Von der Februar- zur Oktoberrevolution Teil 1

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Russische Revolution

Russland im März 1917. Das Land wird offiziell von einer Provisorischen Regierung repräsentiert, was aber beim subjektiv revolutionären Proletariat – was gerade erst den Zaren gestürzt hatte – kaum Vertrauen genießt. Neben den großbürgerlichen Institutionen – Regierung und deren KommissarInnen, Parlamente (Dumas) – gibt es die Sowjets als Mischformen aus einer kleinbürgerlichen Demokratie und proletarischen Klassenkampforganen. Die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung, bestehend aus menschewistischen und „sozialrevolutionären“ BerufspolitikerInnen, hatte die liberale Bourgeoisie und ihr politisches Personal mehr oder weniger dazu genötigt, die politische Macht zu übernehmen. Die großbürgerliche Regierung besaß also selbst überhaupt kein anderes politisches Fundament, als dass die Sowjets und ihre kleinbürgerlich-demokratische Führung sie stützten und die letztere noch von den demokratischen Illusionen von großen Teilen des Proletariats getragen wurde. Die schwache russische Bourgeoisie stand vor der Februarrevolution im Schatten des Zarismus, jetzt stand sie unter starkem proletarischen, bäuerlichen und soldatischen Druck.
Die Provisorische Regierung und die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung führten an der Seite von Frankreich und England den imperialistischen Krieg weiter. Die rebellierenden Soldaten der Februarrevolution mussten sich im März wieder ihren Offizieren beugen – die größtenteils Gegner der Februarrevolution waren. Die Provisorische Regierung wollte jedoch die alten zaristischen Offiziere durch KommissarInnen kontrollieren. Außerdem entstanden in den Streitkräften auch Armeekomitees, in denen die meist bäuerlichen Soldaten vorwiegend Vertreter der „sozialrevolutionären“ „BäuerInnenpartei“ wählten. Also auch Doppelherrschaft in der Armee. Nicht wenige Offiziere trachteten danach, die Armeekomitees wieder zu liquidieren, obwohl sie am Anfang stark von kleinbürgerlichen Demokraten und großen Patrioten dominiert waren.
Die Provisorische Regierung war die konterrevolutionäre Antwort auf die Februarrevolution, was sich auch dadurch zeigte, dass sie den imperialistischen Krieg weiter führte. Doch der menschewistische Parteimarxismus verschleierte diese einfachen Tatsachen. Zu jenen menschewistischen KriegschauvinistInnen, die schon vor der Februarrevolution im imperialistischen Gemetzel auf der Seite des russischen Nationalstaates standen (Plechanow, Wera Sassulitsch, Deutsch), gesellten sich nun jene Menschewiki, die vor dem Sturz des Zarismus den Krieg ablehnten, aber nun die „Revolution“ – in Wirklichkeit den sozialreaktionären russischen Staat – gegen Deutschland verteidigen wollten (Dan, Zeretelli). Nur ein kleines Häuflein, die Menschewiki-InternationalistInnen, welche von Martow geführt wurden, lehnte die Unterstützung des imperialistischen Krieges weiterhin ab.
Die kriegschauvinistische Menschewiki-Mehrheit garnierte das Kriegsgemetzel mit pazifistischen Phrasen. Nur durch diese ideologische Bearbeitung waren die vorwiegend bäuerlichen Soldaten noch als Kanonenfutter zu gebrauchen. Doch der Außenminister der Provisorischen Regierung, der zugleich der führende Kopf des russischen Liberalismus war, Miljukow, dachte gar nicht daran die pazifistische Maskierung des imperialistischen Krieges, welche die kleinbürgerlichen DemokratInnen betrieben, mitzumachen. Er trat mit offenem Kriegschauvinismus in die Öffentlichkeit. Der russische Außenminister vertrat gegenüber der Presse ein offensiv-imperialistisches Programm: die Eroberung Konstantinopels, Nordpersiens und Armeniens, sowie die Aufteilung Österreichs und der Türkei.
Dieses offen chauvinistische Auftreten von Miljukow entzündete einen kleinen Konflikt zwischen der kleinbürgerlich-demokratischen Sowjetführung, welche nichts nötiger hatte als die pazifistische Maskierung des imperialistischen Krieges, und der Provisorischen Regierung. Doch in diese interne Auseinandersetzung zwischen groß- und kleinbürgerlichen PolitikerInnen, mischten sich die Soldaten und die ArbeiterInnen Petrograds ein. Sie gingen am 20. April bewaffnet und massenhaft auf die Straße und forderten die Absetzung Miljukows als Außenminister. Radikalere Kräfte versuchten den Unmut gegen den liberalen Führer auf die gesamte Provisorische Regierung auszudehnen. Die radikalsten Kräfte des Petrograder Proletariats und der in der Hauptstadt stationierten Soldaten versuchten schon im April 1917 die Provisorische Regierung zu stürzen. Sie versuchten in deren Sitz, das Mariinski-Palais, einzudringen und die Minister zu verhaften. Doch die Regierung tagte an diesem 20. April 1917 nicht im Mariinski-Palais. Da der Minister Gutschkow erkrankt war, tagte die Regierung an diesem Tag in dessen Privatwohnung.
Und die Bolschewiki? Die bolschewistische Partei befand sich während der „Apriltage“ noch in ihrer politischen und ideologischen Umrüstung. Bevor Lenin aus dem Schweizer Exil zurückkehrte wurde sie von Kamenew und Stalin geleitet. In dieser Zeit waren führende Bolschewiki nicht mehr als der linke Flügel der kleinbürgerlichen Demokratie. Stalin und Kamenew dachten im März 1917 nicht im Traum daran, die Partei auf den Sturz der Provisorischen Regierung und auf ihre eigene staatskapitalistische Diktatur vorzubereiten. Sie waren zu einer bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung durch die bolschewistische Partei bereit. Den ideologischen Kniff der Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“, die Weiterführung des imperialistischen Krieges mit pazifistischen Phrasen zu tarnen, fand ebenfalls die Unterstützung von Stalin und Kamenew. Kein Wunder, dass es im März 1917 starke Vereinigungstendenzen zwischen Bolschewiki und Menschewiki gab.
Doch Anfang April kam Lenin aus dem Exil nach Russland zurück. Der politische Führer des Bolschewismus gab sich mit dessen Rolle als fünfter Wagen am Rad der kleinbürgerlichen Demokratie nicht zufrieden. Er orientierte auf den Sturz der Provisorischen Regierung als Machtapparat der Bourgeoisie – und die Errichtung einer „proletarischen Regierung“, die sich auf die Dorfarmut stützen sollte, also auf die Schaffung eines staatskapitalistischen Regimes. Die Ideologie von „der demokratischen Diktatur der ArbeiterInnen und BäuerInnen“ wurde vom bolschewistischen Führer als veraltet verworfen. Er übernahm faktisch Trotzkis Ideologie von der permanenten Revolution! Das war für die altbolschewistischen BerufspolitikerInnen zu viel! Niemand von ihnen wollte am Anfang etwas von Lenins ideologischer Umorientierung wissen. Doch Lenin stützte sich im innerparteilichen Fraktionskampf auf die radikaleren und proletarischen Kräfte innerhalb der Bolschewiki. Innerhalb eines Monats gelang Lenin die ideologische Umrüstung der bolschewistischen Partei. Auch Trotzki wurde Bolschewik als er aus dem Exil nach Russland zurückkam. Einige radikale Bolschewiki versuchten während der Apriltage schon die Provisorische Regierung zu stürzen, was aber die Missbilligung Lenins auf sich zog, der realistischerweise die Zeit für die politische Machtübernahme durch den Bolschewismus noch nicht gekommen sah.
Das Petrograder Komitee der Bolschewiki wurde von der Straßenbewegung der ArbeiterInnen und Soldaten gegen Miljukow und die Provisorische Regierung am 20. April überrascht. Doch bereits am 21. April rief es zur Demonstration auf, um die soziale Unmut der ArbeiterInnen und Soldaten unter seine politische Kontrolle zu bekommen. Diese Demonstration war dann auch eine gewaltige proletarische Straßenbewegung –wenn auch unter politischen Einfluss des kleinbürgerlichen Radikalismus. Auch die großbürgerliche Kadettenpartei mobilisierte am 21. April ihren konterrevolutionären Anhang aus Offizieren, Junkern und StudentInnen auf den Newski-Prospekt. Zwischen den proletarischen/kleinbürgerlich-radikalen und den konterevolutionären Kräften kam es zu einem blutigen Zusammenstoß, als Offiziere versuchten ArbeiterInnen ein Banner gegen die Provisorische Regierung zu entreißen.
An diesem Tag plante auch Miljukow gemeinsam mit dem General Kornilow zusammen den protestierenden ArbeiterInnen und Soldaten Petrograds eine blutige Lektion zu erteilen. Das zwang die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung sämtliche Armeeeinheiten unter Sowjetkontrolle zu stellen. Gleichzeitig verbot es alle weiteren Demonstrationen. Das Proletariat und die aufrührerischen Soldaten Petrograds hielten sich daran. Die Apriltage waren unblutig beendet.
Die Apriltage waren der erste heftige Zusammenstoß der Provisorischen Regierung mit großen Teilen der Petrograder ArbeiterInnen und Soldaten. Diese Massenaktion stieß die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung aus Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ noch weiter in Richtung Bourgeoisie. Die Bourgeoisie war auch bereit die kleinbürgerlichen DemokratInnen als Schutzschild gegen die ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen zu gebrauchen. Miljukow dagegen wurde von der Bourgeoisie und der Diplomatie der imperialistischen Verbündeten England und Frankreich fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Mit Miljukow als offiziellen Außenpolitiker ließ sich der Krieg nicht mehr weiter führen. Am 2. Mai trat Miljukow als Außenminister zurück, während das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets schon am 1. Mai die Regierungsbeteiligung der Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ beschloss. Es traten dann auch im Verlauf des Mai 1917 vier kleinbürgerliche DemokratInnen in die Provisorische Regierung ein.
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Lenins Konzeption sah objektiv vor, das klassenkämpferische Proletariat als Sprungbrett für die politische Machteroberung des kleinbürgerlichen Radikalismus zu gebrauchen. Aber auch die Kriegsmüdigkeit der Soldaten wurde für sein politisches Manöver genutzt. Selbst den kleinbürgerlichen Landhunger der BäuerInnen gedachte der führende Bolschewik für die politische Machteroberung zu gebrauchen. Ja, sogar den Nationalismus der Oberschichten der innerhalb Russland eingemeindeten nichtrussischen Nationen nutzte der bolschewistische Oberstratege für die Schwächung der russischen Bourgeoisie, der Provisorischen Regierung und der kleinbürgerlich-demokratischen Sowjetführung aus. Lenins Konzept sah auch vor innerhalb der Sowjets den Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ zu Gunsten der Bolschewiki die Macht streitig zu machen. Die Sowjets sollten nicht mehr von kleinbürgerlich-demokratischen PolitikerInnen geleitet werden, sondern von kleinbürgerlich-radikalen BerufspolitikerInnen. Dabei konnte sich Lenin auf die wachsende Kluft zwischen der proletarischen Basis der Sowjets und ihrer politischen menschewistischen und „sozialrevolutionären“ Führung stützen.
Das Proletariat hatte die Februarrevolution nicht gemacht, um nach den menschewistischen Ideologieschablonen die Bourgeoisie an die politische Macht zu bringen und dann fleißig für diese Mehrwert zu produzieren. Das Proletariat hatte aus tiefer Not heraus gehandelt. Und dieser Kampf war durch die Installierung einer Provisorischen Regierung als Machtorgan von Bourgeois und GroßgrundbesitzerInnen alles andere als beendet, denn dieses stellte ja nur die Ummaskierung des Klassenfeindes dar. Bereits im März 1917 kämpfte das Proletariat für den Achtstundentag. Für diesen Kampf hatten jedoch Bourgeoisie, Provisorische Regierung und die PolitikerInnen der menschewistischen „ArbeiterInnenpartei“ keinerlei Verständnis. Doch das ist ja gerade der Sinn des proletarischen Klassenkampfes: dem Klassenfeind Dinge aufzwingen, die dieser nicht einsieht. Der Kampf um den Achtstundentag wurde von den Fabrikkomitees geführt, den Organen, in denen die proletarische Selbstorganisation am unmittelbarsten zum Ausdruck kam.
Am 14. März 1917 erklärte das großbürgerliche Komitee für Handel und Industrie, dass „die Frage des Achtstundentages nicht durch Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern allein entschieden werden kann, da sie eine Angelegenheit von gesamtstaatlicher Bedeutung sei“. Damit hatte die Bourgeoisie die Frage des Achtstundentages an die Politik weiter delegiert. Doch die Provisorische Regierung und die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung waren gegen den Achtstundentag. Aber das Petrograder Proletariat setzte ihn durch, indem es nach acht Stunden die Mehrwertproduktion eigenmächtig beendete. Kapital und Politik mussten schließlich in dieser Frage nachgeben.
Am 2. April 1917 fand die Arbeitskonferenz der Fabrikkomitees der Petersburger Rüstungsindustrie statt. Sie beschloss die Empfehlungen für Fabrikkomitees in denen unter anderem geschrieben stand: „Vom Fabrikkomitee gehen alle Verordnungen aus, die die interne Ordnung betreffen (also Normierung der Arbeitszeit, Arbeitslohn, Einstellung und Entlassung, Urlaub u. ä.); der Vorgesetzte des Werkes oder der Abteilung wird davon in Kenntnis gesetzt (…) alle technischen Angestellten und alle anderen Verwaltungspersonen – treten ihren Dienst an im Einvernehmen mit dem Komitee des gesamten Werkes; dieses muss über deren Einstellung eine Erklärung abgeben oder auf einer allgemeinen Versammlung des ganzen Betriebes bzw. der Komitees in den Werkstätten berichten. (…) Das Fabrikkomitee ist ein Organ, dass die Tätigkeit der Werksleitung auf technischem Gebiet und in der Wirtschaftsführung kontrolliert (…) dabei müssen dem Vertreter der Fabrikkomitees alle offiziellen Dokumente vorgelegt werden; dasselbe gilt für alle Kostenvoranschläge im Produktionsbereich und im Ausgabensektor (…)“ (A. M. Pankratowa, Fabrikräte in Russland. Der Kampf um die sozialistische Fabrik, Fischer-Bücherei, Frankfurt/M 1976, S. 174.)
Am 23. April machte die Regierung den Fabrikkomitees einige Zugeständnisse – auf Grund deren Druckes. Das von den RegierungsbürokratInnen verabschiedete Gesetz erkannte die Fabrikkomitees zwar „freundlicherweise“ an, jedoch wurde ihr Einflussbereich stark eingeschränkt. Doch die Fabrikkomitees kümmerten sich nicht um bürokratische Gesetze. Sie gaben sich in jeder Fabrik ihre eigene Satzung, räumten sich selbst so viel Rechte ein, wie sie im Klassenkampf durchsetzen konnten. Im Mai entfaltete die Fabrikkomiteebewegung ihre gewaltige Kraft. Immer mehr KapitalistInnen mussten sich in ihrem Betrieb mit der Existenz der Fabrikräte abfinden. Die bürgerlichen Medien führten eine Hetzkampagne gegen die Bewegung der Fabrikkomitees und den Achtstundentag, und versuchten die meist bäuerlichen Soldaten gegen den proletarischen Klassenkampf auszuspielen. Die Bourgeoisie stellte die ArbeiterInnen als faule, unersättliche Schädlinge dar. Doch die Zeitungen der ArbeiterInnenbewegung sorgten für die Aufklärung der Soldaten. Auch luden verschiedene Fabrikkomitees Soldatendelegierte zu sich ein, damit sie sich vor Ort ein wahres Bild machen konnten. Die Kampagne der Bourgeoisie scheiterte schließlich.
Am 29. Mai verlangte die Konferenz der Fabrikkomitees in Charkow, dass diese Fabrikräte offizielle Organe der Revolution werden sollten, um sie weiter voranzutreiben. Einige Delegierte schlugen die totale Machtübernahme der Betriebe durch die Fabrikkomitees vor. Vom 30. Mai –5. Juni 1917 fand die erste Gesamtkonferenz der Petersburger Fabrikkomitees statt. Auf der Konferenz wurden viele ArbeiterInnenstimmen laut, die mehr Kontrollfunktionen für die Fabrikkomitees forderten. Die Menschewiki bekämpften diese Forderungen. Sie versuchten die Fabrikkomitees den Gewerkschaften unterzuordnen.
Die Gewerkschaften waren bis 1917 in der russischen ArbeiterInnenbewegung relativ schwach. In der Zeit des Zarismus wurde gewerkschaftliche Organisation verboten und stark bekämpft. Isaac Deutscher schrieb: „Durch die Unterdrückung der Gewerkschaftsbewegung förderte der Zarismus unabsichtlich revolutionär-politische Organisationsbestrebungen, lediglich die politischen Arbeiter (…), die bereit waren, für ihre Überzeugungen Gefängnis und Exil auf sich zu nehmen, konnten unter diesen Umständen gewillt sein, Gewerkschaften beizutreten. (…) Während in England die Labour-Party von den Gewerkschaften gegründet wurde, führten die russischen Gewerkschaften von Anfang an ihr Leben im Schatten der politischen Bewegung.“ (Isaac Deutscher, Die sowjetischen Gewerkschaften, Frankfurt/M 1969, S. 27.)
Maurice Brinton schrieb dazu ergänzend: „Diese Analyse trifft zu – und zwar weitgehender als Deutscher ahnte. Die russischen Gewerkschaften von 1917 spiegelten diese besondere Entwicklung der russischen Arbeiterbewegung wider. Einerseits waren die Gewerkschaften die Hausmacht der politischen Parteien, die aus ihnen Funktionäre rekrutierten und sie als Stimmvieh benutzten. Andererseits wurde die Gewerkschaftsbewegung, nachdem sie in gewisser Weise im Februar 1917 neu entstanden war, von den bewussteren Arbeitern vorangetrieben: In der Führung der einzelnen Gewerkschaften gab es eine Art intellektueller Elite, die erst den Menschewiki und Sozialrevolutionären zuneigte, später jedoch, in wachsender Anzahl für die Bolschewiki gewonnen wurde“ (Maurice Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution, Verlag ASSOCIATION GmbH, Hamburg 1976, S. 34.) Die Gewerkschaftsbürokratie und die Funktionäre der politischen Parteien – einschließlich der Bolschewiki – waren also Feinde der Fabrikkomitees, weil in ihnen die Selbstorganisation der proletarischen Massen am unmittelbarsten zum Ausdruck kam.
Über das Verhältnis von Bolschewiki zu Fabrikkomitees und Gewerkschaften schrieb Maurice Brinton: „Zu dieser Zeit setzten die Bolschewiki auf zwei Pferde, um sowohl in Gewerkschaften wie in Fabrikkomitees ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Sie ließen sich das ein gewisses Maß an Doppelzüngigkeit kosten, um ihr Ziel zu erreichen. In Gewerkschaften, die stark unter menschewistischer Kontrolle standen, drangen die Bolschewiki auf Autonomie der Komitees. In Gewerkschaften, die sie schon unter ihrer eigenen Kontrolle hatten, waren sie in diesem Punkt sehr viel zurückhaltender. (…) Es ist wichtig zu wissen, dass vom Beginn der Revolution die Gewerkschaften straff von politischen Organisationen kontrolliert wurden, die sie zu Akklamationszwecken benutzten. Dies erklärt die Leichtigkeit, mit der später die Partei die Gewerkschaften manipulieren konnte.“ (Ebenda, S. 34/35.)
Im Dreiecksverhältnis zwischen Fabrikkomitees, Gewerkschaften und politischen Parteien kam das Beziehungsgeflecht zwischen dem selbstorganisierten Klassenkampf (Fabrikkomitees) und der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung (Gewerkschaften und politische „ArbeiterInnenparteien“) zum Ausdruck. Gewerkschaften sind im modernen Privatkapitalismus sozialökonomische Co-Managerinnen der kapitalistischen Ausbeutung, die mit den Industriebossen und dem Staat die Bedingungen dieser Ausbeutung aushandeln. Politische „ArbeiterInnenparteien“ sind meistens in den Parlamentarismus integriert, nehmen also an der sozialen Entmündigung der ArbeiterInnen durch BerufspolitikerInnen teil und sichern die kapitalistische Ausbeutung politisch ab. In der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung kommen immer auch die kleinbürgerlichen Tendenzen des Proletariats selbst ideologisch und politisch entfremdet zum Ausdruck. So war es auch in Russland zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution. Nachdem der Menschewismus durch die Radikalisierung der ArbeiterInnen stark an Einfluss verlor, gewann der kleinbürgerlich-radikale Bolschewismus an Einfluss, der jedoch nichts anderes als die Keimform der staatskapitalistischen Sozialreaktion war. Dieser stützte sich auch taktisch auf die Fabrikkomitees, um die Bourgeoisie zuerst politisch und dann sozial zu entmachten – um dann auch der proletarischen Selbstorganisation den Garaus zu machen.
Proletarische Selbstorganisation ist immer ein dialektischer Widerspruch. Normalerweise wird das Proletariat von Kapital, Staat und institutionalisierter ArbeiterInnenbewegung im Interesse der Kapitalvermehrung organisiert. Nur im Klassenkampf kann sich das Proletariat selbst für seine Interessen und Bedürfnisse organisieren. Die Februarrevolution war ein gewaltiger Höhepunkt der proletarischen Selbstorganisation, die sich nach ihr herausbildenden Fabrikkomitees ihr organisatorischer Ausdruck. Ein selbständig kämpfendes Proletariat stellt eine tödliche Gefahr für Kapital, Staat und institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung dar. Die drei letztgenannten bürgerlichen Kräfte müssen also mit Gewalt und/oder sozialer Demagogie die proletarische Selbstorganisation wieder ersticken, um ihre Herrschaft über das Proletariat aufrecht zu erhalten. Bourgeoisie, Provisorische Regierung, menschewistische PolitikerInnen und GewerkschaftsbürokratInnen gaben sich zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution als offene FeindInnen der proletarischen Selbstorganisation zu erkennen. Der kleinbürgerlich-radikale Bolschewismus stützte sich bis zur Oktoberrevolution taktisch und sozialdemagogisch auf die proletarische Selbstorganisation um die Bourgeoisie sozial und politisch zu entmachten – und drehte ihr danach als staatskapitalistische Sozialreaktion den Hals um.
Die proletarische Selbstorganisation kann nur dann der kapitalistischen Zerschlagung entgehen, wenn sie die kapitalistische Warenproduktion aufhebt und den bürgerlichen Staat zerschlägt und dadurch in die klassenlose Selbstorganisation übergeht. Dies war in Russland aus objektiven und subjektiven Gründen nicht möglich. Doch die proletarische Selbstorganisation kämpfte in Form der Fabrikkomitees um die kollektive Übernahme der Fabriken durch das Proletariat, was beim damaligen Bewusstseinsstand und den objektiven Bedingungen entsprechend nur eine kleinbürgerlich-kollektive Form der Warenproduktion sein konnte – was aber die staatskapitalistische Sozialreaktion nicht duldete.
Schauen wir uns jetzt im weiteren Verlauf der Entwicklung das Wechselverhältnis zwischen Klassenkampf des Proletariats und der politischen Machteroberung durch den kleinbürgerlich-radikalen Bolschewismus an. Um den Bolschewismus einer revolutionären Kritik zu unterziehen, möchten wir schreiben, was SozialrevolutionärInnen mit unserem heutigen Bewusstseinsstand damals getan hätten. Wir sind uns selbst der Widersprüchlichkeit dieser Methode bewusst. Sozialrevolutionäres Bewusstsein entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern ist die theoretische Widerspiegelung des revolutionären Seins. Außerdem pflegt revolutionäres Bewusstsein notwendig auch immer etwas konservativ zu sein, da das theoretische Bewusstsein verallgemeinerte vergangene Praxis ist. Unser heutiges revolutionäres Bewusstsein ist im nicht unerheblichen Maße die theoretische Verallgemeinerung der russischen Revolution und der revolutionären Nachkriegskrise in Europa. Aber dennoch waren Ansätze unseres heutigen sozialrevolutionären Standpunktes schon tendenziell und potenziell bei russischen AnarchistInnen und deutschen/holländischen Links/RätekommunistInnen vorhanden. Wenn wir uns also dazu entschieden haben den Bolschewismus mit unserem heutigen revolutionären Bewusstsein zu konfrontieren, ist das zwar eine widersprüchliche Methode, aber auch nicht völlig unhistorisch und aus der Luft gegriffen.
Das subjektiv revolutionäre Proletariat konnte nur noch weiter mit der objektiv konterrevolutionären Provisorischen Regierung aneinander geraten. Gegen die weitere Radikalisierung des Proletariats mussten sich auch die ideologischen Beschwichtigungsversuche durch die kleinbürgerlichen DemokratInnen immer hilfloser erweisen. Die Radikalisierung des Proletariats stärkte aber den Bolschewismus und seinen Einfluss in Sowjets, Gewerkschaften sowie in Fabrik- und Armeekomitees. Und auch in den Parlamenten der offiziellen Demokratie, den Stadtdumas. Der Bolschewismus ließ es sich nicht nehmen auch am Parlamentarismus der Bourgeoisie teilzunehmen. An diesen Wahlen zu den Stadtdumas nahmen alle Sowjetparteien und außerdem die Kadettenpartei teil. Auch die Bolschewiki forderten Wahlen zu der Konstituierenden Versammlung. Diese Einberufung des bürgerlichen Parlamentes wurde von der Kadettenpartei verschleppt um eine Bodenreform zu verhindern, da die Durchführung einer Bodenreform dieser Konstituierenden Versammlung vorbehalten sein sollte. Während eine Hauptlosung des Bolschewismus „Alle Macht den Sowjets!“ war, forderte er dennoch die Konstituierende Versammlung rasch einzuberufen.
SozialrevolutionärInnen hätten in der revolutionären Situation, in welcher sich Russland damals befand, zu einem Boykott des großbürgerlichen Parlamentarismus aufrufen müssen. Selbstverständlich nehmen SozialrevolutionärInnen auch in nichtrevolutionären Zeiten nicht am parlamentarischen Polittheater teil, aber zu einem Boykott parlamentarischer Wahlen sollten sie nur in revolutionären Zeiten aufrufen. Gleichzeitig wären damals SozialrevolutionärInnen mit unserem heutigen Bewusstseinsstand – ja, eine Unmöglichkeit, dass wissen wir –jeglicher Mystifizierung der damaligen real existierenden Sowjets entgegen getreten. Sie hätten die Tendenzen des kleinbürgerlichen Parlamentarismus scharf kritisiert und sie wären in scharfer Distanz zu allen Sowjetparteien getreten. Gleichzeitig hätten sie versucht die progressiven Tendenzen der Sowjets als tendenzielle Klassenkampforgane des Proletariats zu stärken. All dies taten auch schon ansatzweise einige russische AnarchistInnen.
Doch im Gegensatz zu ihnen hätten heutige SozialrevolutionärInnen keinerlei Illusionen in die kleinbäuerliche Bevölkerung und in die von ihr getragene Agrarbewegung. Diese kritische Sicht auf das russische KleinbäuerInnentum wurde Teil der linkskommunistischen/rätekommunistischen Analyse der russischen Revolution. Doch damals in Russland keine Illusionen in die russischen KleinbäuerInnen und ihre kleinbürgerliche Agrarrevolte zu haben, hätte bedeutet zu wissen, dass die russische Revolution nur konterrevolutionär beendet werden konnte. Damalige SozialrevolutionärInnen mit unserem heutigen Bewusstsein hätten also mutig zu einem Kampf aufrufen müssen, von dem sie wussten, dass er nur verloren werden konnte, aber diese Niederlage wichtig für den weltrevolutionären Prozess wäre. Doch kämpfen kann mensch in objektiv aussichtslosen Situationen besser, wenn mensch von einem nichtmöglichen Sieg träumt. Die sozialromantischen Tendenzen des Anarchismus, der nicht viel von den objektiven Bedingungen des Kampfes wissen will, machten ihn in Russland zum radikalsten Ausdruck einer Revolution, die objektiv keine Chance hatte, aber bis zum tragischen Höhepunkt mutig allen Kräften der kapitalistischen Sozialreaktion – einschließlich der Bolschewiki – die Stirn bot.
Die wirkliche soziale Revolution konnte im damaligen Russland also nur verlieren, während die russische Bourgeoisie sozial und politisch zu schwach war, um die Krise des Staates sozialreaktionär zu lösen. So lösten die Bolschewiki die Krise des Staates sozialreaktionär, indem sie sich demagogisch auf den proletarischen Klassenkampf, die Friedenssehnsucht der Soldaten und den Landhunger der KleinbäuerInnen stützten – um die politische Macht zu erobern und ein staatskapitalistisches Regime zu errichten. Mit ihrer Sozialdemagogie betrogen die kleinbürgerlich-radikalen PolitikerInnen des Bolschewismus nicht nur die ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen, sondern auch sich selbst. Nur durch diesen Selbstbetrug fanden sie die Kraft, die sie im Kampf gegen die Bourgeoisie und ihre politischen/militärischen Handlanger brauchten. Im Kampf zwischen kleinbürgerlichen Radikalismus und privatkapitalistischer Sozialreaktion wirkte die „proletarisch-revolutionäre“ Maske des Bolschewismus als heroischer Selbstbetrug.
Doch in der bolschewistischen Strategie den proletarischen Klassenkampf für die eigene Machteroberung zu nutzen, lag auch ein riesiges Risiko. Das Proletariat kämpft dann, wenn ihr die Widersprüche und Gegensätze zu Kapital und Staat unerträglich erscheinen. Doch eine politische Partei kann nur erfolgreich die Macht ergreifen, wenn sie objektiv stark genug ist und sich auch subjektiv dafür stark genug fühlt. Petrograd eilte dem Land voraus. In der Hauptstadt entstand ab Juni eine Situation, wo das Proletariat und die Soldaten den Kampf gegen die Provisorische Regierung führen wollten, die bolschewistische Partei sich aber noch nicht stark genug dafür hielt, um die politische Macht zu erobern. Also begann die bolschewistische Partei die ArbeiterInnen und Soldaten zurück zu halten, weil der Kampf für sie zu früh kam. Die radikalsten ArbeiterInnen und Soldaten begannen sich bereits von den Bolschewiki abzuwenden und sich den AnarchistInnen anzunähern. Deren Botschaft war einfach: Im Februar haben wir auch keine Partei gefragt und gebraucht, um den Zar zu stürzen. Stürzen wir jetzt die Provisorische Regierung!
Die Bolschewiki hatten also alle Hände voll zu tun, dass der proletarische Klassenkampf in Petrograd und in dessen vor gelagerten Seefestung Kronstadt sich nicht schon zur äußersten sozialen Explosion steigerte, bevor die kleinbürgerlich-radikalen ParteipolitikerInnen die Zeit reif dafür hielten, die politische Macht zu erobern. Besonders die Kronstädter Matrosen radikalisierten sich immer stärker und wurden zu einem der wichtigsten Impulsgeber der Revolution. Unter dem Druck der Matrosen waren auch im Kronstädter Sowjet die klassenkämpferischen Tendenzen stärker als die kleinbürgerlich-demokratischen. Bourgeoisie und die kleinbürgerliche Demokratie hetzten deshalb mit vereinten Kräften gegen Kronstadt – während sich die Bolschewiki große Mühe geben mussten, um die Kronstädter Matrosen zurück zu halten.
Im Mai 1917 entwickelte sich der Konflikt in und um Kronstadt. Am 13 Mai erklärte der Kronstädter Sowjet: „Die einzige Macht in Kronstadt bildet der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten.“ Der Sowjet schritt zur Tat und entmachtete den Regierungskommissar, den Kadetten Pepelajew. Doch die gesamtrussische kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung wollte die Proklamierung der Sowjetmacht und die Entmachtung des Kommissars der Provisorischen Regierung in Kronstadt nicht hinnehmen. Auch die Bolschewiki innerhalb des Kronstädter Sowjets drängten darauf, im realen Konflikt nachzugeben, aber den prinzipiellen Kampf um „die Sowjetmacht“ fortzusetzen. Das beschloss dann auch der Kronstädter Sowjet am 24. Mai. Doch den Matrosen von Kronstadt war nicht nach taktischen Spielchen zu Mute. Sie setzten den Kronstädter Sowjet gehörig unter Druck, so dass dieser einen Tag später seine praktische Kapitulation gegenüber der Provisorischen Regierung und der russischen kleinbürgerlich-demokratischen Sowjetführung rückgängig machte.
Die kleinbürgerlichen DemokratInnen gingen zum Gegenangriff über und verlangten von den Kronstädter Matrosen die Überstellung von 80 sozialreaktionären Offizieren, die sie zur eigenen Sicherheit gefangen hielten, an die Provisorische Regierung. Doch die Kronstädter Matrosen weigerten sich zuerst hartnäckig ihre Gefangenen der konterrevolutionären Regierung auszuliefern, schließlich gaben sie dem Zureden der Bolschewiki nach – und damit auch den kleinbürgerlichen DemokratInnen, der Provisorischen Regierung und der Bourgeoisie. Sie lieferten ihre Gefangenen der konterrevolutionären Regierung aus, die sie natürlich bald darauf wieder in Freiheit setzte.
Doch Anfang Juli ließen sich weder das klassenkämpferische Proletariat von Petrograd noch die Kronstädter Matrosen länger vom Bolschewismus zurück halten. Die Soldaten waren wütend, dass die Regierung den imperialistischen Krieg weiter führte und die ArbeiterInnen litten unter Nahrungsmangel und Inflation, welcher die durch Klassenkämpfe erreichten Lohnsteigerungen wieder auffraß. Außerdem wurden viele Betriebe von der Bourgeoisie geschlossen, so dass die sozialökonomische Reproduktion der proletarisierten Menschen auch stark durch Arbeitslosigkeit gefährdet wurde. Anarchistische Individuen und Gruppen peitschen die Massenstimmung gegen die Provisorische Regierung noch mehr auf. Einige tausend Petrograder Maschinengewehrschützen sprengten am Morgen des 3. Juli 1917 die Versammlung der Kompanie- und Regimentskomitees, wählten einen eigenen Vorsitzenden und berieten ein bewaffnetes Vortreten gegen die Regierung. Der Vorsitzende der Versammlung war ein Bolschewik, der versuchte, die Massen zurück zu halten. Doch es war vergeblich. Auch die Militärische Organisation der Bolschewiki schickte Agitatoren zu den Maschinengewehrschützen, die auch weiterhin versuchten ihre Beruhigungspillen an den Mann zu bringen. Doch die letzteren ließen sich nicht mehr von der selbsternannten angeblichen „Avantgarde des Proletariats“ zurück halten. Sie entsandten Delegierte in die Garnisonen und Fabriken Petrograds und selbstverständlich auch zu den Kronstädter Matrosen.
Der Damm war gebrochen. Gegen den politischen Willen der Bolschewiki entwickelte sich eine gewaltige soziale Straßenbewegung des Proletariats und der vorwiegend bäuerlichen Soldaten. Ab 7 Uhr Abends erstarb in den Industriebetrieben Petrograds die Arbeit. Das Proletariat produzierte keinen Mehrwert mehr für Kapital und Staat, sondern strebte auf die Straße. Auch bewaffnete Abteilungen der Roten Garden nehmen an dieser Bewegung teil. Es kam zu Handgemengen zwischen AktivistInnen dieser Bewegung mit bürgerlich-konterrevolutionären Kräften (Offiziere, Beamte und StudentInnen). Diese Kämpfe kosteten die ersten Toten.
Auch der soziale Druck auf die Bolschewiki nahm zu. Die proletarische Straßenbewegung hatte sich ohne und gegen ihren Willen entwickelt. Was nun? Um nicht die völlige politische Kontrolle ihrer Partei über das subjektiv revolutionäre Proletariat zu verlieren, riefen die Bolschewiki für den 4. Juli 1917 zu einer bewaffneten Demonstration auf. Der ursprünglich in der Parteizeitung Prawda für den 4. Juli geplante Aufruf zur Ruhe und zur Beendigung der Demonstration erschien nicht mehr, allerdings wurde der bolschewistische Aufruf zur Demonstration auch nicht mehr fertig. So dass die Prawda am 4. Juli teilweise mit weißen Seiten erschien. Die Bolschewiki verteilten ihren Demonstrationsaufruf in Form von Flugblättern. Die Militärische Organisation der Bolschewiki schiebt sich in den Vordergrund.
Auch am 4. Juli wurde die Arbeit von den Petrograder ProletarierInnen nicht wieder aufgenommen. Sie strebten wie viele Soldaten wieder auf die Straße. Diese proletarische Straßenbewegung richtete sich gegen die Provisorische Regierung und übte von unten Druck auf die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung aus, damit die menschewistischen und „sozialrevolutionären“ PolitikerInnen, ihre Koalition mit der liberalen Bourgeoisie aufgeben und stattdessen im Namen der Sowjets die Macht ergreifen. Der proletarische Demonstrationszug strebte zum Taurischen Palais, dem Sitz der gesamtrussischen Sowjetführung. Delegationen der ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen übten auf die führenden Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ einen erheblichen Druck aus. Am 4. Juli entfaltete die proletarische Straßenbewegung noch mal ihre gewaltige Kraft. An diesem Tag nahmen auch die Kronstädter Matrosen an der Bewegung in Petrograd teil. Auch an diesem Tag kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit konterrevolutionären Kräften, besonders mit Kosaken.
Doch die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung der Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ konnten in ihrem eigenem Interesse und dem der Bourgeoisie diese gewaltige Straßenbewegung der Petrograder ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen noch einmal brechen. Durch sozialreaktionäre Truppenteile entwaffnete sie in der Nacht zum 5. Juli die bewaffneten ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen und verhaftete klassenkämpferische ProletarierInnen und bolschewistische PolitikerInnen/Intellektuelle. Am nächsten Tag produzierten die Petrograder ArbeiterInnen wieder Mehrwert. Die proletarische Straßenbewegung der Julitage war beendet.
Das Verhalten des Bolschewismus während der Julitage war typisch für den kleinbürgerlichen politischen Radikalismus. Sozialrevolutionäre ArbeiterInnen und Intellektuelle mit unseren heutigen Erfahrungen hätten sich selbstverständlich an der proletarischen Straßenbewegung beteiligt, ohne zu versuchen, diese Bewegung zu bremsen. Gleichzeitig hätten sie auch nicht versucht, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Im Gegenteil, sie hätten klar gegen die politische Bevormundung der sozialen Bewegung durch die Bolschewiki Stellung bezogen. Auch wenn diese Bewegung selbst organisiert begann, konnte sie der Bolschewismus letztendlich doch politisch und ideologisch beherrschen. In der Hauptforderung der Julitage, „Alle Macht den Sowjets!“ vermischten sich die proletarischen Illusionen in diese Mischformen aus kleinbürgerlicher „ArbeiterInnendemokratie“ und Klassenkampforganen mit der politischen Strategie des Bolschewismus. Die Hauptforderung „Alle Macht den Sowjets!“ konnte unter den damaligen Bedingungen nur die Macht der kleinbürgerlich-demokratischen BerufspolitikerInnen der menschewistischen und „sozialrevolutionären“ Partei, welche die gesamtrussische Führung der Sowjets monopolisierten, bedeuten. Sie war sowohl von Seiten der proletarischen Straßenbewegung als auch der Bolschewiki eine Forderung an die menschewistische und „sozialrevolutionäre“ Sowjetführung mit dem politischen Personal der Bourgeoisie zu brechen und die Staatsmacht allein zu übernehmen – im „Interesse des Proletariats und der BäuerInnen“. Mal abgesehen davon, dass die Klasseninteressen von Proletariat und BäuerInnen nicht identisch waren, waren und sind PolitikerInnen objektiv niemals die InteressenvertreterInnen proletarischer Menschen. Denn die Politik lebt von der Ausbeutung des Proletariats.
Die menschewistischen und „sozialrevolutionären“ PolitikerInnen wollten nicht die Macht der Sowjets. Sie wollten Macht als PolitikerInnen des Privatkapitalismus. Deshalb wiesen sie die Forderung der Machteroberung durch die Sowjets zurück. Sie wollten diese Organe mit der Etablierung einer parlamentarischen Demokratie sanft einschläfern lassen. Doch diese Strategie wurde sowohl vom klassenkämpferischen Proletariat als auch vom kleinbürgerlich-radikalen Bolschewismus –dieser Embryonalform der staatskapitalistischen Sozialreaktion! – durchkreuzt. Die Bolschewiki forderten Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ auf, die politische Macht im Namen der Sowjets zu ergreifen, um diese dann später im Rahmen der Sowjetdemokratie selbst zu erobern.
Diese Politikspielchen hatten selbstverständlich objektiv mit den Aufgaben von Organen der proletarisch-revolutionären Selbstorganisation nicht das Geringste zu tun, wenn mensch davon mal absieht, dass diese Organe aus objektiven Gründen im damaligen Russland gar nicht sozialrevolutionär siegen konnten. Doch sie hätten subjektiv etwas versuchen können, woran sie dann objektiv scheitern mussten, aber durch dieses Scheitern dem weltrevolutionären Prozess wichtige Impulse gegeben hätten. SozialrevolutionärInnen hätten innerhalb der Sowjets gegen das BerufspolitikerInnentum kämpfen müssen –also gegen die menschewistische, „sozialrevolutionäre“ und bolschewistische Partei, und hätten erklären müssen, dass die Aufgabe der Sowjets nicht in der politischen Eroberung der Staatsmacht, sondern nur in der Zerschlagung des Staates liegen könne. Die Fabrikkomitees hätten die Produktionsmittel erobern müssen und die Aufhebung der Warenproduktion anstreben müssen. Die zweite Aufgabe der Fabrikkomitees war im damaligen Russland objektiv nicht durchführbar. Aber warum sollten SozialrevolutionärInnen subjektiv etwas anstreben, was objektiv unmöglich ist? Weil sie nur so subjektiv sozialrevolutionär in einer Situation bleiben können, wo die Revolution objektiv nicht siegen kann. Doch Sowjets und Fabrikkomitees spiegelten damals im Juli 1917 noch die subjektiven Schwächen des damaligen revolutionären Proletariats wider: es war noch nicht bewusst antipolitisch und noch stark von der Ideologie der Selbstverwaltung innerhalb von Staat und Warenproduktion beeinflusst. Die proletarischen Illusionen in den Bolschewismus konnten erst durch praktische Erfahrungen mit dem bolschewistisch-staatskapitalistischen Regime zerstört werden. Die subjektiven Schwächen des damaligen russischen Proletariats waren selbstverständlich mit dem Niveau von dessen objektiven Erfahrungen verbunden.
Sozialrevolutionär betrachtet konnten die Julitage 1917 nur mit einer Niederlage enden, da das russische Proletariat objektiv und subjektiv nicht in der Lage war, sich revolutionär selbst aufzuheben. Der Bolschewismus stellte sich objektiv ganz andere Aufgaben – nämlich auf den Rücken des subjektiv revolutionären Proletariats sich die politische Macht zu erobern, um ein staatskapitalistisches Regime zu errichten. Doch dieser totale soziale Gegensatz zwischen dem subjektiv revolutionären Proletariat und den objektiv sozialreaktionären bolschewistischen BerufspolitikerInnen wurde auch von den Bolschewiki ideologisch ausgeblendet. Sie hielten sich wirklich für die Avantgarde des Proletariats, die im Interesse des Proletariats dazu berufen war, die politische Macht zu ergreifen. Aber sie hielten sich im Juli 1917 noch nicht stark genug, um dies erfolgreich zu tun. Doch die Bolschewiki konnten während der Julitage die revolutionäre Flut des Petrograder Proletariats nicht mehr zurückhalten. Sie stellten sich schließlich politisch an die Spitze der proletarischen Straßenbewegung um den revolutionären Aufstand gegen die Provisorische Regierung zu verhindern, da nach ihrer Meinung der Zeitpunkt für den Kampf um die bolschewistische Machteroberung noch nicht gekommen war.
Die Niederlage war sowohl für das klassenkämpferische russische Proletariat als auch für den kleinbürgerlich-radikalen Bolschewismus nur vorübergehend. Doch erst mal triumphierte die privatkapitalistische Sozialreaktion. Konterrevolutionäre Truppen ließen ihren Hass auf klassenkämpferische ArbeiterInnen, rebellische Soldaten und kleinbürgerlich-radikale PolitikerInnen freien Lauf. Unter anderem wurden auch die Redaktionsräume der Prawda verwüstet. Auch gegen führende Bolschewiki wurden Haftbefehle erlassen. Lenin wurde von der bürgerlichen Presse als „deutscher Spion“ verleumdet. Wir möchten dazu bemerken, dass dies trotz der manchmal sehr dubiosen taktischen Spielchen Lenins auch im Bezug auf das Kaiserliche Deutschland, auf die wir hier jedoch weder eingehen wollen noch können, völlig ausgeschlossen ist. Auch die Menschewiki glaubten nicht daran, dass er ein deutscher Spion war. Doch sie distanzierten sich nur platonisch von dieser nationalistischen Lüge. Lenin und Sinowjew, gegen die Haftbefehle ausgestellt worden waren, traten die Haft nicht an, sondern begaben sich in die Illegalität. Trotzki wurde verhaftet.
Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ konnten Anfang Juli 1917 nur mit Hilfe der sozialreaktionären Truppenteile die proletarische Straßenbewegung in Petrograd ersticken. Doch diese sozialreaktionären Truppen begannen bald sich auch gegen die kleinbürgerlich-demokratische Sowjetführung zu wenden. Sie wollten die Konterrevolution zu Ende führen! Die kleinbürgerlichen DemokratInnen hatten durch die Julitage auch bei der Bourgeoisie ihren politischen Kredit verspielt. Sie hatten während dieser Tage eindeutig gezeigt, dass sie nicht mehr in der Lage waren, die Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat abzuschirmen. Im Juli war die reaktionäre Armee der Retter! Bei großen Teilen der Bourgeoisie und der GroßgrundbesitzerInnen verdichtete sich die strategische Orientierung auf die Errichtung einer Militärdiktatur. Der General Kornilow war auch ehrgeizig genug, um für die privatkapitalistische Sozialreaktion den obersten Bluthund zu spielen, er wollte für das Privatkapital und den Großgrundbesitz revolutionäres Proletariat, Bolschewiki, Sowjets und Provisorische Regierung tot beißen. Der führende russische Liberale, Miljukow, brachte die Haltung der Bourgeoisie auf den Punkt: Kornilow oder Lenin! Diese Alternative ließ keinen Platz für die kleinbürgerlichen DemokratInnen.
Der „Sozialrevolutionär“ Kerenski wurde durch die sozialreaktionäre Niederschlagung der proletarischen Straßenbewegung vom Juli 1917 innerhalb der Provisorischen Regierung noch weiter emporgehoben. Bei einer Regierungsumbildung wurde er Ministerpräsident. Er strebte danach, der Kontrolle seiner Regierung durch die Sowjets entgegenzuwirken. Gleichzeitig gab er den sozialreaktionären Bestrebungen der Bourgeoisie, der GroßgrundbesitzerInnen und der Generalität immer stärker nach. Die Provisorische Regierung führte unter anderem die Todesstrafe an der Front wieder ein. Aber sie wurde mit der soziaökonomischen Krise Russlands und infolgedessen auch mit dem klassenkämpferischen Proletariat und den rebellierenden Soldaten nicht fertig. General Kornilow forderte die Todesstrafe auch im Hinterland – fast die gesamte privatkapitalistische Sozialreaktion stand hinter ihm, von der schwächlichen kleinbürgerlichen Demokratie mal abgesehen. Kerenski begann sich der Bourgeoisie auch in dieser Frage anzunähern, damit er die politische Macht behalten konnte.
Kerenski gab den offen putschistisch agierenden General Kornilow dem Sinn nach zu verstehen: „Handeln Sie gegen das revolutionäre Proletariat, die kleinbäuerliche Agrarrevolte (zu dieser weiter unten ausführlicher), die rebellierenden Soldaten/Matrosen, die Sowjets und die Bolschewiki. Aber tun Sie es mit mir zusammen, unter meiner Kontrolle.“ Doch Kornilow und weite Teile der russischen Bourgeoisie wollten auch mit Kerenski Schluss machen. Er ließ am 27. August 1917 das 3. Korps auf Petrograd marschieren: gegen das revolutionäre Proletariat, rebellierende Matrosen/Soldaten, Bolschewiki, Sowjets – und die Provisorische Regierung. Die Kadetten traten aus der Regierung aus, um Kornilow die Drecksarbeit zu erleichtern. Miljukow redete Kerenski „gutmütig“ zu, vor Kornilow zu kapitulieren. Dieser war auch schon kurz davor…
Doch dann begannen sich ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen und unter ihren Druck die Sowjets und deren kleinbürgerlichen Parteien – die Menschewiki, „SozialrevolutionärInnen“ und Bolschewiki – sich in das Geschehen einzumischen. Die drei Sowjetparteien bildeten in der Nacht zum 28. August das besondere „Komitee für den Kampf gegen die Konterrevolution“, welches dem Sowjet unterstand und die politische Kontrolle des proletarischen und soldatischen Kampfes gegen den Staatsstreich Kornilows übernahm. Diese „technische“ Einheitsfront der Bolschewiki mit den Menschewiki und „SozialrevolutionärInnen“ war typisch für die taktischen Spielchen des kleinbürgerlichen Radikalismus. Sozialrevolutionäre ArbeiterInnen und Intellektuelle gehen jedoch im praktischen Kampf niemals Einheitsfronten mit sozialreaktionären Kräften ein. Das verwirrt nur das proletarische Bewusstsein. Mit unseren heutigen Erfahrungen hätten SozialrevolutionärInnen im damaligen Russland an der Seite der ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen teilgenommen –aber nicht an den Politspielchen der Menschewiki, „SozialrevolutionärInnen“ und Bolschewiki. Sie hätten ihre Position im praktischen Kampf gegen Korniow für die Vorbereitung des morgigen Kampfes gegen Kerenski und Lenin/Trotzki genutzt. In Gesprächen mit ihren KollegInnen und GenossInnen hätten SozialrevolutionärInnen vor den Bolschewiki als der drohenden staatskapitalistischen Sozialreaktion gewarnt. Einige russische AnarchistInnen kamen in dieser Frage unseren heutigen sozialrevolutionären Positionen schon recht nahe…


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