Neue Broschüre: Der vorkapitalistische Kommunismus

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Inhalt

Einleitung

Vorkapitalistischer Kommunismus
1. Der Urkommunismus als klassen- und staatenlose Gesellschaft
2. Dorfgemeinden und AgrargenossInnenschaften in Klassengesellschaften („Agrarkommunismus“)

Die kapitalistische Vernichtung beziehungsweise Integration des vorkapitalistischen Kommunismus
I. Die kapitalistische Vernichtung des Urkommunismus
1. Allgemeine Betrachtung
2. Nordamerika/USA
3. Australien
II. Die kapitalistische Aufhebung beziehungsweise Integration des „Agrarkommunismus“
1. Allgemeine Betrachtung
2. England/Irland
3. Russland/Sowjetunion
4. Mexiko

Vor- und nachkapitalistischer Kommunismus: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
1. Große soziale Gleichheit beziehungsweise gleiche soziale Ausgangsbedingungen
2. Unmittelbare Produktion für den Bedarf
3. Geschichtliche Tatsache und zukünftige Möglichkeit
4. Werdende und aufzuhebende Klassengesellschaft
5. Niedrige und hohe Produktivität
6. Stamm und Weltgemeinschaft

Der Urkommunismus als klassen- und staatenlose Gesellschaft

Die Menschheit hat weltgeschichtlich gesehen, die längste Zeit in klassen- und staatenlosen Gesellschaften gelebt. Sozialökonomisch lässt sich der Urkommunismus in Gesellschaften von JägerInnen, FischerInnen und SammlerInnen und in Formationen von AckerbäuerInnen und ViehzüchterInnen, die sich ursprünglich vor ungefähr 12.000 Jahren zuerst herausentwickelt hatten, unterscheiden. Mit letzteren werden wir uns noch weiter unten in diesem Kapitel beschäftigen. Widmen wir uns zuerst den urkommunistischen Gesellschaften der JägerInnen, FischerInnen und SammlerInnen.
Von der Herausbildung des modernen Homo sapiens vor etwa 100.000 Jahren bis zur ersten ursprünglichen Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht existierte die Menschheit ausschließlich in urkommunistischen Gemeinschaften von JägerInnen, FischerInnen und SammlerInnen. Sie lebten ursprünglich in kleinen Horden von etwa 20 bis 100 Menschen zusammen, deren Mitglieder zumeist untereinander durch Abstammung oder durch Heirat verwandt waren. Die Horde war herrschaftslos organisiert. Später bildeten sich Stämme als größere Gemeinschaften heraus. Die Lebensweise der urgesellschaftlichen Horden und Stämme lässt sich heute nur mühsam aus archäologischen Funden sowie aus schriftlich fixierten Beobachtungen von Mitgliedern von bereits bestehenden Klassengesellschaften über zu ihrer Zeit noch existierenden urkommunistischen Gemeinschaften rekonstruieren. In der Blütezeit des europäischen Handelskapitalismus, um 1500, war weltweit ungefähr noch die Hälfte der bewohnbaren Landfläche von urkommunistischen Jagd-, Fischfang-, und Sammlergemeinschaften bewohnt, während der Anteil der in ihnen lebenden Menschen an der globalen Bevölkerung auf 1 Prozent geschätzt wird. Heute gibt es auch noch Reste von urkommunistischen JägerInnen-, FischerInnen- und SammlerInnengesellschaften – mit einem Anteil von weniger als 0,001 Prozent an der Weltbevölkerung und durch Berührungen mit dem globalen Kapitalismus (Handel, sporadische Lohnarbeit, Tourismus sowie staatliche Transferleistungen) deformiert – in Indien (1.300.000 Angehörige von Adivasi-Gruppen wie zum Beispiel Birhor, Chenchu, Nayaka, Paliyan, Hill Pandaram) Südasien (699.400 Angehörige entsprechender Gemeinschaften ohne die Andamaner), Südostasien (502.400 Angehörige verschiedener Gemeinschaften wie unter anderem den Derung, Yao und Akha im Grenzgebiet Chinas, der Mani in Thailand, Aeta auf den Philippinen, Kubu und Mentawei auf Sumatra, Fayu sowie einige andere Gruppen in Westneuguinea), Russland/Sibirien (210.000 Angehörige urkommunistischer Gemeinschaften), Japan (26.000 Ainu), Borneo (7.600 Penan), in Zentralafrikas Regenwäldern (200.000 Pygmäen), im südlichen Afrika – Namibia, Botswana, Südafrika – (105.000 San), in Ostafrika (unter anderem Boni, Sengwer und Yaaku in Kenia, Hadza in Tansania), Australien und Ozeanien (300.000 Aborigines), in Nordamerika (90.000 Eskimo in Alaska, Kanada und Grönland und 90.000 „IndianerInnen“), in Ecuador (1.250 Huaorani), in den Regenwäldern und isolierten Gebieten Südamerikas (910 Menschen), in Kolumbien und Venezuela (800 Wayapopihiwi), Paraguay (400 Aché), Bolivien (140 Siriono) sowie Argentinien (eine unbekannte Zahl von Toba).
Die urkommunistischen Gemeinschaften der JägerInnen, FischerInnen und SammlerInnen zeichneten sich durch große soziale Gleichheit und eine kollektiv-solidarische Lebensführung aus. Männer und Frauen waren in diesen Gesellschaften weitgehend gleichberechtigt – wenigstens bis zur Berührung mit dem Kolonialismus bereits existierender patriarchaler Klassengesellschaften. Dass Frauen in den meisten urkommunistischen Gemeinschaften nicht an den lebensgefährlichen Jagten oder Kriegen teilnahmen, sondern mit dem Sammeln von Lebensmitteln beschäftigt waren, sollte sie als Gebärerinnen vom neuen Leben schützen und damit die biosoziale Reproduktion der Horde und des Stammes gewährleisten. Eine Arbeitsteilung in der urkommunistischen Gesellschaft entwickelte sich vermutlich erst 40.000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung heraus. Die Jagt und das Sammeln der Lebensmittel sowie deren Verteilung erfolgte kollektiv-solidarisch. In diesem Rahmen konnte auch das spärliche Privateigentum an Werkzeugen, Schmuck und Waffen keinen die Gesellschaft zersetzenden Individualismus und Egoismus erzeugen. Ältere Mitglieder hatten aufgrund der größeren Erfahrung gewisse Vorrechte gegenüber den Jüngeren. Auch entwickelte sich bereits in den urkommunistischen Stämmen der JägerInnen, FischerInnen und SammlerInnen eine gewisse Hierarchie der sozialen Organisation in Form von Häuptlingen und Medizinleuten/SchamanInnen heraus, ohne die Form von Klassenspaltung oder eines bürokratischen Staates anzunehmen. Die Medizinleute/SchamanInnen organisierten leitend die Rituale (Gesänge, Tänze und Feiern) der verschiedenen Naturreligionen und waren zugleich die ersten WissenschaftlerInnen und ÄrztInnen der Menschheitsgeschichte. Und sie nahmen weiterhin an den unmittelbaren praktisch-produktiven Tätigkeiten der Gemeinschaften außerhalb ihrer besonderen Funktionen teil.
Ernest Mandel beschrieb die sozialen Beziehungen im Urkommunismus auf Grund von Beobachtungen von noch bis in die kapitalistische Zeit in solchen Verhältnissen lebenden Gemeinschaften recht gut: „Genau wie auf niedrigeren Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung bleibt die Gesellschaft (der frühen AckerbäuerInnen und ViehzüchterInnen, Anmerkung von Nelke) auf der gemeinschaftlichen Organisation der Arbeit gegründet. Die Gemeinschaft braucht die Arbeitskraft eines jeden. Ihr Mehrprodukt ist noch nicht so groß, dass sich Privateigentum bilden könnte, ohne dass dadurch die Existenz der ganzen Gesellschaft in Gefahr gebracht würde. Die Gebräuche und der Ehrenkodex widersetzen sich jeder persönlichen Bereicherung, die das übliche Maß überschreitet. Die Unterschiede in der Arbeitsleistung des einzelnen werden in der Verteilung nicht berücksichtigt; die Leistung als solche gibt kein Anrecht auf das persönliche Arbeitsprodukt. Sie ist nur eben eine fleißigere Arbeit. ,Die Verteilung bei den Maori‘, schreibt Bernard Mushkin, ,war hauptsächlich auf ein Ziel gerichtet: die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu befriedigen. Keiner konnte verhungern, solange es Vorräte in den Speichern der Gemeinschaft gab.‘ (Margaret Mead, Cooperation and Competition amoring primitive people, New York 1937, S. 445.)
Es haben sich besondere Einrichtungen herausgebildet – beispielsweise der zeremonielle Austausch von Geschenken oder die Veranstaltung von Erntefesten – die die gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln gewährleisten sollten. Margaret Mead, die uns die Feste bei den Papuastamm der Arapesh beschreibt, glaubt, dass diese Veranstaltungen ,tatsächlich ein sehr wirkungsvolles Hindernis dafür sind, dass ein einzelner zu einem Reichtum gelangt, der in keinem Verhältnis zu dem der anderen steht‘. (Margaret Mead, Cooperation and Competition amoring primitive people, New York 1937, S. 29.)
Georges Balandier schreibt ähnliches über die Bakongo-Stämme Äquatorialafrikas: ,Eine Institution – Malati genannt – gibt uns Aufschluss über diese zweideutige Situation. Der Malati hatte zunächst den Charakter eines Jahresfestes (in der Trockenperiode), auf dem durch die Lobpreisung der Ahnen die Einheit des Stammes erhöht und die Verwandtschaftsverbände gestärkt werden… Bei dieser Gelegenheit wurden eine Menge Güter, die sich im Verlauf des Jahres angesammelt hatten, in einer Atmosphäre wahrer Freude und mit viel Prunk gemeinsam konsumiert. Die Spartätigkeit (?) wurde demnach durch die Stammesoberhäupter in dem Sinne reguliert, dass die Familien- und Verwandtschaftsbande erneuert und dadurch bestärkt wurden. Die regelmäßige Wiederkehr des Malati und die Reichtümer, die er erfordert, erweisen sich als Motor und Regulator der Bakongo-Wirtschaft… Er zeugt von einem Grad der wirtschaftlichen Entwicklung (den man zeitlich schwer bestimmen kann), wo der Überschuss an Gütern vor neue Probleme stellt: die Güter treten zwischen die persönlichen Beziehungen und entstellen sie.‘ (Georges Balandier, Structures sociales traditionelles et changements économiques, in: Revue de l‘Institut de Sociologie Solway, U.L.B., Nr. 1, 1959, S. 38 f.)
James Swann erwähnt in seinem Bericht über die Indianer von Cape Flattery (im Staate Washington, USA), dass derjenige, der einen Nahrungsmittelüberschuss erzeugt hat – gleich welcher Art –, üblicherweise eine Anzahl seiner Nachbarn oder Familienmitglieder einlädt, um ihn gemeinsam mit ihnen zu verzehren. Wenn ein Indianer genügend Lebensmittelreserven angehäuft hat, ist er verpflichtet, ein Fest zu veranstalten, das so lange dauert, bis der Vorrat erschöpft ist. Eine solche Gesellschaft legt Wert auf die gesellschaftliche Solidarität und betrachtet einen wirtschaftlichen Wettbewerb und den Hang zu persönlicher Bereicherung als unmoralisch.
Solomon Asch, der die Sitten der Hopi-Indianer an Ort und Stelle studiert hat, bemerkt folgendes: ,Jeder einzelne muss gleich behandelt werden; niemand darf höher oder niedriger stehen. Wenn jemand sich selbst lobt oder herausstreicht, zieht er sich automatisch den Groll und die Kritik (der anderen) zu… Die meisten Hopi-Indianer lehnen es ab, Meister zu werden… Die Einstellung der Kinder zum Spiel ist ebenfalls bezeichnend. Ich habe feststellen können, dass kleinere Kinder ebenso wie die Jünglinge nie ein Interesse daran gezeigt haben, die Punkte während eines Spiels zu zählen. Sie spielen zum Beispiel eine Stunde lang Basketball, ohne zu wissen, welche Mannschaft nun gewonnen und welche verloren hat. Und sie spielen aus reiner Freude am Spiel weiter.‘ (Laura Thomson, A Culture in Crisis. A Study oft he Hopi Indians, New York 1950, S. 94 f.)
Die genossenschaftliche Organisation der Arbeit bringt einmal die gemeinsame Durchführung von bestimmten wirtschaftlichen Aufgaben mit sich: Bau von Hütten, Jagd auf Großwild, Bahnung von Pfaden, Fällen der Bäume, Urbarmachung neuer Felder; zum anderen bedeutet sie, dass die Familien einander bei der täglichen Arbeit beistehen. Der amerikanische Anthropologe John H. Province hat eine solche Arbeitsweise bei Einwohnern von Borneo, dem Siang-Dajark-Stamm beschrieben. Alle Stammesangehörigen, einschließlich des Medizinmannes, arbeiten abwechselnd auf dem eigenen Reisfeld und dem einer anderen Familie. Sie alle gehen zur Jagd, sammeln Holz für das Feuer und verrichten die Hausarbeiten.
Margaret Mead beschreibt ein ähnliches System bei den Arapesh, einem Bergvolk Neu-Guineas. Die gemeinschaftliche Organisation der Arbeit in ihrer reinen Form bedeutet, dass sich kein Erwachsener von der Arbeit fernhält. Sie kennt somit keine ,herrschende Klasse‘. Die Gemeinschaft plant die Arbeit nach alten Bräuchen und Riten, die sich auf eine genaue Kenntnis der natürlichen Bedingungen gründen (Klima, Bodenbeschaffenheit, Wildwechsel usw.). Das Oberhaupt – wenn es eines gibt – ist nur die Verkörperung dieser Riten und Bräuche und gewährleistet ihre getreue Ausführung.“ (Ernest Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Neuer ISP Verlag, Köln/Karlsruhe 2007, S. 31-33.)

…..

Der Urkommunismus war weltgeschichtlich gesehen zwar eine klassen- und staatenlose Gesellschaft, aber von der Haupttendenz her werdende Klassengesellschaft. Es gibt trotz der großen sozialen Gleichheit bereits in den urkommunistischen Gesellschaften der JägerInnen und SammlerInnen weltliche (Häuptlinge) und geistige (Schamanen, Medizinmänner und Priester) Würdenträger. Diese können sich aber wegen der niedrigen Arbeitsproduktivität dieser Gesellschaften noch nicht zu einer herrschenden Klasse entwickeln. Denn herrschende Klassen (zum Beispiel: antike SklavInnenhalterInnen, Feudalherren, KapitalistInnen) arbeiten nicht mehr unmittelbar selbst körperlich-praktisch, sondern leben von der Ausbeutung der unmittelbaren ProduzentInnen (zum Beispiel: antike SklavInnen, hörige und leibeigene BäuerInnen, LohnarbeiterInnen). In einer Klassengesellschaft müssen also die unmittelbaren ProduzentInnen über das Produkt, welches für ihre eigene biosoziale Reproduktion notwendig ist, ein Mehrprodukt herstellen, dass sich die jeweils herrschende Klasse aneignet. Die Arbeitsproduktivität von urkommunistischen Gesellschaften von JägerInnen und SammlerInnen ist zu gering, um ein ständiges Mehrprodukt hervorbringen zu können, von dem eine herrschende Klasse leben könnte.
Durch die so genannte „neolithische Revolution der Produktivkräfte“, der Übergang der menschlichen Gesellschaften zu Ackerbau und Viehzucht, entwickelte sich die ökonomische Voraussetzung der Entwicklung der Klassengesellschaft: Die Möglichkeit eines ständigen Mehrproduktes, welches sich eine nicht mehr selbst unmittelbar körperlich arbeitende herrschende Klasse aneignen konnte. Der Übergang zu einer Gesellschaft von AckerbäuerInnen und ViehzüchterInnen war ein Entwicklungsprozess, der mehrere Jahrtausende dauerte. Einige menschliche Gesellschaften in Asien, Afrika, Amerika und die gesamte Urbevölkerung Australiens machten diesen Entwicklungsprozess nicht selbständig durch. Weltgeschichtlich entwickelte sich der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht zuerst im 10. Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung im Vorderasien. In Süd- und Mitteleuropa entwickelte er sich zwischen 7500 und 4000 Jahren vor der christlichen Zeitrechnung, während sich dieser Prozess in Teilen Mittelamerikas zwischen 5100 und 4200 vor unserer Zeitrechnung entfaltete.
Mit dem Ackerbau und der Viehzucht zerrsetzte sich der Urkommunismus und es bildete sich eine Klassengesellschaft heraus. Die Übergangsgesellschaft vom Urkommunismus zur frühen Klassengesellschaft nannte der Marxismus-Leninismus „militärische Demokratie“, während ihn die bürgerliche Ethnologie als „Häuptlingstum“ bezeichnet. Beispiele für einen zerfallenden Urkommunismus beziehungsweise einer sich langsam entwickelnden Klassengesellschaft waren die Germanen zur Zeit des antiken Römischen Reiches und einige Stämme der nordamerikanischen UreinwohnerInnen (siehe Kapitel I.2 der Schrift Die kapitalistische Vernichtung beziehungsweise Integration des vorkapitalistischen Kommunismus).
Merkmale der „militärischen Demokratie“ beziehungsweise des „Häuptlingstums“ sind, dass privilegierte Funktionen wie die von Häuptlingen oder von Medizinmännern/Schamanen/Priestern erblich werden. Begünstigt wird eine entstehende Klassengesellschaft durch Erscheinungen, die einen wachsenden Zentralismus erfordern: zum Beispiel die künstliche Bewässerung oder permanente militärische Auseinandersetzungen mit anderen Gemeinschaften – besonders mit bereits existierenden Klassengesellschaften. Zum ersten Mal entwickelte sich eine Übergangsgesellschaft vom Urkommunismus zu einer frühen Klassengesellschaft im Vorderen Orient auf der Grundlage eines ausgebildeten Regenfeldbaus seit dem 8./7. Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung. Dort bildete sich eine Priesterherrschaft heraus, welche die künstliche Bewässerung leitend organisierte.
In einer solchen Übergangsgesellschaft vom Urkommunismus zur Klassengesellschaft gibt es bereits große soziale Unterschiede zwischen Jung und Alt, zwischen Männern und Frauen – die ersteren entwickeln sich immer stärker zu den Unterdrückern der letztgenannten, zwischen geistig-leitender und körperlich-ausführender Tätigkeit, zwischen mehr und weniger ökonomisch erfolgreichen Mitgliedern des Stammes. Die zunehmenden sozialen Widersprüche verlangen nach einem scheinbar neutralen Schiedsrichter. Diese Rolle wird von zunehmend privilegierten Häuptlingen und Medizinmännern/Schamanen/Priestern ausgeübt. Aber diese Privilegierten können sich noch nicht auf einen Staat – also einen politischen Gewaltapparat – stützen. Der zerfallende Urkommunismus ist keine klassenlose Gesellschaft mehr – aber er ist auch noch nicht in Form des Staates zur Klassengesellschaft versteinert. Friedrich Engels beschrieb die soziale Organisation einer solchen Gesellschaft so: „Heerführer, Rat, Volksversammlung bilden die Organe der zu einer militärischen Demokratie fortentwickelten Gentilgesellschaft. Militärisch – denn der Krieg und die Organisation zum Krieg sind jetzt regelmäßige Funktionen des Volkslebens geworden.“ (MEW, 21, S. 159.)
Sozialökonomisch beruhten die „militärische Demokratie“ oder das „Häuptlingstum“ auf dem gemeinsamen Besitz von Boden (Ackerland, Viehweiden und Wald) sowie Gewässern durch Stämme oder Dorfgemeinschaften. Sehen wir uns dies bei den Germanen in der Periode der „militärischen Demokratie“ genauer an. Viehweiden und Wald befanden sich ganz und ungeteilt im Besitz der germanischen Dorfgemeinschaft, der Mark. Die Ackerfelder verblieben zwar formal im Besitz der Dorfgemeinschaft, gerieten aber durch Verlosung in die Verfügungsgewalt der bereits patriarchalen Einzelfamilien. Die einzelfamiliäre Verfügungsgewalt über das Ackerland war noch kein Privateigentum, aber eine Vorstufe dazu (siehe Kapitel 2 dieser Schrift). Das Ackerland wurde in der Periode der „militärischen Demokratie“ bei den Germanen noch nach einiger Zeit umverteilt, also neuverlost. Diese Verlosung von Ackerland hielt sich in einigen Gemeinden der Bayrischen Pfalz und am Rhein noch bis in das 19. Jahrhundert. An der Spitze der germanischen Markgenossenschaft stand der Dorfgraf oder Schultheiß, in bestimmten Gegenden auch Markmeister oder Centener genannt. Am Anfang bestand noch eine Wählbarkeit dieser privilegierten Funktion, sie wurde aber mit der zunehmenden Auflösung des Urkommunismus erblich.
Bei den Germanen transformierte sich die „militärische Demokratie“ in den Feudalismus (siehe Kapitel 2 dieses Textes). Davor transformierte sich bei den Griechen und den Römern der sich auflösende Urkommunismus in die SklavInnenhalterInnengesellschaft. In Griechenland bildete sich die antike Sklaverei zwischen dem 10. und dem 7. Jahrhundert und in Rom zwischen dem 7. und dem 5. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung heraus. Doch die weltgeschichtlich erste Transformation von der „militärischen Demokratie“ zur staatlich organisierten Klassengesellschaft entwickelte sich im Vorderen Orient seit dem Ende des 4. Jahrtausends vor der christlichen Zeitrechnung. Diese weltgeschichtlich früheste Klassengesellschaft wurde und wird von einigen MarxistInnen auch „asiatische Produktionsweise“ genannt. Sozialökonomisch beruhte diese Klassengesellschaft teilweise auf dem Gemeineigentum des Stammes oder der Dorfgemeinde an agrarischer Nutzfläche, welches sich aber in einigen Gebieten schließlich in Staatseigentum transformierte. Das Gemeineigentum an Grund und Boden als Restbestandteil des Urkommunismus war aber bereits von der entstehenden Klassengesellschaft deformiert, während Staatseigentum an Produktionsmitteln grundsätzlich ein sozialreaktionärer Ausdruck der Klassenherrschaft ist – einschließlich des von marxistisch-leninistischen Politbonzen beherrschten „sozialistischen“ Staatskapitalismus. Aber egal, ob in der frühen Klassengesellschaft der Grund und Boden noch formal Stammes- oder Dorfeigentum (Indien), oder bereits auch offiziell Staatseigentum (Ägypten) war: Die Produktion – besonders die künstliche Bewässerung – wurde vom Staat als politischen Gewaltapparat organisiert. Die den Staat beherrschenden BerufspolitikerInnen und -ideologInnen (Priester) eigneten sich als herrschende Klasse das gesellschaftliche Mehrprodukt an, dass sie teilweise zur Erweiterung der Produktion und zum anderen Teil zu einer privilegierten Konsumtion nutzten. Eine ähnliche frühe Klassengesellschaft bildete sich in Mittel- und Südamerika bei den Azteken (14.-16. Jahrhundert) und Inka (13. bis 16. Jahrhundert) heraus, die vom spanischen Kolonialismus zerschlagen wurde. Ansätze dazu entwickelten sich in Form der Mississippi-Kultur auch in Nordamerika (siehe Kapitel I.2 unseres Textes Die kapitalistische Vernichtung beziehungsweise Integration des vorkapitalistischen Kommunismus).


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