualen Lohnerhöhungen ihres Tarifschachers mit der Metallbourgeoisie die Lohnunterschiede zementierten und sogar noch erhöhten. Dagegen forderte das selbstorganisierte Proletariat in wilden Streiks lineare Lohnerhöhungen, die die Unterschiede tendenziell einebneten. Die IG-Metall-Bonzen übernahmen in der Tarifrunde von 1972 für die Stahlindustrie die Festgeldforderung. Das konnte sie, weil auch diese Forderung im reproduktiven Rahmen blieb. Das war das Zucker auf dem kargen Brot, das versteckte Gift sollte die Eigenaktivität des Proletariats abtöten. Doch da das Zucker so spärlich war, konnte auch das Gift nicht wirken. So brachte der Abschluss des Tarifvertrages in der Stahlindustrie nur eine Lohnerhöhung von 46 Pfennig pro Stunde. In den Tarifhandel gingen die IG-Metall-FunktionärInnen ursprünglich mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung von 60 Pfennig rein. Gleich nach Verkündung des Ergebnisses des Tarifschachers entfalteten sich in einigen Unternehmen kurze Proteststreiks.
So versuchte zwischen Donnerstag, dem 8. Februar, und Samstag, dem 10. Februar 1973, die Belegschaft der Hoesch AG, die ursprüngliche Forderung der IG Metall wild zu erstreiken. Der Arbeitsdirektor hatte vor dieser Arbeitsniederlegung noch kapitalistisches Öl in das Feuer der proletarischen Wut gegossen, indem er vorschlug, die tarifliche Lohnerhöhung „leistungsgerecht“ zu verteilen. Mit dieser Forderung wollte er die FacharbeiterInnen einseifen. Doch das ging nach hinten los. Der wilde Streik bei Hoesch nahm wie im September 1969 (siehe Kapitel II.5) wieder die Form der „Dauerversammlung“ an, entfaltete aber eine geringere Dynamik als damals. Die öffentliche Aufmerksamkeit war diesmal geringer. Auch solidarisierten sich keine anderen Belegschaften mit der Arbeitsniederlegung bei Hoesch. Also holten die IG-Metall-Bonzen diesmal die Peitsche heraus und distanzierten sich öffentlich von diesem selbstorganisierten Ausstand. Am Morgen des 10. Februar bröckelte die Streikfront. Während die Lohnabhängigen der Werke „Phönix“ und „Union“ die Arbeit wiederaufnahmen, streikten ihre KollegInnen in der Westfalenhütte weiter. Nachdem das Management eine zusätzliche Lohnerhöhung von nur 5 Pfennig anbot, gelang ihm auf diese Weise den Streik völlig zu brechen. Der Streik bei Hoesch machte deutlich, dass 1973 im Gegensatz zum September 1969 dem klassenkämpferischen Proletariat nun ein härterer Wind entgegenblies.
Die Forderung nach höheren Löhnen war nur eine von vielen in der wilden Streikwelle von 1973. So entwickelte sich im März 1973 eine offene Klassenauseinandersetzung, weil die 380 ProletarierInnen des Profilwalzwerkes im Stahlwerk von Mannesmann in Huckingen sich gegen den Akkord wandten und einen garantierten Mindestlohn unabhängig von der Qualität des Materials und der Auftragslage forderten. Die Streikenden besetzten während der 10tägigen Arbeitsniederlegung das Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Das Management versuchte am frühen Morgen des 5. März den Streik zu brechen und mit Hilfe von Meistern und Streikbrechern die Produktion anzufahren. Doch das wurde vom klassenkämpferischen Proletariat verhindert, indem es den Rollgang der Walzstraße blockierte. Das Management verhängte daraufhin über 42 Streikende ein Hausverbot, was vom Arbeitsgericht Duisburg bestätigt wurde. Das war die Klassenjustiz der Bourgeoisie! Außerdem drohte das Management mit dem Einsatz der Bullen. Da es sich um einen Klassenkampf im reproduktiven Rahmen des Kapitalismus handelte, einigte man sich am Ende – auf eine Lohnerhöhung zwischen 25 und 70 Pfennig pro Stunde, allerdings beim Weiterbestehen des Akkordlohnes, den die streikende Belegschaft mit der Forderung nach einem Mindestlohn aushebeln wollte.
Auch unter dem Druck der wilden Streiks stehend, mussten nun die Gewerkschaftsbürokratien, die ihren Tarifschacher mit der Bourgeoisie noch nicht abgeschlossen hatten, im Jahre 1973 etwas höher pokern, um die Kontrolle über die Basis nicht völlig zu verlieren. So waren deren Abschlüsse höher als die von IG Metall und ÖTV (Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) im Winter 72/73. So schlossen die FunktionärInnen der HBV (Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen) am 20. März 1973 einen Tarifvertrag mit den VertreterInnen des Bankkapitals ab, der durchschnittliche Lohnerhöhungen von elf Prozent vorsah und in den unteren Lohngruppen 17 Prozent. Nach Tarifstreiks in der Druckindustrie im April 1973 erreichten die dort Beschäftigten am 11. April 1973 Lohnerhöhungen von 11,2 bis 11,5 Prozent, die unteren Lohngruppen bis zu 17 Prozent. Die Bonzen von der GTP handelten ebenfalls am 11. April mit der Textilbourgeoisie einen Tarifvertrag aus, der eine lineare Lohnerhöhung von 60 Pfennig pro Stunde – das entsprach genau der ursprünglichen Forderung der IG Metall, die aber die BürokratInnen dieser Gewerkschaft am Verhandlungstisch aufgaben – beinhaltete. Diese tariflichen Lohnerhöhungen außerhalb der Metallindustrie spornten die in dieser Beschäftigten zu wilden Arbeitsniederlegungen an, um sich außertarifliche Zahlungen zu erkämpfen. So legten am 12. April 1973 im Zusammenhang mit dem Haustarifvertrag die Lohnabhängigen in den VW-Werken in Kassel, Salzgitter und Emden die Arbeit nieder, ohne vom zentralen IG-Metall-Apparat dazu aufgerufen worden zu sein. Das VW-Management gab nach zwei Tagen wilden Streik nach und führte eine gestrichene „Erfolgsprämie“ und außerdem ein volles dreizehntes Monatsgehalt ein.
Im Mai 1973 verdichteten sich die Arbeitsniederlegungen wieder. So wie im Frühjahr 1970 wurde der Raum Mannheim zu einem Hauptort des selbstorganisierten Klassenkampfes, wo sich 29 der 46 wilden Streiks im Mai 1973 entfalteten. Fast die gesamte Großindustrie war von diesen Arbeitsniederlegungen betroffen, so beispielsweise Daimler Benz, das Mannheimer Stahlwerk und ein einzelnes Chemiewerk. Die klassenkämpferischen ProletarierInnen Mannheims forderten lineare Lohnerhöhungen zwischen 70 Pfennig und 1 DM. Die meisten streikenden Belegschaften erkämpften Lohnerhöhungen von rund 20 Pfennig.
Bei den selbstorganisierten Klassenkämpfen im Mai 1973 in Mannheim entfaltete sich auch erneut ein wilder Streik bei Deere-Lanz. Die KollegInnen forderten eine Bandpause von fünf bis sechs Minuten pro Stunde und eine Erhöhung des Stundenlohnes von 1 DM. Diese Arbeitsniederlegung war stark migrantisch geprägt. Gegen ihn wurde mit nackten kapitalistischem Terror vorgegangen. Die Betriebsbullen des Werkschutzes überfielen zusammen mit Angehörigen der Leitungshierarchie (leitende Angestellte, Meister und Vorarbeiter) eine Versammlung der Streikenden, an der fast ausschließlich ArbeitsmigrantInnen teilnahmen. Es kam zu Übergriffen und „privaten“ Festnahmen von „GastarbeitInnen“ durch die Handlanger der Bourgeoisie. Die mehrheitlich „deutschen“ Vertrauensleute hielten zur gleichen Zeit eine Versammlung an einem anderen Ort ab. So erleichterte die nationalistische Spaltung des Proletariats der kapitalistischen Sozialreaktion das Handwerk. Anstatt dieser Reaktion eine gemeinsame klassenkämpferische Antwort zu geben, forderten die mehrheitlich „deutschen“ Vertrauensleute am 29. Mai 1973 dazu auf, den Ausstand zu beenden. Durch diese Kapitulation gegenüber den nackten Gewaltmethoden der Bourgeoise kam auch nur eine Zulage von 20 DM im Monat als Ergebnis der Arbeitsniederlegung heraus. Mit der Beendigung des Ausstandes bei Deere Lanz ebbte auch die wilde Streikwelle in Mannheim im Mai 1973 ab.
Auch der Tarifschacher der Gewerkschaftsbürokratie mit der Bourgeoisie wurde wieder als Waffe zur Befriedung des klassenkämpferischen Proletariats eingesetzt. So vereinbarten IG Metall und die Kapitalmagnaten dieser Branche am 24. Mai 1973 eine Sonderzahlung von 280 DM. Aber die Befriedung des Proletariats gelang der Bourgeoisie und ihren gewerkschaftlichen Co-ManagerInnen nicht vollständig. Am 28. Mai sowie am 1. und 5. Juni legten die KollegInnen bei Mannesmann in Duisburg-Huckingen die Arbeit nieder, weil ihnen diese Sonderzahlung nicht hoch genug war. Auch bei Klöckner in Bremen traten die Lohnabhängigen wieder in einen wilden Ausstand. Weil aber die Mehrheit der Streikenden diese Arbeitsniederlegung mehr oder weniger als eine Kopfgeburt des linksorientierten Betriebsrates ansahen, war diese Geschichte weniger erfolgreich als 1969. Aber insgesamt ließ sich das Proletariat schon vom Tarifschacher der Gewerkschaftsbonzen mit dem Kapital einlullen, so dass die wilden Streiks in der Stahlindustrie zurückgingen. Zugleich nahm der selbstorganisierte Klassenkampf in der Metallverarbeitung zu, nachdem sich Gesamtmetall als Interessenvertreter der Bourgeoisie dieses Sektors bei einem Spitzengespräch mit der IG-Metall-Bürokratie am 30. Mai 1973 einer Teuerungszulage verweigerte. So legten im Juni und Juli 1973 in über 60 Betrieben des Schiffbaus, des Maschinenbaus und der Elektroindustrie mit Schwerpunkten in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen die Arbeit nieder, ohne vorher die zentralen IG-Metall-Bonzen um Erlaubnis gefragt zu haben.
Auch das migrantische Proletariat machte sich in der Streikwelle von 1973 klassenkämpferisch bemerkbar. So legten am 4. Mai beim Karosserie- und Presswerk Karmann in Osnabrück 1.600 KollegInnen aus Spanien und Portugal für einen längeren und zusammenhängenden Jahresurlaub die Arbeit nieder. Im Sommer des vorhergehenden Jahres hatte das Management 300 ArbeitsmigrantInnen rausgeschmissen, weil sie verspätet aus dem Urlaub zurückkamen. Das war ein Bruch mit einem Gewohnheitsrecht, welches sich in einer Zeit des Arbeitskräftemangels herausentwickelt hatte. Die vier Wochen Urlaub waren nicht ausreichend, um mit dem Bus und Zug Freunde und Verwandte im Herkunftsland zu besuchen. Deshalb verlängerten viele KollegInnen eigenmächtig und unbezahlt ihren Urlaub, wurden aber dann bei ihrer Rückkehr meistens ohne Probleme wiedereingestellt. Während am 4. Mai sich auch die meisten inländischen ProletarierInnen mit einer gemeinsamen Demonstration durch das Werk solidarisierten, produzierten diese jedoch im Gegensatz zu den ArbeitsmigrantInnen am 7. Mai wieder fleißig Profit. Das Management drohte nun den isolierten „GastarbeiterInnen“ mit Aussperrung, Lohnpfändung und dem Einsatz der Bullen. Auf diese Weise brach es vorwiegend mit der Peitsche den Streik, aber auch mit ein paar Krümeln Zucker: Der Urlaub wurde zwar nicht verlängert, aber zusammenhängend gewährt.
Auch die KollegInnen in der „Westfälischen Metallindustrie Hueck und Co.“ setzten ihre klassenkämpferische Tradition vom September 1969 fort (siehe Kapitel II.6). Vom 16. bis 19. Juli 1973 legten wieder 3.000 migrantische ProletarierInnen bei Hella in Lippstadt und Paderborn die Arbeit nieder. Der Streikanlass war, dass das Management, um die Belegschaft bewusst zu spalten, ausschließlich den fast 800 „deutschen“ Fachkräften eine Teuerungszulage von 15 Pfennig zahlte – aber den migrantischen ArbeiterInnen eben nicht. Einige junge ProletarierInnen aus Spanien, die in der Plastikspritzerei arbeiteten, traten daraufhin in den Ausstand. Nahezu alle ihrer migrantischen KollegInnen in beiden Werken schlossen sich ihnen an. Es bildete sich ein machtvoller Demonstrationszug der Streikenden. Sie forderten eine Erhöhung des Lohnes von 50 Pfennig pro Stunde für alle, auch für die inländischen KollegInnen. Letztere arbeiteten dennoch überwiegend weiter. Das Firmenmanagement rief die Bullen, welche versuchten die streikenden „GastarbeiterInnen“ von ihren inländischen KollegInnen fernzuhalten. Doch eines der Wohnheime der ArbeitsmigrantInnen lag auf dem Werksgelände, so dass die polizeiliche Trennung von streikenden „AusländerInnen“ und weiterarbeitenden „Deutschen“ gar nicht so leicht war. Immer wieder kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen den bezahlten Hooligans der bundesdeutschen Klassenjustiz und den ArbeitsmigrantInnen. Schließlich schaltete sich auch die spanische Botschaft als Vermittlungsinstanz ein. Das Ergebnis des wilden Streiks war, dass drei von vier Tagen der Arbeitsniederlegung bezahlt wurden – und außerdem eine Lohnerhöhung für alle von 40 Pfennig pro Stunde.
Die wilde Streikwelle erlebte im August 1973 ihren Höhepunkt, als das klassenkämpferische Proletariat in über 100 Betrieben in den wilden Ausstand trat – zusammen etwa 80.000 Streikende. Es handelte sich wie in den beiden Monaten davor um vorwiegend kurze Arbeitsniederlegungen. Aber jetzt war Nordrhein-Westfalen der Hauptort des selbstorganisierten Klassenkampfes. So kann mensch in den Monaten August/September von einer westdeutschen Streikwelle sprechen. Die meisten wilden Arbeitsniederlegungen entfalteten sich wieder in den Betrieben der Metallverarbeitung, aber auch die Lohnabhängigen einiger Druckereien und Stahlwerke streikten wild. Längere Streiks entwickelten sich bei Opel Bochum, Ford in Köln und beim Autozulieferer Pierburg in Neuss.
Schauen wir uns diese längeren Klassenauseinandersetzungen genauer an. Wir wollen mit dem wilden Streik bei Opel Bochum beginnen. 1973 gab es in Bochum noch zwei Werke, in denen rund 19.000 Lohnabhängige Mehrwert für die Bourgeoisie produzierten. Auch existierte eine linke Opposition im Betriebsrat. Weiter oben haben wir schon dargelegt, dass wir es für falsch halten, wenn proletarische RevolutionärInnen in den Betriebsrat gehen, weil dieser generell eine Institution der Sozialpartnerschaft und der wirtschaftsdemokratischen Befriedung des Proletariats ist. Wir halten es für richtiger, wenn bewusste SozialrevolutionärInnen unabhängig von dieser Einrichtung bleiben. Aber wir erkennen auch an, dass einige ehrliche proletarische AktivistInnen versuchen diese Betriebsräte zur Organe der konsequenten Interessenvertretung zu gestalten, was ein Widerspruch in sich darstellt. Bei Opel gab es also eine linksgewerkschaftliche Betriebsratsopposition. Sie organisierte sich unter dem Namen „Gruppe oppositioneller Gewerkschafter“ (GOG). Aus konsequent gewerkschaftsfeindlichen Positionen, die der nachmarxistische und nachanarchistische Kommunismus bezieht, ist die Aktivität der linksgewerkschaftlichen GOG selbstverständlich kritisch zu sehen. Bei den Betriebsratswahlen von 1972 erhielt diese Gruppe 2.000 Stimmen gegenüber den 8.000 Stimmen, die an die offizielle IG-Metall-Liste gingen. Die IG Metall schloss die Listenführer der GOG nach den Betriebsratswahlen aus der Gewerkschaft aus. Gegenüber drei weiteren GOG-Betriebsräten und den Rest der Kandidaten verhängten die Gewerkschaftsbonzen mehrjährige Funktionsverbote. Außerdem sorgten diese Mietlinge der Bourgeoisie dafür, dass ein sozialdemokratischer Betriebsrat entlassen wurde, der die Bestechlichkeit der Betriebsratsmehrheit durch „kleine Geschenke“ des Managements angeprangert hatte.
Am 22. August 1973 traten um 10.30 Uhr die ProletarierInnen einer Abteilung im Presswerk (Werk I) in den Ausstand. Die Arbeitsniederlegung breitete sich rasch auf die beiden Werke aus. Kurz davor hatte das Management eine Forderung der IG-Metall-Vertrauensleute – auf die die GOG so gut wie keinen Einfluss hatte – nach einem Teuerungszuschlag von 300 DM abgelehnt. Am 23. August wurde diese Forderung nach einer Diskussion im Werk II noch um die nach einer bezahlten halbstündigen Pause während der Arbeitszeit ergänzt. Auch verlangten die streikenden KollegInnen einen Tag Sonderurlaub und die Erhöhung des Weihnachtsgeldes.
Die Lohnabhängigen bei Opel spielten während ihrer Arbeitsniederlegung auf der Wiese Karten und Fußball. Eine Demonstration durch das Werk konnten die Co-ManagerInnen vom Betriebsrat erfolgreich verhindern. Als das Management mit Repression drohte, sank die Streikbereitschaft der Belegschaft. Das Opel-Management schickte allen Streikenden eine Kündigungsdrohung – das war das Knallen mit der Peitsche! – und bot zugleich eine außertarifliche Zulage von 180 DM und einen Vorschuss auf das Weihnachtsgeld von 100 DM an – das war das vergiftete Zuckerbrot. Durch diese Mischung konnte das Opel-Management erfolgreich den wilden Streik brechen. Am 27. August wurde in dem Unternehmen wieder Mehrwert produziert.
Vom 13. bis 20. August entfaltete sich der Streik der noch immer nach „Leichtlohngruppen“ bezahlten migrantischen Frauen bei Pierburg in Neuss. Die Arbeitsniederlegung begann am 13. August mit dem Verteilen von Flugblättern durch eine politisch linke griechische Gruppe. In diesen wurde in mehreren Sprachen zum Streik gegen die Niedriglöhne agitiert. Das Management rief sofort die Bullen, noch bevor es überhaupt zum Ausstand gekommen war. Auf den Zuruf der sehr diensteifrigen VorarbeiterInnen versuchten die offiziellen Hooligans des bundesdeutschen Staates einen Mann und eine Frau aus Griechenland zu verhaften, daraufhin kam es zum Handgemenge zwischen dem klassenkämpferischen Proletariat und den Bullen. Die Bullen beleidigten die ArbeiterInnen mit gezogener Pistole. Die körperlichen Auseinandersetzungen mit den offiziellen Schlägertrupps der Bourgeoisie hielt leider zunächst viele allzu brave Lohnabhängige von der Teilnahme am Streik ab. Doch als sich der rassistische Zusammenhang dieser Auseinandersetzung herumsprach, änderte sich die Situation. Am 13. August stand die Bude ab der Frühstückspause aufgrund der Arbeitsniederlegung still. Am zweiten Tag kamen die Bullen gleich mit dreizehn Wannen angefahren und nahmen einige proletarische AktivistInnen fest. Einige Streikposten wurden dabei von den Handlangern des Staatsapparates schwer verletzt. Doch dieser Bulleneinsatz wurde von einem Kamerateam eines Fernsehsenders gefilmt und am Abend gesendet. Dies veranlasste den örtlichen IG-Metall-Leiter, als am Nachmittag eines der Gewerkschaftsmitglieder „schwarz und blau angelaufen“ im Gewerkschaftshaus erschienen war, zu einem Beschwerdebrief beim Polizeipräsidenten. Solch eine Mobilisierung von moralischer Empörung hat natürlich immer nur eine sehr eingeschränkte Wirkung. Letztendlich hilft gegen die Büttel des kapitalistischen Staates nur die proletarische Gegengewalt, die Diktatur des Proletariats, die in ihrer radikalsten Form den Kapitalismus möglicherweise zerschlägt und den Weg freimacht für die staaten- und klassenlose Gesellschaft. Doch diese proletarische Diktatur kann nicht von bürgerlich-bürokratischen Partei-, Gewerkschafts- und Staatsapparaten ausgeübt werden, sondern nur vom Proletariat selbst!
Am dritten Tag der Arbeitsniederlegung wurden die uniformierten Bullen abgezogen und die Zivilbullen in den Klassenkampf gegen das streikende Proletariat geschickt. Erst am vierten Tag bequemten sich die „deutschen“ KollegInnen und traten ebenfalls in den Ausstand. Das dies erst so relativ spät geschah, zeigte die wirkungsvolle nationalistische Spaltung der Klasse, die auch heute noch traurige Triumpfe feiert. Und am Montag, dem 20. August 1973 endete dieser offene Klassenkampf. Aufgrund der Tatsache, dass die Lieferung von Autovergasern nicht mehr gewährleistet war, war das Management zu Zugeständnissen bereit: Die Niedriglohngruppe 2 wurde vom klassenkämpferischen Proletariat beiseite gefegt und vom Management endlich offiziell abgeschafft sowie alle Löhne um 65 Pfennig erhöht. Außerdem wurde der größte Teil der Zeit der Arbeitsniederlegung vom Kapital bezahlt. Der selbstorganisierte Klassenkampf der proletarischen Frauen bei Pierburg erreichte so etwas, was die Gewerkschaftsbonzen bei ihrem Tarifschacher mit der Bourgeoisie erst später für den ganzen Sektor durchsetzte. Ja, während des proletarischen 1968 jagte auch die ArbeiterInnenklasse in der BRD die bürgerlich-bürokratischen Gewerkschaftsapparate relativ erfolgreich vor sich her. Mehr ist im reproduktiven Klassenkampf nicht möglich. Nur bei der möglichen revolutionären Selbstaufhebung des Proletariats können und müssen auch diese reaktionären Apparate gemeinsam mit Kapital, Staat und Patriarchat zerschlagen werden.
In einer harten Klassenauseinandersetzung stand das migrantische Proletariat im August 1973 auch bei Ford in Köln-Niehl. Bei Ford hat sich die IG Metall so weit durchgesetzt, so dass neuen KollegInnen das Eintrittsformular der Gewerkschaft mittlerweile mit dem Arbeitsvertrag vorgelegt wurde. Doch die Gewerkschaftsbonzen ignorierten weitgehend die ArbeitsmigrantInnen. In den 1960er Jahren wurden verstärkt Lohnabhängige aus der Türkei eingestellt, so dass deren Zahl 1965 6.000 und 1973 12.000 betrug. Das entsprach etwa einem Drittel der Gesamtbelegschaft. Natürlich wurden auch die „GastarbeiterInnen“ bei Ford in Köln-Niehl für mies bezahlte und krankmachende Tätigkeiten eingesetzt. Als am 24. August 1973 mehrere tausend migrantische ProletarierInnen in den Streik traten, taten sie das auch, um ihren Protest gegen die in der Tat sehr „deutsche“ IG Metall auszudrücken, von der sie sich nicht vertreten fühlten.
Eine Betriebsgruppe bei Ford beschrieb den Beginn des offenen Klassenkampfes so: „Auslösender Moment des Streiks waren türkische Kollegen in der Y-Halle. (…) Ein Türke, der seit Jahren an diesem Bandabschnitt und von seinen Kollegen recht isoliert und als Kommunist verschrien war, sollte zu Beginn der Spätschicht eine zusätzliche Operation übernehmen. Er reagierte, wie schon viele Kollegen in dieser Woche reagiert hatten. Er motzte und schrie rum: ,Kollegen, wie lange wollen wir uns das noch gefallen lassen? Wann tun wir endlich was gegen diese Schweinerei?´ Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die ganze Y-Halle (…) streikte. Die Kollegen zogen durch die Y-Halle und formierten einen Streikzug, der (dann) durch das ganze Werk (demonstrierte) und die Spätschicht zum Streik mobilisierte.“ (Arbeiterkampf, Streik bei Ford, S. 55.)
Diese wilde Arbeitsniederlegung richtete sich unter anderem gegen die gnadenlose Ausbeutung am Band. So musste die Bandarbeit in der Y-Halle über Kopf aus einer Grube verrichtet werden, obwohl eine technische Arbeitserleichterung möglich war, die auch in anderen Werken bei Ford realisiert wurde. Dies ist mal wieder ein Beispiel dafür, dass produktive Tätigkeit als Lohnarbeit quälender ist, als es rein technisch gesehen sein müsste, weil der kapitalistische Produktionsprozess immer auch ein Ausbeutungsprozess ist. Zusätzlich zur belastenden Bandarbeit kamen Lärm und Staub. Außerdem schmiss das Management am 30. Juli 1973 hunderte „GastarbeiterInnen“ aus dem Betrieb raus. Von rund 300 ArbeitsmigrantInnen, die vorwiegend aus der Türkei stammten und zu spät aus dem vierwöchigen Urlaub zurückkamen, hatte nur rund die Hälfte ein ärztliches Attest. Zunächst entließen die Ford-Bosse auch die KollegInnen mit einer Krankmeldung. Auch bei dem Autounternehmen wurde der eigenmächtig verlängerte Urlaub in den Zeiten des Booms zähneknirschend akzeptiert. Nun aber ging das Management zum Gegenangriff über. Hintergrund dieser Offensive im Klassenkampf von oben waren Prognosen, die für die zweite Jahreshälfte von 1973 eine rückgängige Nachfrage nach PKWs voraussagten. Die verbliebenen KollegInnen mussten natürlich für die Rausgeschmissenen mitarbeiten, eine gewaltige Arbeitsverdichtung und Intensivierung der Ausbeutung. So war dann auch die Rückziehung der Kündigungen eine Hauptforderung der Arbeitsniederlegung. Außerdem forderten die KollegInnen sechs Wochen bezahlten Urlaub und eine Verringerung der Bandgeschwindigkeit.
Am ersten Tag beteiligten sich auch „deutsche“ ArbeiterInnen am Streik. Es formierte sich ein Demonstrationszug durch das Werk. Ein „deutscher“ Kollege schlug eine weitere Streikforderung vor, worüber die Zeitung Arbeiterkampf berichtete: „Nachdem der Zug durch die W-Halle gekommen war, suchte sich ein deutscher Kollege ein Stück Pappe und einen Filzstift und begann die Forderung nach 60 Pfennig zu malen. Als die umherstehenden Türken das sahen, protestierten sie und sagten: ,60 Pfennig zu wenig – muss eine Mark.´ Dies ist die einzig wahre Version über das Auftauchen der 1-DM-Forderung im Streik.“ (Arbeiterkampf, Streik bei Ford, S. 55.) Die Forderung nach 60 Pfennig mehr war zuvor bei der linken Gruppe Kölner Fordarbeiter entstanden und von ihr massiv propagiert worden, doch die Dynamik des selbstorganisierten Klassenkampfes radikalisierte sie.
Am Samstag, dem 25. August 1973, nahmen die ProletarierInnen bei Ford Köln-Niehl die Arbeit vorübergehend wieder auf. Am darauffolgenden Montag wurde jedoch der Ausstand fortgesetzt. Es wurde auch ein Streikkomitee gewählt, dass sowohl aus „in“- als auch „ausländischen“ KollegInnen bestand, aber die ArbeitsmigrantInnen aus der Türkei dominierten. Zuerst wurde die Arbeitsniederlegung auch von einem Teil der „inländischen“ Lohnabhängigen getragen. Die Co-ManagerInnen vom Betriebsrat stellten sich von Anfang an gegen den selbstorganisierten Streik und versuchten ihre wohlbekannte Rolle als Vermittler zwischen Bourgeoisie und klassenkämpferischem Proletariat zu spielen, wobei das letztere diese Rolle nicht akzeptierte. Die örtlichen IG-Metall-Bonzen hetzten gegen den von ihnen unabhängigen Streik. Sie behaupteten, dass die Arbeitsniederlegung von einigen linken StudentInnen angezettelt worden sei. Damit gaben diese reaktionären BürokratInnen der Medienbourgeoisie und ihren Kopflangern – auch JournalistInnen genannt – eine Vorlage im ideologischen Klassenkampf von oben. Die Medien begannen sich auf den selbstorganisierten Klassenkampf bei Ford in Köln einzuschießen. Springers BILD hetzte rassistisch gegen den angeblichen „Türken-Terror in Köln“. Eine Kölner Boulevardzeitung bezeichnete die selbstorganisierte Arbeitsniederlegung als das „Werk von sechs Radikalen“. Die bürgerlichen Hetzblätter behaupteten, dass die StreikaktivistInnen ArbeiterInnen seien, die erst seit kurzem zur Belegschaft gehören und nun Unruhe stiften würden. Damit wurde die gnadenlose kapitalistische Ausbeutung als Ursache der Arbeitsniederlegung sowohl von den IG-Metall-FunktionärInnen als auch der bürgerlichen Medienmeute ausgeblendet. Der Streik wurde mit antikommunistischer und rassistischer Hetze überzogen.
Durch diesen ideologischen Beistand durch Medien und Gewerkschaftsbonzen fühlte sich das Ford-Management bestätigt, den Streik mit harter Hand niederzuschlagen. Es erklärte eine Art von betrieblichen Notstand, stellte den Werkverkehr ein und propagierte in den Wohnheimen, nicht in das Werk zu fahren. Am 27. August wurde die Produktion bei Ford in Köln-Niehl offiziell eingestellt. Dies wurde in Straßenbahnen und Bussen sowie im Radio bekannt gegeben. Damit ging das Management zur faktischen Aussperrung der Belegschaft über, die das streikende Proletariat mit einer Betriebsbesetzung beantwortete. Die Y-Halle wurde deren Mittelpunkt. Bei der Besetzung kam es zu einer Synthese aus Klassenkampf-Militanz und Kulturprogramm (Märchenerzähler, Lidermacher…) Die Streikenden übernachteten auch in der Y-Halle. Ein Angebot des Managements, das aus einer Sonderzahlung von 280 DM und die Rückgängigmachung der Entlassungen bei Vorhandensein eines Krankenscheines bestand, wurde vom klassenkämpferischen Proletariat nicht angenommen. Die Co-ManagerInnen vom Betriebsrat hatten die ganze Zeit versucht, die Betriebsbesetzung zu beenden. Nach deren Versagen organisierten die Ford-Bosse am 30. August 1973 eine Demonstration von „Arbeitswilligen“. Diese „Arbeitswilligen“ waren nichts anderes als angemietete Schlägertypen des Managements, welche die Streikenden körperlich angriffen. Darauf haben die staatsoffiziellen Schläger in Uniform, die Bullen, die seit einigen Tagen vor dem Werk standen, nur gewartet. Sie nahmen den kapitalistischen Terror zum Anlass für den Staatsterror. Die wichtigsten AktivistInnen und weitere Streikende wurden verhaftet, mehrere ArbeiterInnen wurden verletzt aus dem Betrieb getragen. 100 ArbeitsmigrantInnen wurden aus dem Betrieb geschmissen, weitere 600 kündigten nach diesem vereinten Terror von Kapital und Staat „freiwillig“. Nach dem das Ford-Management nicht nur mit der Peitsche geknallt, sondern damit auch sichtbar zugeschlagen hatte, wurde auch wiedermal ein wenig Zuckerbrot verteilt. Das vorherige „Angebot“ der Ford-Bosse wurde als Verhandlungsergebnis eingesetzt. Außerdem wurde die Bezahlung der Streikzeit zwar versprochen, aber nur teilweise umgesetzt.
Nach dem Triumpf des kapitalistisch-staatlichen Terrors bei Ford in Köln sank die Zahl der wilden Arbeitsniederlegungen im September 1973 um etwa ein Viertel auf 79. Auch wurden mit 27.000 Streikenden nur noch die Hälfte der Teilnehmenden vom August 73 gezählt. Die wild Streikenden forderten weiterhin im Metallsektor erfolgreich Teuerungszulagen. Regionale Schwerpunkte gab es keine mehr. Im Oktober 1973 reduzierte sich die Zahl der gewerkschaftsunabhängigen Arbeitsniederlegungen auf 28 und ein Monat später auf drei.
Am Ende der Streikwelle von 1973 legten die Kumpel des saarländischen Bergbaues und die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes unabhängig von der zentralen Gewerkschaftsbonzokratie die Arbeit nieder. 13.000 Kumpel des Saarlandes folgten dem Beispiel wild streikender Stahlarbeiter aus Neukirchen. Am 23. Oktober 1973 demonstrierten sie zusammen zum Landtag in Saarbrücken und forderten Teuerungszulagen von 300 DM sowie eine lineare Lohnerhöhung von 100 DM im Monat. Am ersten Tag heuchelten die LandespolitikerInnen an der Saar noch Verständnis, doch nachdem die Bundesregierung als Anteilseigner und Manager des verstaatlichten Saarbergbaues angekündigt hatte, das es keine Zugeständnisse geben werde, empfing man die Kumpel einen Tag später mit einigen Hundertschaften der Bullen. Die Streikfront zerfiel daraufhin ohne nennenswerte Verbesserungen der Ausbeutungssituation. Die Bonzen von der IG Bergbau hetzten mal wieder gegen das selbstorganisiert streikende Bergbauproletariat mit alten antikommunistischen Stereotypen, indem sie die ostberlinhörige D„K“P für diese Arbeitsniederlegung verantwortlich machte. Damit wurde die praktische Bedeutung dieser prostaatskapitalistischen und von Ostberlin bezahlten Partei grotesk überschätzt.
Auch die wilden Streiks im öffentlichen Dienst richteten sich gegen den bundesdeutschen Staat. So entfalteten sich im September 1973 in acht Städten der BRD mehrtägige Arbeitsniederlegungen. Auf diese klassenkämpferische Weise wurde unter anderem bei Stadtwerken und der Müllabfuhr Teuerungszulagen zwischen 100 und 600 DM erreicht. In vier bundesdeutschen Städten machten die kommunalen PolitikerInnen „vorsorgliche“ Zugeständnisse, um selbstorganisierten Klassenkampf „ihrer“ Angestellten zu verhindern.


0 Antworten auf „Neue Broschüre: Klassenkämpfe in der BRD 1. Teil: 1945-1989“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


× fünf = fünfundvierzig