Neue Broschüre: Coronaviruspandemie und Klassenkampf

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Inhalt

Einleitung

Coronaviruspandemie und kapitalistische Krisendynamik

I. Die kapitalistische Krisendynamik vor der Coronaviruspandemie
1. Die krisenhafte Spirale der Kapitalvermehrung
2. Vom privatkapitalistischen Nachkriegsaufschwung zur strukturellen Profitproduktionskrise
3. Die Transformationskrise in Russland und in Osteuropa
4. Der sozialökonomische Aufstieg Chinas
5. Die Weltwirtschaftskrise ab 2007
6. Die relative Stabilisierung des Weltkapitalismus (2010-2019)
II. Die Coronaviruskrise
1. Die globale Coronaviruspandemie
2. Die Coronaviruspandemie als Teil der biosozialen Reproduktionskrise
3. Die Coronaviruspandemie als Profitkrise
4. Die Zuspitzung der allgemeinen kapitalistischen Krisendynamik
durch die Coronaviruspandemie
5. Staatliche Krisenpolitik während der Coronaviruspandemie

Coronaviruskrise und Klassenkampf

I. Die Coronaviruspandemie als politischer Klassenkampf von oben
1. Die internationale Staatengemeinschaft gegen das Weltproletariat
2. Staatliche Notverordnungen
3. Rechte, mittige und linke Politik gegen das Proletariat
4. Die Notwendigkeit einer globalen sozialrevolutionären Antipolitik
II. Klassenauseinandersetzungen während der Coronaviruspandemie
1. Überleben heißt Klassenkampf, Klassenkampf heißt Überleben!
2. Konflikte in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie
3. Auseinandersetzungen im Gesundheitswesen und in der Pflege
4. Konflikte im Einzel- und Onlinehandel
5. Klassenkämpfe im Schulwesen
6. Konflikte in der Metallindustrie
7. Auseinandersetzungen im Flugverkehr
8. Geflüchtete im Widerstand
9. Rebellion der Inhaftierten
10. Aufruhr der Elendsviertel
11. Widerstand der rassistisch Benachteiligten

Überleben heißt Klassenkampf, Klassenkampf heißt Überleben!

Das Kapital und die Staaten als politische Gewaltapparate der Kapitalvermehrung waren auch während der globalen Coronaviruspandemie möglichst bestrebt, die Profitproduktion und -realisation am Laufen zu halten. Doch während der Lohnarbeit als kapitalistischen Ausbeutungsprozess waren und sind die medizinischen Erfordernisse zur Eindämmung der Pandemie – körperlicher Mindestabstand zu anderen Menschen, Gesichtsschutz – nur schwer bis gar nicht durchzusetzen. So wurde die Coronaviruspandemie ein konkreter Ausdruck der allgemeinen Tatsache, dass der Kapitalismus gewohnheitsmäßig die Gesundheit und das Leben der Lohnabhängigen gefährdet. Gegen die starke Tendenz des Kapitalismus zur Überausbeutung der Lohnarbeit und der Gefährdung der biosozialen Reproduktion des Proletariats kann sich das letztere nur in Form des Klassenkampfes wehren. Überleben heißt Klassenkampf, Klassenkampf heißt überleben!
Doch im ganz normalen Zustand des kapitalistischen Wahnsinns und auch oft in außergewöhnlichen Situationen, in dem dieser extrem zugespitzt wird wie in der jetzigen Coronaviruspandemie, bewegt sich der proletarische Klassenkampf in den reproduktiven Grenzen des Kapitalismus. Die Mehrheit des Proletariats hat außer in objektiv-subjektiv revolutionären Situationen ein reproduktiv-sozialreformistisches Bewusstsein. Der gewerkschaftliche und linkspolitische Sozialreformismus der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung hilft dabei, die Grenzen des reproduktiven Klassenkampfes geistig-praktisch zu verfestigen. Proletarische RevolutionärInnen wissen, dass sie diese Grenzen nicht künstlich sprengen können, die mögliche Radikalisierung des Proletariats im und durch Klassenkampf ist ein komplizierter und langandauernder Prozess. Als vorwärtstreibender Teil des Klassenkampfes bekämpfen proletarische RevolutionärInnen die Lohnarbeit grundsätzlich. Sie geben wichtige praktisch-geistige Impulse zur Radikalisierung des Klassenbewusstseins – damit dieses die kapitalismusreproduzierenden Grenzen überwindet und sich zum bewussten Sein der sozialen Revolution entwickelt.
Der Klassenkampf blieb während der Coronaviruspandemie im reproduktiven Rahmen. Aber er war verdammt wichtig für die allgemeine Radikalisierung des Proletariats und der progressiven Teile der lohnabhängigen KleinbürgerInnen. Wir wollen in diesem Kapitel branchenübergreifend sowohl Klassenkämpfe zur Einschränkung der Produktion in bestimmten Situationen als auch deren Ausbleiben in anderen beschreiben.
In Italien wurden die Lohnabhängigen während der Coronaviruspandemie in der Produktionssphäre schutzlos Krankheit und Tod ausgesetzt. Die ursprüngliche Entscheidung des italienischen Staates die meisten Geschäfte zu schließen, aber die Produktion laufen zu lassen, trat aber im März 2020 auf den klassenkämpferischen Widerstand des Proletariats. Es entwickelten sich spontane Arbeitsniederlegungen von Brescia bis Montua sowie in den Provinzen Asti, Vercelli und Cuneo in Norditalien – dem Zentrum der Industrie in diesem Land. An diesen Streiks beteiligten sich die LohnarbeiterInnen zahlreich. So traten sie in der AST-Fabrik in Terni am 13. März um 6 Uhr morgens in einen achtstündigen Ausstand. Auch in der Gegend um Brescia entwickelte sich eine spontane Streikwelle in einigen Fabriken, die trotz der Pandemie weiter Mehrwert produzieren lassen wollten. Doch die ArbeiterInnen machten deutlich: „Wir sind kein Schlachthof-Fleisch“. Sie forderten die Einstellung der Produktion für 15 Tage. Auch 450 Lohnabhängige der historischen Männermode-Marke Corneliani legten in der Fabrik in Mantua die Arbeit nieder. Die ArbeiterInnen bei Fiat traten ebenfalls in den Streik.
Teilweise appellierten die Gewerkschaftsbonzen an die Lohnabhängigen, die „Wirtschaft“ anzukurbeln. Doch das klassenkämpferische Proletariat Italiens trieb teilweise die bürgerlichen Gewerkschaftsapparate vor sich her und zwang sie dazu den Widerstand zu unterstützen. „Wir diskutieren mit den Unternehmen, wie wir mit dieser Situation umgehen können. Wir registrieren Streiks in vier oder fünf Sektoren“, sagte der Sekretär der Gewerkschaft Cgil von Brescias, Francesco Bertoli. So bestätigten die Gewerkschaften bei der Firma Fincantieri den Beginn des Protestes: „Es ist unmöglich, die Regeln zu respektieren – zum Beispiel kann man mit drei LeiharbeiterInnen diese Arbeit nicht in einem Abstand von einem Meter voneinander durchführen, es wäre besser alles abzuschalten. Dieser Virus ist eine Katastrophe, und wir fühlen uns nicht geschützt.“
Die so genannte Basisgewerkschaft USB (mehr zu dieser: siehe das Kapitel II.2 dieser Schrift) rief im März 2020 zu einem 32-stündigen Streik in nicht für die biosoziale Reproduktion wesentlichen Industriebereichen auf. Sie forderte „drastische Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und der Löhne der Beschäftigten“. Die Delegierten dieser Gewerkschaft machten auch deutlich, dass die meisten ProletarierInnen keine Schutzmasken hatten und auch Handschuhe nicht ausreichend vorhanden waren. „Wir bekommen nur ein Paar pro Tag“, berichteten die wütenden ArbeiterInnen. Auch das Alkohol-Gel zur Desinfektion fehlte eine Zeit lang. Der Sicherheitsdelegierte von Usb Logistics sagte in einer Videoübertragung auf seiner Facebook-Seite: „Das Lager wird nicht desinfiziert, die Werkzeuge werden nicht desinfiziert.“ Die Delegierten kritisierten scharf, dass die LogistikerInnen seit Wochen Waren und Pakete auslieferten. Sogar an Menschen unter Quarantäne, die eigentlich nicht ihre Türe öffnen sollten, wodurch sie sich der Gefahr aussetzten, an COVID-19 zu erkranken. Auch die Beschäftigten der Logistikfirma Bartolini in Caorso in der Provinz Piacenza protestierten gegen ihre Arbeitsbedingungen, bei denen sie dem Coronavirus schutzlos ausgeliefert waren. Deshalb traten auch sie in den Ausstand. Unter der Losung „Gegen die Bosse und das Coronavirus“ gaben sie dem Weltproletariat ein positives Beispiel für die klassenkämpferische Reaktion auf die vom Kapitalismus produzierte biosoziale Reproduktionskrise. „Gesundheit vor Leistung“ war eine weitere Forderung von ihnen. Wir spitzen zu: Gesundheit statt krankmachende Kapitalvermehrung. (Alle bisherigen Zitate: klassegegenklasse.org, Italien: Wut und spontane Streiks wegen des Coronavirus vom 12. März 2020.)
Auch die Lohnabhängigen von IKEA Anagnina in Rom traten in den Klassenkampf. Sie legten ihrer Arbeit nieder. Sie begründeten ihren Streik damit, dass der körperliche Mindestabstand zu anderen Menschen an ihrem Arbeitsplatz nicht gesichert sei. Die Beschäftigten des PSA Terminals Genova Pra folgten ihrem Beispiel und traten am 11. März 2020 in den Streik. Sie protestierten dagegen, dass Kräne und andere Maschinen nicht desinfiziert wurden.
Auch in Großbritannien wurden die Lohnabhängigen während der COVID-19-Pandemie diesem Risiko für Gesundheit und Leben schutzlos ausgeliefert. Doch auch die Insel wurde während dieser Zeit zum Ort des klassenkämpferischen Widerstandes des Proletariats. Der Arbeitsrechtsexperte Gregor Gall berichtete Mitte April 2020 in einem Artikel für die Webseite des linkspolitischen Magazins Tribune, dass sich während des Höhepunktes der Coronaviruspandemie in Großbritannien mehr als 50 spontane Arbeitsniederlegungen entwickelten. Unter anderem streikten die Lohnabhängigen bei Lieferdepots, bei der Post, auf Großbaustellen, bei großen Handelsketten und im Gesundheitswesen. Dabei standen verschiedene Aspekte der Coronakrise im Mittelpunkt. Die ArbeiterInnen protestierten in ihren Klassenkämpfen gegen fehlende Schutzausrüstung, verschlechterte Arbeitsbedingungen und gegen die Angriffe der Bourgeoisie auf Löhne und Urlaubsansprüche. Das klassenkämpferische Proletariat schiss dabei auf die bürgerliche Gesetzgebung dieses Landes einen riesengroßen Haufen. All diese Arbeitsniederlegungen waren nach britischem Recht illegal. Nach der Justiz der kapitalistischen Diktatur in demokratischer Form hätten Urabstimmungen per Briefwahlen stattfinden müssen. Diese konnten aber nicht durchgeführt werden, weil die dafür zuständigen Organisationen aufgrund von COVID-19 inaktiv waren. So handelte das klassenkämpferische Proletariat nach der Devise: legal, illegal, scheißegal!
Bei der britischen Post entfalteten sich die spontanen Ausstände rund um die großen Zentraldepots. In Kent streikten die Lohnabhängigen der Post wegen mangelnder Desinfektionsmittel. Während in Warrington die KollegInnen die Arbeit niederlegten, weil die Chefetage weiterarbeiten ließ – obwohl ein dortiger Lohnabhängiger an COVID-19 erkrankte. Ähnliche Streiks entfalteten sich unter anderem in Winchester, Liverpool, Schottland und Stoke.
Im Gesundheitswesen richtete sich die Wut der dort Beschäftigten gegen die mörderischen Auswirkungen des Missmanagements des Staates als oberster Krankheitsverwalter der kapitalistischen Nation. So steckten zum Beispiel im April 2020 400.000 Einheiten von Schutzkleidung für das britische Gesundheitswesen auf einem türkischen Flughafen fest. Die Gesundheitsbehörde „Public Health England“ wies die Lohnabhängigen an, die Ausrüstung mehrfach zu verwenden, wenn nicht genug vorhanden war. Im britischen Gesundheitswesen starben bis zum 22. April 2020 mehr als 50 Beschäftigte an COVID-19. Aufgrund der tödlichen Gefährdung der Lohnabhängigen und des klassenkämpferischen Druckes der Basis waren auch die Gewerkschaftsapparate zum Handeln gezwungen. So richtete der Oberbonze der Großgewerkschaft Unite, Leonard McCluskey, Ende der zweiten Aprilwoche 2020 an die 100.000 Mitglieder im Gesundheitssektor über Twitter aus, dass sie „das legitime und legale Recht, sich einer Selbstgefährdung während der Arbeit zu verweigern“ hätten. Unite würde „die Beschäftigten verteidigen, wenn sie diesen Schritt wählen“.
Im britischen Bausektor entwickelte sich die Initiative „Shut the Site“ (auf Deutsch: „Schließt die Baustellen“). Tragerinnen dieser Initiative waren vor allem klassenkämpferische Basisstrukturen, die sich im Kampf gegen die antigewerkschaftlichen „schwarzen Listen“ – ja ein großer Teil der Weltbourgeoisie will die Co-Management-Dienstleistungen der globalen Gewerkschaftsbewegung nicht in Anspruch nehmen und bekämpft diese konsequent – entfalteten.
Im April 2020 zirkulierte nach der Auskunft des in der Baubranche bekannten Aktivisten Dave Smith „auf allen großen Baustellen“ des Landes ein Video, dass die Arbeitsbedingungen hart kritisierte. In dem von der Londoner Aktivistengruppe „Real News“ hergestellten Kurzfilm hieß es unter anderem, dass hunderte BauarbeiterInnen in den kommenden Wochen sterben würden, weil diese zur Maloche auf nicht essentiellen Baustellen gezwungen würden. Das Video riet die KollegInnen von „individuellen Beschwerden“ über diese Zustände ab, weil sie auf diese Weise schnell den Job verlieren könnten. Es sei dagegen wichtig, sich untereinander zu organisieren, um Forderungen kollektiv vortragen zu können. Genau diese Methode hätte an manchen Orten bereits zu Schließungen von Baustellen geführt.
Außerdem forderte „Shutt the Sites“, dass BauarbeiterInnen unabhängig von ihrem Beschäftigungsverhältnis weiterhin ihren vollen Lohn ausbezahlt bekommen sollten, damit ihre biosoziale Reproduktion auch in der Coronaviruspandemie gesichert sei. In Großbritannien gehören rund eine Million BauarbeiterInnen zu den Scheinselbständigen. Diesen stehen wichtige Sozialleistungen nicht zu. Deshalb verlangen klassenkämpferische Bauleute auch zusätzliche staatliche Maßnahmen wie die Aussetzung von Mietzahlungen und die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. (Alle Zitate über den Klassenkampf in Großbritannien: Christian Bunke, Streiks in Großbritannien, in: junge Welt vom 22. April 2020, S. 7.)
Auch das oberschlesische Industriegebiet in Polen war ein Zentrum der COVID-19-Pandemie. Mitte Mai 2020 lebten über 30 Prozent der gut 18.000 offiziell mit dem Coronavirus infizierten Menschen dieses Landes in der Wojewodschaft rund um Katowice – rund 6.000 „Fälle“. Der hohe Anteil war allerdings möglicherweise irreführend, weil ab Mai in Oberschlesien verstärkt getestet wurde. Bis zum 19. Mai 2020 stieg die Zahl der Kohlegruben, die wegen besonders hohen Infektionen mit dem Coronavirus geschlossen worden sind, auf fünf.
Doch unter den Bergleuten war die Angst vor der Erwerbslosigkeit größer als die vor COVID-19. Die Gewerkschaft „Sierpien 80“ – „August 80“ auf Deutsch, benannt nach dem Monat des Beginns der Massenstreiks im staatskapitalistischen Polen, die die proprivatkapitalistische Gewerkschaft Solidarnosc für ihr eigenes schmutziges Spiel nutzte – betrieb eine ekelhafte nationalistische Propaganda. Diese Gewerkschaft veröffentlichte Mitte Mai 2020 eine Erklärung, in der sie der Regierung in Warschau vorwarf, sie würde gegenüber der EU und deren Klimapolitik auf die Knie fallen und die Grundlagen der nationalen Energieversorgung opfern. Die Kohleverstromung ist eine durch und durch schmutzige Energiegewinnung. Dass der Apparat von „Sierpien 80“ die kapitalistischen Ausbeutungsplätze gegen die biosoziale Reproduktion verteidigt, ist typisch für Gewerkschaften.
Diese sind in diesem Fall der bürokratisch entfremdete Ausdruck des reproduktiv-sozialreformistischen Klassenbewusstseins der Mehrheit des Proletariats. Solange diese noch nicht bewusst für eine klassen- und staatenlose Gesellschaft kämpft, fürchtet sie die Arbeitslosigkeit mehr als die schlechtesten Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung. In polnischen Bergbau kommt noch dazu: diese ist international nicht konkurrenzfähig, da ihre Produktionskosten zu hoch sind. Selbst im Inland wurde sie immer unverkäuflicher. Die polnischen Kraftwerksbetreiber greifen immer stärker auf Importware zurück. Anfang Juni 2020 lagen rund sieben Millionen Tonnen Kohle auf Halde – das entsprach der Fördermenge eines Vierteljahres. Außerdem kommt auch Polen nicht an der Simulation einer kapitalistisch-technokratischen „Lösung“ der ökologischen Krise vorbei. Die Zertifikate für die Emissionen der genutzten Kohle werden immer teurer. Die polnischen Strompreise sind im Vergleich mit der EU hoch und werden zu einem Hindernis der Kapitalvermehrung. So hatten die Bergleute mehr Angst um ihre Arbeitsplätze als vor COVID-19. Deshalb blieb deren Klassenkampf gegen das hohe Infektionsrisiko aus.
Die Gewerkschaften Solidarnosc und „Sierpien 80“ verhandelten mit der polnischen Regierung und den Bergbaukonzernen über ein neues Hilfspaket für den Kohlebergbau. Da dieser in Polen international nicht konkurrenzfähig ist, können die bürgerlichen Gewerkschaftsapparate bei der „Verteidigung der Arbeitsplätze“ nur auf Nationalismus setzen. So forderten sie einen Stopp der Einfuhr der Importkohle – während die Bergleute beim Abbau der „nationalen“ Kohle weiterhin auch mit dem Segen der Gewerkschaftsbonzen dem Infektionsrisiko ausgesetzt wurden. Leider hielt die Angst der Bergleute um ihre Jobs diese vor Streiks gegen ihre Verheizung zurück.
In Polen lag die Zahl der Neuinfizierten Anfang Juni 2020 bei knapp 600 pro Tag mit leicht steigender Tendenz. Rund die Hälfte der Neuinfektionen entfiel auf die Wojewodztwo slaskie. Insgesamt infizierten sich in diesem Gebiet bis zum 10. Juni ungefähr 9.000 Menschen mit dem Coronavirus. 60 Prozent entfielen auf die Bergleute und ihre Familien. Der Staat kam aus Gründen der Eindämmung von COVID-19 an der Schließung von Kohlezechen nicht vorbei. So schloss er seit dem 9. Juni 2020 im Kohlenrevier von Gorny Slask 12 Gruben für drei Wochen. Die von dieser Schließung betroffenen Bergleute bekamen in dieser Zeit den vollen Lohnausgleich. Dies tat der politische Gewaltapparat aus Angst vor dem sonst drohenden Klassenkampf der Bergleute. Von den zwölf geschlossenen Kohlegruben gehörten zehn der staatlichen Bergbauholding PGG, während nur zwei das Eigentum der Privatfirma JSW darstellten. So trag die staatliche PGG mit 80 Prozent der stillgelegten Betriebe die wirtschaftliche Hauptlast, obwohl mehr als 50 Prozent der COVID-19-„Fälle“ sich in den zwei geschlossenen Gruben der privaten JSW ereigneten. Dies entsprach durchaus dem neoliberalen Krisenkeynesianismus, der sich auch sonst in Europa, in Japan und in den USA entfaltete (siehe das Kapitel I.5 unseres Textes Coronaviruspandemie und kapitalistische Krisendynamik). Dazu kommt noch, dass das private Einzelkapital JSW von ihren lohnabhängigen Bergleuten Profit produzieren lässt, während die staatliche PGG seit Jahren Verluste einfährt. Letztere wurde 2016 als Auffanggesellschaft gegründet. Sie sollte das seit der Transformation vom Staats- zum Privatkapitalismus andauernde Zechensterben „sozialverträglich“ gestalten. Die Gewerkschaften Solidarnosc und „Sierpien 80“ gaben ihrer Befürchtung Ausdruck, dass die polnische Regierung unter dem Vorwand der Eindämmung der Atemwegserkrankung die Zechenschließung vorantreiben wollte. Das Beispiel Polen, wo Gewerkschaften die krankmachende Förderung der Kohle gegen die staatliche Politik verteidigen, zeigt besonders anschaulich die Grenzen des reproduktiven Klassenkampfes auf.
Auch in Österreich zeigten die Gewerkschaften während der Pandemie deutlich ihren Charakter als Co-Managerinnen der kapitalistischen Ausbeutung. Am 30. März 2020 kündigten in diesem Staat mehrere Baukapitale an, dass sie in den folgenden Tagen die wegen COVID-19 unterbrochene Lohnarbeit ihrer „SozialpartnerInnen“ wieder ausbeuten würden. Der Staat hatte den Stillstand der Bautätigkeit sowieso davor nicht angeordnet, viele Baufirmen stellten diese Arbeit während der Pandemie vorübergehend ein – auch aufgrund des klassenkämpferischen Druckes der BauarbeiterInnen. Denn der von der österreichischen Regierung angeordnete Mindestabstand zwischen den Menschen von zwei Metern konnte auf den Baustellen nicht eingehalten werden.
Die „Gewerkschaft Bau-Holz“ (GBH) des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) hatte davor selbstverständlich nicht die lohnabhängige Basis gegen die Gesundheitsgefahren mobilisiert, sondern einen Baugipfel mit Kapital und Politbonzen gefordert, der Ende der letzten Märzwoche 2020 stattfand. Auf diesem einigten sich die Bau-Bourgeoisie, die Regierung und die Gewerkschaftsbonzen darauf, dass auf den Baustellen weitergearbeitet werden dürfe. Die von der GBH geforderte Unterbrechung der Bautätigkeit bis nach Ostern 2020 wurde von dem ideellen österreichischen Gesamtkapitalisten und dem Baukapital abgelehnt. Als gute DemokratInnen beugten sich die Gewerkschaftsbonzen der demokratischen Mehrheit des Kapitals und des politischen Gewaltapparates. Selbstverständlich organisierte die GBH keine Arbeitsniederlegungen gegen diese Entscheidung. Die ÖGB-Bonzen halfen den Bau-KapitalistInnen dabei, alternative Bestimmungen für die Branche auszuarbeiten. So sollten, wenn der Schutzabstand nicht eingehalten werden konnte, was auf dem Bau beim Arbeiten die Regel war, die Lohnabhängigen Schutzmasken tragen. Diese müssen von den Bau-Bossen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem hieß es in den Vorgaben recht unbestimmt, dass die Kontaktzeit zwischen den ArbeiterInnen „möglichst kurz gehalten“ werden sollte.
Der ÖGB war natürlich mit seinem Co-Management wieder mal sehr zufrieden. Der GBH-Chef Josef Muchitsch sagte in einer Stellungnahme seiner Bonzenzuchtvereinigung: „Wir haben als Sozialpartner unsere Verantwortung wahrgenommen.“ Artig bedankte sich das Gewerkschaftswauwauchen bei seinem kapitalistischen Herrchen: „Danke an alle Verhandler auch auf der Arbeitgeberseite.“ (Zitiert nach: Simon Loidl, Masken statt Kampf, in junge Welt vom 1. April 2020, S. 7.)
Auch in Deutschland organisierten die Gewerkschaften in der Regel während der Hochphase der COVID-19-Pandemie keine Streiks und vertrösteten ihre lohnabhängige Basis auf die Zeit nach deren Überwindung. Das traf auch auf die Kritik von LinksreformistInnen. So sagte die Diplom-Informatikerin, das Verdi-Mitglied und Aktivistin der sozialdemokratischen Partei Die Linke sowie des linksbürgerlichen Antifaschismus/Antirassismus, Irmgard Wurdack gegenüber der jungen Welt: „Was zum Beispiel in der Verdi-Mitgliedszeitung formuliert wurde, reicht mir nicht aus: das gestreikt und protestiert werden könne, wenn die Pandemie vorbei ist. Jetzt sind Menschen von Kurzarbeit betroffen, jetzt müssen Menschen unter extremen Bedingungen und ohne ausreichenden Schutz vor einer Ansteckung arbeiten, jetzt machen Unternehmen dicht. Auch unter den gegenwärtig schwierigen Bedingungen, ist es nötig Druck zu entfalten – und nicht nur mit der Regierung am Verhandlungstisch zu sitzen und darauf zu hoffen, dort das eine oder andere durchsetzen zu können.“ (Zitiert nach: „Die Proteste wurden längst von Rechten vereinnahmt“. Gespräch mit Irmgard Wurdack, in: junge-Welt-Beilage faulheit & arbeit vom 23./24. Mai 2020, S. 2.)
SozialrevolutionärInnen schüren keine Illusionen in die Gewerkschaftsapparate. Das Proletariat kann sich nur selbst von kapitalistischer Ausbeutung befreien – ohne und gegen die Gewerkschafts- und Politbonzen. Zurzeit ist wegen dem reproduktiv-sozialreformistischen Bewusstsein der übergroßen Mehrheit der Klasse nur ein Kampf zur Verringerung der Ausbeutung möglich. Aber notwendig ist jetzt ein Klassenkampf dagegen, dass das Proletariat zum Wohle des Profits schutzlos der Coronaviruspandemie ausgesetzt wird und die kapitalistische Krise ausbaden soll. Dass dieser größtenteils in der BRD ausbleibt, zeigt das relativ niedrige Niveau des Klassenkampfes in diesem Land.